# taz.de -- Präsidentschaftswahl in Kolumbien: Gemischte Bilanz
       
       > Vier Jahre Gustavo Petro: Korruption und Skandale einerseits,
       > andererseits zaghafte sozialpolitische Fortschritte. Der linke Kandidat
       > hat Chancen.
       
 (IMG) Bild: Wahlkampf in Popayan, Kolumbien: Für den ersten Wahlgang am 31. Mai ist Ivan Cepeda Favorit gegen zwei extrem rechte Kandidaten
       
       Bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien Ende Mai geht es um viel:
       Erhält der besonnene linke Menschenrechtler Iván Cepeda die Chance, das
       Andenland nach vier stürmischen Jahren unter dem charismatischen, aber
       unberechenbaren Staatschef Gustavo Petro in ruhigere Fahrwasser zu steuern?
       Hält die Verteidigungslinie, mit der die progressiven Präsidenten
       Lateinamerikas die neu-imperiale Offensive von US-Staatschef Donald Trump
       ausbremsen wollen? Bis zur Stichwahl am 21. Juni bleibt es spannend.
       
       Nach fast vier Jahren ist die Bilanz des Ex-Guerilleros Petro, erster
       linker Präsident Kolumbiens der Moderne, durchwachsen. Sein ehrgeizigstes
       Projekt, der „totale Frieden“, scheint ferner denn je. Die organisierte
       Kriminalität diktiert in mehreren Landesteilen das Geschehen. Im Schnitt
       sind sogar mehr Menschen ermordet worden als in den Amtszeiten seiner zwei
       konservativen Vorgänger.
       
       Dies ist in erster Linie eine Folge des gescheiterten „Kriegs gegen die
       Drogen“, den die USA der Region vor über 50 Jahren aufgezwungen haben.
       Jährlich werden um die 3.000 Tonnen Kokain produziert, ein neuer Rekord –
       der Export erfolgt meist über Häfen im benachbarten Ecuador.
       
       Doch die Gewalt hat tiefere Wurzeln. Zwar legten die „Revolutionären
       Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc), die kommunistischen Nachfolger der
       liberalen bäuerlichen Selbstverteidigungsgruppen aus den 1950ern, 2016
       endgültig die Waffen nieder – aber mehrere Splittergruppen wollten das
       lukrative Kokaingeschäft ebenso wenig aufgeben wie das „Heer zur nationalen
       Befreiung“ (ELN), das 1965 unter dem Einfluss der kubanischen Revolution
       gegründet wurde.
       
       ## Der Gewaltcocktail vom Golfclan
       
       Die meisten Massaker unter der Zivilbevölkerung richtet hingegen das
       Drogensyndikat „Golfclan“ an, das vor allem aus früheren Mitgliedern der
       ultrarechten Paramilitärs besteht. Die Regierung steht diesem
       Gewaltcocktail weitgehend ratlos gegenüber – auf langwierige, ergebnislose
       Verhandlungsrunden folgte eine Politik der harten Hand.
       
       Auch innenpolitisch verzockte sich der ungeduldige Twitter-Präsident schon
       frühzeitig. Das erste Kabinett, das Petro mit renommierten Profis auch aus
       dem linksliberalen Spektrum bestückt hatte, hielt nicht einmal neun Monate.
       Seither sucht er mit großen Teilen des Establishments die Konfrontation;
       gegen eine bürgerliche Übermacht im Parlament setzt er auf die Macht der
       Straße. [1][Da er im Parlament über keine eigene Mehrheit verfügt], ist er
       im Alltagsgeschäft auf Deals mit politischen Opportunisten angewiesen.
       Korruptionsskandale sind an der Tagesordnung.
       
       Seine Schwarze Vizepräsidentin Francia Márquez, ohne die sein knapper
       Wahlsieg 2022 wohl nicht zustande gekommen wäre, ließ Petro am langen Arm
       verhungern. Aus Protest gegen die Nominierung des Kabinettschefs Armando
       Benedetti, einer Symbolfigur der klientelistischen Politikerkaste, traten
       vor 15 Monaten die profiliertesten Petro-treuen Minister:innen zurück.
       
