# taz.de -- Queeres Leben im geteilten Berlin: Feste und Festnahmen
       
       > Andrea Rottmann stellt ihr Buch „Bedrohtes Begehren: Queeres Leben im
       > geteilten Berlin, 1945–1970“ in der Landeszentrale für politische Bildung
       > vor.
       
 (IMG) Bild: aus dem besprochenen Band: Hilde Radusch und Else (Eddy) Klopsch
       
       Ein Foto zeigt eine lebhafte Gruppe mit Sekt vor einer Blumentapete. Auf
       einem anderen tanzen zwei Personen in kurzen Kleidern, bejubelt vom Rest
       der Partygesellschaft. Die Schnappschüsse dokumentieren das dreijährige
       Jubiläum der Kreuzberger Bohème Bar 1955.
       
       Was auf den ersten Blick wie ein privates Fotoalbum wirkt, ist Teil einer
       Ermittlungsakte der West-Berliner Polizei. Die BRD übernahm den in der
       NS-Zeit verschärften §175, während die DDR zur bis 1933 geltenden Version
       zurückkehrte. Somit war Sex unter Männern verboten, und jedes queere Lokal
       stand unter Generalverdacht.
       
       Andrea Rottmann rekonstruiert in „Bedrohtes Begehren: Queeres Leben im
       geteilten Berlin, 1945–1970“, wie sich diese queerfeindlichen Politiken in
       den beiden deutschen Staaten unterschiedlich manifestierten. Dabei richtet
       sie den Blick insbesondere auf lesbische und trans Existenzen, die jenseits
       der cis-männlichen Kriminalisierung bisher wenig erforscht wurden.
       
       Ihr Buch orientiert sich an den Alltagsräumen queerer Menschen zwischen
       Kriegsende und 1970, also noch vor der konfrontativ in die Öffentlichkeit
       tretenden Homosexuellen Aktion Westberlin. Neben dem Zuhause, Parks und
       Straßen geht es auch um Frauengefängnisse, in denen Wärterinnen den „Hang
       eines nicht kleinen Teils der AE [Arbeitserziehungspflichtigen] zur
       lesbischen Liebe“ kritisieren.
       
       ## Materialreiche Mikrogeschichten
       
       Le Punch, Pink Elephant, L’inconnue. Auf der Lesung in der Berliner
       Landeszentrale für politische Bildung zählt Rottmann die vielen mondänen
       Bar-Namen auf und verortet sie auf dem Stadtplan. Und wenn
       Interview-Ausschnitte mit Zeitzeug:innen abgespielt werden, entsteht
       eine besondere Stimmung im Publikum.
       
       Rottmann lässt die queeren Mikrogeschichten so empathisch und materialreich
       aufleben, dass man sich eigentlich hunderte weitere Seiten voller
       zusammengetragener Lebensverläufe wünscht.
       
       Ein Highlight ist die Fotosammlung der Ost-Berliner Hundefrisörin Rita
       ‚Tommy‘ Thomas. In der Abgeschiedenheit eines Kleingartens zeigen die Fotos
       befreundete Butch-Fem-Paare – in der damaligen Begrifflichkeit: Bubis und
       Mäuschen.
       
       Mit dem Bau der Mauer 1961 waren Ost-Berliner:innen vom queeren
       West-Berliner Nachtleben abgeschnitten. Die Neubetrachtung des ersten
       Berliner Mauertoten Günter Litfin ist eindrücklich: Die SED nutzte den
       homophoben Diskurs um den „Puppe“ genannten Litfin, um von seiner Ermordung
       abzulenken. Das 1962 in West-Berlin errichtete Litfin-Denkmal bezeichnet
       der Moderator Karl-Eduard von Schnitzler im Schwarzen Kanal als „Denkmal
       für einen Berufs-Homosexuellen“.
       
       Ebenso denunziatorisch ergeht es der lesbischen Hilde Radusch. 1946 wird
       sie nach fast 25 Jahren Parteimitgliedschaft durch eine Intrige aus der KPD
       verstoßen. Ihr ‚Genosse‘ Heinz S. schreibt: „Wie kriegen wir die Radosch
       [sic!] raus die ist uns als Weib zu klug und gefährlich“.
       
       Die Geschichte zeigt, so Rottmann, dass progressive Erfolge nicht
       automatisch lineare Fortschritte sind. Sondern Momentaufnahmen, die
       rückgängig gemacht werden können. Dass die Lesung im Rahmen des Queer
       History Months stattfindet, der 2025 kurzzeitig durch den Senat unter Kai
       Wegner (CDU) gestrichen wurde, zeigt die Aktualität dieser Diagnose.
       
       Umso mehr macht das Buch Hoffnung, indem es Strategien des sexuellen und
       gesellschaftlichen Selbsterhalts aufzeigt. Und gerade live werden diese
       Lebenswelten erfahrbar, in denen es gelungen ist, trotz massiver Repression
       standhaft zu bleiben – und ein von Lust, Freude und Würde geprägtes Leben
       zu führen.
       
       So notiert Radusch zum Jahrestag mit ihrer Freundin Else „Eddy“ Klopsch
       1949: „nette Feier Kaffee, Torte, Kuchen, Schnaps/Zigaretten, Sülze,
       Tomatensalat, Kartoffelsalat, Tee“.
       
       29 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sidney Kaufmann
       
       ## TAGS
       
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