# taz.de -- Roman aus Japan „Die Fabrik“: Den Waldgeist bitte ignorieren
> Hiroko Oyamada beschreibt Arbeit als totalen Zustand in „Die Fabrik“. Was
> genau dort produziert wird, bleibt ebenso unklar wie der Sinn der
> Tätigkeiten.
(IMG) Bild: Hiroko Oyamada zeigt, wie sich Entfremdung erzählen lässt
Fassungslos sieht einer der Protagonisten in Hiroko Oyamadas Roman „Die
Fabrik“ sein Gegenüber während des Vorstellungsgesprächs an: „Ich verstand
nicht, was er sagte, aber vor allem verstand ich nicht, welche Intention
dahintersteckte.“ Der Mann, der das Gespräch mit ihm führt, lächelt ihn
fröhlich an: „Haben Sie sonst noch Fragen?“
Ja, die hätte er. Aber er stellt sie nicht. Denn in Oyamadas Roman haben
Fragen von Beginn an ihre Funktion verloren. Realität und Irritation liegen
so dicht beieinander, dass die Unklarheit als solche nicht mehr auszumachen
ist. Sie ist zum Normalzustand geworden.
„Die Fabrik“, schon 2013 in Japan erschienen und nun erstmals auf Deutsch,
erzählt von drei Angestellten, die ihren Job in einem riesigen, alles
verschluckenden Fabrikkomplex antreten. Was genau dort produziert wird,
bleibt ebenso unklar wie der Sinn der Tätigkeiten, die ihnen zugewiesen
werden: Eine gehört zur „Schredder-Truppe“, einer muss sinnlose
Textkorrekturen durchführen, ein dritter soll das gesamte Fabrikdach mit
Moos bedecken.
Oyamadas Fabrik ist kein Ort der Arbeit. Vielmehr ist es ein Ort, dessen
Produktivität nur noch in der Organisation von Zeit, Körpern und anderen
Orten besteht und der keine Instanz außerhalb der von ihm gesetzten Logik
kennt. Diese radikale Vereinnahmung ist das zentrale ästhetische Prinzip
des Romans. Gleichzeitig markiert sie auch den Punkt, an dem er sich
thematisch erschöpft.
## Undurchschaubares Regelwerk
Immer tiefer verheddern sich Hiroko Oyamadas drei Protagonisten in dem
wuchernden Unternehmenskonglomerat. Dessen Regeln sind undurchschaubar und
werden dennoch von allen befolgt: Einen Waldgeist, der den Menschen die
Hosen herunterzieht, soll man einfach ignorieren. Für Korrekturen gibt es
ein Extra-Buch mit speziellen Korrekturzeichen, benutzt werden sollen sie
jedoch „nach Gutdünken“. Die zahlreichen Kantinen und Restaurants auf dem
Fabrikgelände haben überaus verwirrende Öffnungszeiten, sind meist nur
schwer erreichbar, überfüllt oder immer ausverkauft.
Je stärker das absurde Regelwerk die Protagonisten vereinnahmt, desto
deutlicher treten die unkontrollierbaren, animalischen Seiten ihrer neuen
Realität zutage. Am Ufer des das Fabrikgelände zerteilenden Flusses leben
seltsame schwarze Vögel, die sich immer stärker vermehren. Die Kanalisation
ist voller Nagetiere, deren Gefährlichkeit keiner wirklich einschätzen
kann. Einem der Protagonisten wachsen am Ende des Romans Haare am ganzen
Körper.
Oyamada erzählt die Entfremdung ihrer drei Protagonisten nicht nur, sie
inszeniert sie auch formal. Der Roman folgt keiner Chronologie,
Erinnerungen schieben sich unvermittelt in die Gegenwart, Szenen brechen
ab, neue beginnen ohne Übergang. Mitten im Text springt die Handlung
kommentarlos fünfzehn Jahre vor. Auch der Wechsel zwischen den Figuren
erfolgt ohne Ankündigung, oft dauert es einige Sätze, manchmal ganze
Absätze lang, bis klar wird, wer gerade spricht. Diese erzählerische
Desorientierung lässt die Leser von Oyamadas Roman einen ähnlichen
Kontrollverlust erleben wie ihre Romanfiguren.
Thematisch ordnet sich „Die Fabrik“ in eine zeitgenössische japanische
Literatur ein, die sich auffallend häufig mit prekären Arbeitsverhältnissen
beschäftigt. Romane wie Kikuko Tsumuras „Lasst mich einfach hier sitzen und
Yakisoba essen“ oder [1][Sayaka Muratas] „Die Ladenhüterin“ greifen
ähnliche Themen auf, bleiben aber näher an der sozialen Realität, mit
klarer gezeichneten Figuren und konkreteren Konflikten. Oyamada geht einen
anderen Weg: Sie entscheidet sich für die radikale Abstraktion.
## Figuren bleiben Andeutungen
Das hat Konsequenzen. Je mehr die Fabrik alles überwuchert, desto stärker
verlieren die Figuren ihre Eigenständigkeit. Ihre Biografien, Wünsche oder
Beziehungen bleiben Andeutungen. Die surreale Setzung ist formal
konsequent, aber erschöpft sich thematisch. Arbeit erscheint hier als
totaler Zustand, dem nichts entgegengesetzt werden kann. Weder Widerstand
noch Hoffnung, nicht einmal wirkliche Verzweiflung.
Anders als in Oyamadas späterem Roman „Das Loch“, der in ähnlich
irritierender Machart Fragen von Geschlechterrollen, Einsamkeit und
familiären Erwartungen mitschwingen lässt, bleibt „Die Fabrik“ auffallend
eindimensional. Das Thema Arbeitswelt wird konsequent durchgespielt, aber
nicht erweitert.
So ist „Die Fabrik“ vor allem ein literarisches Experiment von starker
formaler Konsequenz. Hiroko Oyamada zeigt, wie sich Entfremdung erzählen
lässt, indem sie sie in die Leseerfahrung selbst überführt. Gleichzeitig
erschöpft sich der Roman fast vollständig in diesem Effekt. Was er
vorführt, ist präzise und verstörend, aber auch begrenzt. Ein kluges,
hermetisches Buch, das seine eigene Logik radikal verfolgt und doch gerade
darin an seine Grenzen stößt.
9 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Verena Harzer
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