# taz.de -- Neues Buch von Judith Holofernes: Eine neue Idee von nett
> Judith Holofernes stellt in Berlin ihr Buch „Hummelhirn“ vor. Es ist ein
> anarchisches Erlebnis voll Energie, Humor und sozialer Sensibilität.
(IMG) Bild: Judith Holofernes stellt ihr zweites autobiografisches Buch „Hummelhirn“ vor
Viele Kulturveranstaltungen erinnern an dreidimensionale Körper. Es gibt
Theaterpremieren wie Kegel: eine Leitthese oben, darunter entfaltet sich
alles immer breiter. Bei manchen Vorträgen stapeln sich Ideen wie Würfel,
Ausstellungen fühlen sich mitunter zylindrisch an, weil die kreisenden
Gedanken immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. Und dann gibt es
Abende wie die Buchvorstellung in dieser Woche im Berliner Heimathafen
Neukölln, die in keine Form passen.
Judith Holofernes, die ihr zweites [1][autobiografisches Buch „Hummelhirn“]
vorstellt, ist vielen noch immer vor allem als ehemalige Sängerin der Band
[2][Wir sind Helden] bekannt, die es schon seit 2012 nicht mehr gibt. Sie
hat sich inzwischen als Autorin etabliert, nicht zuletzt, weil sie, wie sie
offen kommuniziert, seit einigen Jahren unter einer Stimmstörung leidet,
aber darum nicht aufhören will, die Felder zu beackern, die sie kennt.
Schauspielerin Nora Tschirner, die Holofernes’ Hörbücher liest, unterstützt
die ehemalige Sängerin auf der Bühne und liest aus deren Buch.
Der Heimathafen wirkt dabei wie ein wabernder Resonanzraum. Das Gespräch
entfaltet sich assoziativ: Nora Tschirner liest aus Holofernes’ Geschichten
von ihrer Kindheit, Westberlin der 80er im antiautoritären
Kinderladenmilieu, der spätere Umzug nach Freiburg als krachender
Kulturschock, die Schwierigkeiten der Anpassung, die Tagebücher einer
Zwölfjährigen als ungefilterte Weltwahrnehmung – und wie sich das alles
wieder in den verschiedenen Gegenwarten der erwachsenen Autorin bricht, den
Gründungsjahren ihrer Band zum Beispiel, oder auch dem Ausstieg aus der
Karriere und der Einsicht, dass kreatives Leben nicht zwingend geradlinig
verläuft. Große Erheiterung im Publikum.
Immer wieder lösen sich die Erzählungen auf, fließen in andere, während
über allem die Diskokugel das Licht in unzählige Splitter zersägt, die
durch den Raum treiben. Plötzlich rückt die Solidarität zwischen Holofernes
und Tschirner in den Vordergrund – zwei Arbeiterinnen in einem
Kultursegment, das, wie sie andeuten, oft biegsamere Frauen bevorzugt. Es
gibt gemeinsames Gelächter, gegenseitiges Weitertragen von Text. Sie
verwandeln den Heimathafen in ein flirrendes Feld, in dem nichts mehr
sicher ist.
Und doch taucht in diesem Flackern ein Begriff immer wieder auf, der
zunächst unscheinbar wirkt: Nettigkeit. Zuerst erscheint er als etwas
Erlerntes, als soziale Anpassungsform – das Bedürfnis, es allen recht
machen zu wollen, nicht falsch zu sein in einem Umfeld, das klare Raster
bevorzugt: die dunkle Seite der Nettigkeit. Später wird es ambivalenter.
Denn irgendwann geht es um die Zeit, als Holofernes von einer Diagnose
erfährt und daraufhin mit ihrem Lektor in Streit gerät, weil sie nicht
schreiben will, welche es ist – weil sie „ein Buch für alle komischen
Kinder“ schreiben möchte. Erst in einem Interview zu ihrem Buch hat sie es
klar benannt: Sie ist eine Person, die eher über zu viel als zu wenig
Aufmerksamkeit verfügt, aber keinen funktionierenden Filter, der die vielen
Eindrücke sortiert. Das ist der Kern von ADHS. Und aus diesem Kern entsteht
die andere, die helle Seite der Nettigkeit.
Was wäre, fragt sich auch die Autorin dieses Textes, wenn Aufmerksamkeit
grundsätzlich simultan so arbeiten würde wie an diesem Abend? Wenn immer
alles zählen würde – Stimmen, Stimmungen, Zwischentöne? Wenn diese
Wahrnehmung nicht als Ablenkbarkeit gelesen würde, sondern als eine
produktive Nettigkeit, also soziale Sensibilität, mit der sich auch
Holofernes und Tschirner begegnen?
Und während die Diskokugel im Raum immer mehr zu einem Bild dieser
Wahrnehmungsweise wird, beginnen die beiden Frauen auf der Bühne,
anarchische Zeugnis-Medleys zu rappen, die Holofernes für ihr Buch
zusammengetragen hat. Ihre Zeugnisse waren katastrophal herabwürdigend.
Judith träumt! Viel versäumt! Abgelenkt! Abgehängt!
Dieser Abend hat nicht die Form eines Kegels oder Zylinders. Er ist
wirklich eine Großraumdisko mit zahllosen Tanzflächen, Bars und
Nebenschauplätzen: ein Multiversum aus Achtsamkeit.
25 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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