       Mehr noch: Die Staatsverschuldung ist deutlich gestiegen, die
       Wachstumsraten niedriger, die Inflation höher als unter seinen rechten
       Vorgängern. Leicht gesunken sind hingegen Arbeitslosigkeit und informelle
       Beschäftigung. Ambitionierte Steuer- und Gesundheitsreformen wurden von
       Parlament und Justiz ausgebremst. Bei der Agrarreform ist ein bescheidener
       Anfang gemacht, und die Rechte der Arbeiter:innen wurden merklich
       gestärkt.
       
       ## Drastische Anhebung des Mindeslohns
       
       Den Mindestlohn erhöhte Petro zuletzt um spektakuläre 23 Prozent, auch
       einfache Polizist:innen und Soldaten verdienen mehr als je zuvor. Die
       Zahl der Armen sank merklich. Seine ambitionierte Energiewende steckt noch
       in den Kinderschuhen, der „grüne“ Wasserstoff bleibt ein Versprechen,
       geplante Windparks stoßen in der nordöstlichen Provinz Guajira auf
       erbitterten Widerstand der indigenen Wayús.
       
       Als einziger Staatschef Amerikas hat Gustavo Petro eine postfossile Agenda,
       für die er auf internationalen Foren unermüdlich geworben hat. Im April
       formierte sich im karibischen Seebad Santa Marta eine „Koalition der
       Willigen“ aus über 50 Ländern, die dem klimapolitischen Stillstand der
       Vergangenheit konkrete Schritte entgegensetzen wollen.
       
       Zum Schutz des Amazonas-Regenwaldes propagiert Petro einen umfassenden
       Schuldenerlass. Ebenso wenig wie Brasiliens Präsident Lula erkannte er den
       Wahlbetrug des Maduro-Regimes in Venezuela im Juli 2024 an, doch als bisher
       einziger Amtskollege traf er Delcy Rodríguez, die Nachfolgerin des
       entführten Präsidenten Nicolás Maduro von Washingtons Gnaden.
       
       Mit Donald Trump lieferte er sich heftige Wortgefechte in den Netzwerken.
       Im Ringen mit der US-Regierung, etwa um die Rücknahme abgeschobener
       Kolumbianer:innen oder um die völkerrechtswidrige Zerstörung von
       angeblichen Drogenbooten in der Karibik und im Pazifik, war er unterlegen.
       Umso überraschender, dass ausgerechnet Petro im Februar als erster linker
       Latino-Staatschef im Weißen Haus empfangen wurde.
       
       Ebenso wie der Staatsbesuch von Lula da Silva drei Monate später verlief
       das Treffen „korrekt“, der rechten Opposition nahm er damit viel Wind aus
       den Segeln. Auch beim Wahlvolk kommt das selbstbewusste Beharren auf
       Souveränität gut an: Bei der Parlamentswahl im März konnten die Petristas
       zulegen.
       
       International gehört er zur progressiven Allianz um Lula, Mexikos
       Präsidentin Sheinbaum und Spaniens Ministerpräsident Sánchez. Dieser linken
       Latino-Connection gelingt es, sozialdemokratische Reformperspektiven
       aufzuzeigen, die anderswo völlig verschwunden scheinen.
       
       Doch die internationale Ultrarechte mobilisiert – gegen Petro wie gegen
       Lula, der im Herbst wiedergewählt werden will. Vor allem seine Politik
       zugunsten der Armen hat Petro Beliebtheitswerte von über 40 Prozent
       eingebracht, was wiederum dem Linken Iván Cepeda zugutekommt – eine
       Wiederwahl schließt die Verfassung aus. Für den ersten Wahlgang am 31. Mai
       ist Cepeda Favorit gegen zwei extrem rechte Kandidaten – die Nagelprobe
       allerdings kommt drei Wochen später, in der Stichwahl.
       
       25 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-03/kolumbien-parlamentswahlen-gustavo-petro-koalition
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gerhard Dilger
       
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