# taz.de -- Gedenkstätte für Hatun Sürücü: Wo immer frische Blumen liegen
       
       > Vor mehr als 20 Jahren wurde Hatun Sürücü von ihrem Bruder getötet. Der
       > Bezirk Spandau wird ihre Grabstätte nun dauerhaft als Ehrengrab erhalten.
       
 (IMG) Bild: Gedenktafel auf dem neu eingeweihten Ehrengrab für Hatun Aynur Sürücü auf dem Landschaftsfriedhof Gatow in Spandau
       
       Can Sürücü sagt nur wenige Sätze, als er an das Mikro tritt. „Ich bedanke
       mich bei allen, die dafür gesorgt haben, dass das Grab bleibt“, sagt er.
       Ein leichter Geruch nach Weihrauch hängt in der Luft, er kommt von
       Räucherstäbchen, die neben dem noch verhüllten neuen Stein im Boden
       stecken. Es ist das erste Mal, dass Sürücü bei einer Gedenkveranstaltung an
       seine Mutter Hatun Aynur Sürücü auch selbst spricht. Beim [1][Gedenken an
       ihrem Todestag im Februar hatte er still teilgenommen].
       
       Doch in den Ansprachen der anderen Redner*innen ist Can Sürücü umso mehr
       präsent. „Eine [2][sehr wichtige Stimme ist deine, lieber Can, du
       beeindruckst mich sehr, wie du mit deiner Geschichte umgehst]“, sagt etwa
       der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der neben dem Spandauer
       Bezirksbürgermeister und der Frauenrechtlerin Seyran Ateş bei der
       Einweihung des neuen Ehrengrabs für Hatun Sürücü spricht. Berlin brauche
       mehr Frauenhausplätze und er wolle sich weiter für die elektronische
       Fußfessel einsetzen, sagt Wegner. „Aber besonders wichtig ist die
       [3][gesellschaftliche Debatte, dass wir Femizide und sogenannte Ehrenmorde
       ächten]“, sagt Wegner.
       
       Hatun Sürücü, die sich selbst noch den Beinamen Aynur gegeben hatte, war
       2005 von ihrem jüngsten Bruder in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung in
       Tempelhof erschossen worden. Die Familie hatte es nicht ertragen, dass sie
       ihr Leben selbstbestimmt lebte. Sürücü hatte sich aus einer Zwangsheirat in
       der Türkei befreit, zog ihren damals fünfjährigen Sohn Can allein auf und
       machte nebenbei eine Ausbildung.
       
       Sürücü war damals auf dem Landschaftsfriedhof Gatow beigesetzt worden,
       damals noch Berlins einziger Friedhof mit muslimischen Grabfeldern. Das
       Nutzungsrecht für ihr Grab lief im vergangenen Jahr aus, 20 Jahre nach
       ihrem Tod. Politiker*innen der Grünen und der Spandauer CDU hatten
       sich dafür eingesetzt, das Grab dauerhaft zu erhalten. Für die Idee, es zu
       einem Berliner Ehrengrab zu erklären, erfüllte es nicht die Kriterien, hieß
       es. Ein Antrag der Grünen im Abgeordnetenhaus, dass der Senat dauerhaft die
       Kosten für die Grabpflege übernehmen sollte, scheiterte im November – unter
       anderem auch an der fehlenden Zustimmung der Landes-CDU.
       
       ## CDU-Stadtrat setzte sich für das Ehrengrab ein
       
       Dass das Grab nun erhalten werden kann, liegt auch daran, dass sich
       Thorsten Schatz (CDU), Spandauer Stadtrat für Bauen und Umwelt, konsequent
       dafür eingesetzt hat. Spandau hat es zu einem bezirklichen [4][Ehrengrab
       erklärt, für das die Regelungen anscheinend lockerer sind. Dafür wurde das
       Grab von seiner ursprünglichen Stelle in den vorderen Teil des Friedhofs
       verlegt, direkt an den Hauptweg,] und mit einem neuen Stein versehen. Der
       Bezirk trägt auch die Kosten von rund 10.000 Euro dafür und für die
       Grabpflege in den kommenden 20 Jahren. Er rechne damit, dass auch danach
       der Bestand des Grabes gesichert sei, sagt Stadtrat Schatz.
       
