# taz.de -- Neuer Roman von Birgit Birnbacher: Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut
> Birgit Birnbacher schaut auch in ihrem neuen Roman dahin, wo zwischen
> Mensch und sozialen Strukturen Reibung entsteht: „Sie wollen uns
> erzählen“.
(IMG) Bild: Formal bleibt Birnbacher ihrer Prosa treu: nüchtern, präzise, fast spröde lakonisch
Eigentlich muss Oz seiner Mutter etwas beichten. Doch als der Neunjährige
von der Schule nach Hause kommt, muss auch die ihm etwas gestehen: Die
Zillyoma ist verschwunden, einfach weg aus dem Krankenhaus. Und niemand
weiß, wohin.
Dass dieses Verschwinden plötzlich alles überlagert und Oz’ Beichte über
den toten Hasen in den Hintergrund gerät, bildet das erzählerische
Fundament von „Sie wollen uns erzählen“. Birgit Birnbacher setzt hier an
einem Moment an, in dem sich die Gewichte verschieben: zwischen Schuld und
Sorge, zwischen kindlicher Wahrnehmung und erwachsener Überforderung.
Im Zentrum stehen Oz, ein Kind, dessen Blick auf die Welt gängige Ordnungen
unterläuft, und seine Mutter. Die durch ADHS geprägte Wahrnehmung der
beiden ist schnell, sprunghaft, durchlässig – und Birnbacher findet eine
Sprache dafür, die weder vereinfacht noch ausstellt.
Vielmehr entsteht ein Erzählen, das sich eng an beider Perspektive
anschmiegt und gerade dadurch die Zumutungen einer normierten Umwelt
sichtbar macht: „Mutter und Sohn sind im Spielen nicht gut. Sie hassen Uno,
Mensch ärgere dich nicht, Vier gewinnt. Sie hassen Regeln und
Vorhersehbarkeit, die vorgegebenen Abläufe, die Unausweichlichkeit des
Verlierens.“ In solchen Sätzen zeigt sich eine Logik, die nicht defizitär
ist, sondern eigensinnig präzise.
## Die Institutionen schreiben an ihnen mit
Wie schon im Vorgängerroman interessiert sich die gelernte Soziologin
Birgit Birnbacher weniger für das Individuum als isolierte Figur, sondern
für seine Reibung an sozialen Strukturen. [1][Während in „Wovon wir leben“
die Arbeitswelt als zentrales Dispositiv wirkte,] sind es hier andere
Institutionen. Schule, medizinische Diagnostik, familiäre Rollen schreiben
an Oz und seiner Mutter mit. Der Titel wird so programmatisch: „Sie wollen
uns erzählen“ – wie wir sind, wie wir zu sein haben.
Formal bleibt Birnbacher ihrer Prosa treu: nüchtern, präzise, fast spröde
lakonisch. Diese fehlende Sentimentalität ist ihre Stärke, denn sie
verhindert, dass der Roman ins Pädagogische kippt. Stattdessen entfaltet
sich Empathie aus der Genauigkeit der Beobachtung – aus Blicken,
Verschiebungen, kleinen Eskalationen. Auch die Erwachsenen sind davon nicht
ausgenommen: „Wenn sie ehrlich ist […], dann ist sie das: neidisch.“ Mehr
braucht es nicht, um eine ganze Selbstbefragung offenzulegen.
Neu ist dabei die Radikalität der Perspektive. Wo „Wovon wir leben“ noch
stärker auf ein gesellschaftliches Panorama zielte, rückt „Sie wollen uns
erzählen“ näher an das Wahrnehmen selbst heran. Die äußere Handlung – das
Verschwinden der Großmutter, eine Reise in die Berge – wirkt dabei fast wie
ein Katalysator, der die inneren Spannungen sichtbar macht.
Wenn man dem Roman etwas vorwerfen will, dann vielleicht seine Konsequenz:
Er verweigert die große Dramatisierung zugunsten einer permanenten leisen
Reibung. Doch gerade darin liegt seine literarische Kraft. Birnbacher zeigt
einmal mehr, dass das Politische nicht im Ereignis liegt, sondern in den
Strukturen – und in den Geschichten, die wir über uns selbst und andere
erzählen.
Und vielleicht ist das auch die eigentliche Zumutung dieses Romans: dass er
sich weigert, seine Figuren zu erklären. Stattdessen zeigt er, wie schnell
wir selbst beginnen, es zu tun. „Sie wollen uns erzählen“ ist damit weniger
ein Roman über Abweichungen als über den Drang, sie zu benennen – und
entlarvt genau darin die Gewalt, die im scheinbar harmlosen Erzählen liegt.
6 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophia Zessnik
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