# taz.de -- Neurodivergent in Berlin: Zwischen Weitwinkel und Teleobjektiv
> Die Neurodivergent Pride in Berlin zeigt, dass Verschiedenheit keine
> Störung der Ordnung ist, sondern eine ihrer schönsten Möglichkeiten.
(IMG) Bild: Autistisch und stolz darauf: Teilnehmer der Neurodivergent Pride am Urbanhafen
Es riecht nach Lindenblüten, als sich am späten Samstagnachmittag rund
fünfzig Menschen am Landwehrkanal beim Prinzenbad versammeln. Die Sonne
blinzelt durch die Wolken, nur um wenige Minuten später von heftigem Regen
verdrängt zu werden. Kaum eine Wetterlage würde besser zur
[1][Neurodivergent Pride] passen, die fünf Kilometer am Landwehrkanal
entlang bis zum S-Bahnhof Treptower Park gehen soll: Vielfalt ist keine
Störung, sondern eine Bereicherung.
Organisiert wurde die zweite Neurodivergent Pride von [2][Neurodivergent
Berlin], einer ehrenamtlich getragenen Community. Fast wöchentlich
organisiert die Gruppe Buchclubs, Spieleabende und gemeinsame Ausflüge. Im
Herbst steht bereits das dritte Neurocinema Filmfest an. Eine Diagnose
braucht hier niemand, Selbstidentifikation genügt. Es geht um Akzeptanz und
Selbstbestimmung – das Recht, anders wahrzunehmen, zu denken und zu
kommunizieren und trotzdem nicht ständig für blöd erklärt zu werden.
Entlang des Kanals schiebt sich die kleine, international besetzte Pride
durch einen Berliner Sommerabend wie aus dem Bilderbuch. Links und rechts
sitzen Menschen vor Cafés, Espressotassen auf wackligen Tischen, Hunde
unter Stühlen, Fahrräder an Laternen. Auf dem Wasser ziehen Schwäne und
Enten vorbei, und immer wieder bleiben Passant*innen stehen, lächeln,
nehmen Flyer entgegen.
Michael, ein zurückhaltender Mann Ende dreißig, der in Tschechien
aufgewachsen ist und nach einem Studienaufenthalt in Berlin vor ein paar
Jahren nun wieder in der Stadt lebt, läuft zum ersten Mal mit. „Schon als
Kind habe ich gewusst, dass ich anders bin“, erzählt er. Die Schule sei ein
Albtraum gewesen. Oft habe er gar nicht hingehen können. Heute arbeite er
zum Glück größtenteils im Homeoffice.
## Jeder fünfte bis sechste ist betroffen
„Ich weiß schon lang, dass ich neurodivergent bin“, sagt auch Michelle, die
in Süddeutschland groß wurde, Anfang dreißig ist, die erst vor Kurzem eine
ADHS-Diagnose erhalten hat. „Aber wie tief das eigentlich reicht, habe ich
erst in den letzten Jahren verstanden.“ Wie viele der Teilnehmenden
beschreibt auch sie ihre Erschöpfung in einer Welt, deren Regeln von
neurotypischen Menschen geschrieben wurden. Man lernt, zwischen den Zeilen
zu lesen, die passende Reaktion im richtigen Moment zu zeigen. Nach außen
wirkt es mühelos, nach innen eher wie Simultandolmetschen ohne Pause.
„Darum ist es so wichtig, Schutzräume wie diese Pride zu haben“, sagt
Michelle.
Neben Michelle läuft Anna aus Warschau, Mitte dreißig. Grüner Lippenstift,
selbstbewusster Blick, auf ihrem Transparent steht: „[3][ADHS] +
[4][Bipolar]“. Sie spricht offensiv über ihre Diagnosen. In der Schule sei
sie stigmatisiert worden, erzählt sie, und arbeiten könne sie derzeit
nicht. Umso wichtiger seien die Netzwerke geworden, die sie in Berlin
gefunden habe. „Hier verstehen die Leute sofort, wovon du sprichst.“
Doch was bedeutet Neurodivergenz überhaupt? Die am häufigsten zitierte
Schätzung geht davon aus, dass jede fünfte bis sechste Person
neurodivergent ist. Darunter fallen unter anderem ADHS, [5][Autismus],
[6][Legasthenie], [7][Dyskalkulie] und [8][Tourette]. Gleichzeitig steigen
die Diagnosen seit Jahren deutlich an, besonders bei ADHS und Autismus.
Viele mit weniger stereotypen Ausprägungen bleiben trotzdem unerkannt.