       „Es hat mich auch sehr bewegt, wie viele Menschen Unterstützung angeboten
       haben, auch finanziell, als unklar war, wie es mit dem Grab weitergeht“,
       sagt Schatz. Er betont, [5][dass die Grabstätte für ganz Berlin bedeutsam]
       sei. „Das Grab wird besucht, es liegen immer wieder frische Blumen und auch
       Erinnerungsstücke dort“, sagt Schatz. Selbst in der Zeit der Umbettung und
       auch mitten im Winter hätten Besucher*innen Blumen abgelegt.
       
       Die neue Grabstelle ist nun mit Vergissmeinnicht bepflanzt und mit
       Frauenmantel: „Der steht seit Jahrhunderten für Schutz und Würde“, erklärt
       Schatz in seiner Ansprache, in der er auch insbesondere seiner
       Mitarbeiterin Anna Lehmann dafür dankt, wie sie den Beschluss am Ende
       umgesetzt habe. „Erinnerung lebt davon, dass Menschen Verantwortung
       übernehmen“, sagt er.
       
       Auch er wendet sich an Can Sürücü. „Ich hoffe, dass Sie das Gefühl haben,
       dass wir hier einen würdevollen Ort für sie gefunden haben“, sagt Schatz.
       Auf dem am Mittwoch enthüllten neuen Grabstein steht: „Stellvertretend für
       alle Frauen, die sich Zwang und Unterwerfung widersetzten, weil sie ein
       selbstbestimmtes Leben führen wollten und aufgrund dessen Opfer von Gewalt
       wurden.“
       
       ## Plötzlich hing eine Halskette am Grab
       
       Unter den Menschen, die zu der Gedenkfeier gekommen sind, ist auch Helga
       Ingrid Meyer-Rath. Sie hat ein einfaches Schild aus Blech dabei. „Hatun
       Sürücü“ steht darauf, und ihre Lebensdaten „17.01.1982 – 07.02.2005“.
       Meyer-Rath erzählt, dass sie den Prozess gegen Sürücüs Brüder damals im
       Gericht verfolgt hatte. Der Fall habe sie sehr bewegt. Das [6][Schild hatte
       sie dann am Grab aufgestellt, bevor der Grabstein fertig war. Mit einer
       Freundin sei sie mehrmals im Jahr dorthin gekommen], um es zu pflegen,
       „weil wir wussten, dass die Familie es wohl nicht tut“, sagt sie.
       
       Eines Tages sei eine Halskette um das Schild gebunden gewesen, erzählt
       Meyer-Rath. Sie hätten sie erst dort gelassen, dann aber beides
       mitgenommen, als der Steinmetz schließlich den Namen in den Grabstein
       gemeißelt hatte. Das Schild übergibt sie nun an Can Sürücü, zusammen mit
       einer Kette, ein dreieckiger Anhänger an einem schlichten Band. Sie habe
       seiner Mutter gehört, sagt Can Sürücü bewegt und streicht mit der Hand
       immer wieder über den Anhänger. Er habe von der Kette gewusst, und sei sehr
       froh, sie nun bekommen zu haben.
       
       „Gedenk- und letzte Ruhestätte Hatun Sürücü“ steht jetzt auf der Tafel an
       dem großen Stein, der auf dem neu eingeweihten Ehrengrab liegt. Und es ist,
       [7][als ob diejenige, die hier geehrt wird, sich auch 21 Jahre nach ihrem
       Tod noch den Erwartungen und Vereinnahmungen entzieht]. Denn sie selbst
       hatte sich ja Aynur genannt, wohl um den kurdischen Teil ihrer Identität zu
       betonen und vielleicht auch, um sich dem Zugriff ihrer Familie zu
       entziehen.
       
       Auf dem früheren Grabstein prangte dieser Name ganz oben, noch über dem
       Schriftzug Hatun Sürücü und den Lebensdaten. Aynur bedeutet Mondschein.
       Alle, die ihr nahestanden, haben wohl auch diesen Namen weiter im Kopf,
       wenn sie an sie denken.
       
       27 May 2026
       
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