Die Bewegung wächst. Immer mehr Hochschulen richten Beratungsstellen ein,
selbstorganisierte Gruppen entstehen. Bücher und Accounts von Personen wie
der australischen Neurodiversitätsaktivist*in Sonny Jane Wise, der
Unternehmerin [9][Milena Glimbovski] oder der Musikerin [10][Judith
Holofernes] werden tausendfach gelesen und geteilt. Überall entstehen neue
Banden.
## Lange unter dem Radar geblieben
Selin, eine filigrane junge Frau aus der Türkei, gehört zum
Organisationsteam der Pride. Auf ihrem bunten Plakat prangt die liegende
Acht, die für die unendlichen Möglichkeiten menschlichen Denkens steht.
Auch Selin habe immer gewusst, dass sie anders sei. „Eine Diagnose brauche
ich dafür nicht“, sagt sie. Als stilles Mädchen mit guten Noten sei sie
lange unter dem Radar geblieben. Heute hilft sie mit, die Berliner
Community zusammenzuhalten.
Autismus und ADHS, erklärt sie, würden oft missverstanden – die meisten
hätten dabei noch den hyperaktiven Jungen aus der Schule im Kopf.
Tatsächlich könne man sich ADHS eher so vorstellen, als wäre im Gehirn eine
Art Weitwinkelobjektiv eingebaut. Alles gleichzeitig drängt ins Blickfeld:
das Gespräch am Nebentisch, die Idee von gestern, die Taube auf dem
Geländer. Autistische Gehirne arbeiten dagegen eher mit einem Teleobjektiv.
Der Fokus wird scharf, Details und Muster treten hervor, die anderen
entgehen.
Vorbei geht es an Uferwegen, auf denen Jogger*innen abbremsen,
Radfahrer*innen klingeln und dann doch freundlich ausweichen. Ein Mann
bleibt mit seinem Bier in der Hand stehen und liest einen Flyer so
konzentriert, als sei er in ein Seminar geraten. Tina und Mörs sehen aus,
als kämen sie direkt von einem Rockkonzert. Auf ihren T-Shirts steht
„Neurodivergent Universe“ und „AUDHD“, was für die Doppeldiagnose Autismus
und ADHS steht. Beide sind zum ersten Mal bei einer Demo dieser Art. Tina,
Anfang fünfzig, hat auch nie eine Diagnose erhalten, ist sich aber sicher,
dass ADHS ihr Leben geprägt hat. Laut, störend, ständig krank – so die
freimütige Zusammenfassung ihrer Kindheit.
Fast zwangsläufig landet auch dieses Gespräch bei der Schule. Die Forschung
sagt zwar nicht, dass deutsche Klassenzimmer Lernverhinderungsmaschinen
sind, aber sie deutet beharrlich darauf hin, dass Menschen [11][besser
lernen, wenn sie neugierig sein dürfen, wenn sie selbst entscheiden
können], wie Tina es ausdrückt. Für viele neurodivergente Menschen ist
Schule deshalb der erste Ort, an dem sie lernen, dass mit ihnen angeblich
etwas nicht stimmt. Dabei wäre es ein Leichtes, sich auf sie einzustellen.
Viele von ihnen entwickeln Superkräfte wie unfassbares Expertenwissen oder
Hyperfokussierung, wenn man sie einfach lässt.
## Angststörungen und Depressionen
Tina weiß viel darüber – und auch über Komorbiditäten, jenes
wissenschaftliche Wort für die Kosten eines Lebens in der falschen
Umgebung. Bei autistischen Erwachsenen beispielsweise liegen Angststörungen
bei etwas über 40 Prozent, Depressionen bei etwas unter 40. Die Zahlen
erzählen weniger von Defekten als von Menschen, die „zu lange in Räumen
funktionieren mussten, die nie für sie gebaut wurden“, so Tina.
Im Laufe des Abends wird immer deutlicher, warum diese Leute ihre eigene
Pride veranstalten. Während anderswo zielorientiertes Networking betrieben
wird, wird hier zwanzig Minuten begeistert über sensorische Überlastung
doziert, über Spezialinteressen oder die Frage, [12][ob Schwäne eigentlich
unterschätzt werden]. Die Gruppe wirkt maximal fokussiert und komplett
abschweifungsgefährdet. Erstaunlicherweise funktioniert das hervorragend.
Denn bei dieser Pride ist das Gegenteil von Ordnung nicht Chaos, sondern
visionäres Denken, Kreativität, Verständnis und Fürsorge. Als die Gruppe
schließlich den Treptower Park erreicht, sind die Wiesen quietschnass. Kein
Problem: Die Organisatori*nnen sind vorbereitet. Sie haben
Plastikplanen dabei.
14 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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