# taz.de -- Dortmund erinnert an Mehmet Kubaşık: „Mein Baba, heute sind es 20 Jahre ohne dich“
       
       > Vor 20 Jahren ermordete der NSU Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk. Seine
       > Familie und weitere Hinterbliebene kämpfen bis heute um Aufklärung.
       
 (IMG) Bild: Die Angehörigen der Opfer des rechtsextremen NSU-Terrors lassen ihre geraubten Liebsten nicht in Vergessenheit geraten
       
       Dortmund taz | Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in der
       Dortmunder Nordstadt erschossen. Erst fünfeinhalb Jahre später, im November
       2011, wurde bekannt, wer die Täter waren: Der sogenannte
       Nationalsozialistische Untergrund, der jahrelang von Sicherheitsbehörden
       unentdeckt zehn Morde und weitere Anschläge verübte. Kubaşık war das achte
       Opfer.
       
       Auf den Tag zwanzig Jahre danach kamen am Samstag gut fünfhundert Menschen
       in Dortmund zusammen, um an Kubaşık zu erinnern. Die Gedenkveranstaltung
       begann am Tatort vor dem ehemaligen Kiosk, Blumen wurden am städtischen
       Gedenkstein niedergelegt. Anschließend zogen die Teilnehmenden schweigend
       in einer kurzen Demonstration zum nahegelegenen Hauptbahnhof, wo am
       Dortmunder NSU-Mahnmal, das an alle zehn Opfer erinnert, die zentrale
       Kundgebung stattfand. Hinterbliebene und Überlebende waren aus dem ganzen
       Bundesgebiet angereist: [1][Semiya Şimşek, Tochter des ersten NSU-Opfers
       Enver Şimşek], die Schwestern Mandy und Michalina Boulgarides, deren Vater
       Theodoros in München erschossen wurde. Überlebende des
       NSU-Nagelbombenanschlags auf der Keupstraße in Köln. Sibel Leyla, deren
       Sohn Can 2016 beim rassistischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum in
       München ermordet wurde. Angehörige aus Hanau. Sie alle saßen in den ersten
       Stuhlreihen vor der großen Bühne.
       
       [2][Gamze Kubaşık, die Tochter des Ermordeten], sprach in ihrer Rede ihren
       Vater direkt an. „Mein Baba, heute sind es 20 Jahre ohne dich“, sagte sie.
       Zwanzig Jahre, in denen er in den kleinen Momenten fehle und in den großen.
       Bei der Geburt seiner Enkelkinder. Beim Zusammenkommen der Familie. „Da ist
       auch immer diese Leere“, sagte Kubaşık. „Ein Schmerz, der bleibt.“
       
       Doch die Tochter Kubaşıks sprach nicht nur über den Verlust. Sie sprach
       über das, was danach kam: Über Schweigen, Misstrauen, Wegsehen. Darüber,
       dass Behörden und Teile der Gesellschaft lange nicht an der Seite der
       Familien standen. Statt Solidarität habe es Verdächtigungen gegeben, statt
       Aufklärung Versäumnisse. Die Familien hätten von Anfang an gesagt, dass es
       rassistische Täter sein könnten. „[3][Dass Nazis morden].“
       
       Es ist ein Satz, der die Geschichte des NSU-Komplexes auf seinen Kern
       verdichtet: Die Familien wussten es. Die Behörden ermittelten trotzdem
       jahrelang im Umfeld der Opfer, suchten nach Verbindungen zur organisierten
       Kriminalität. Die Medien übernahmen die Erzählung. Erst mit der
       Selbstenttarnung der NSU-Kernzelle nach einem gescheiterten Banküberfall im
       November 2011 kam die Gewissheit.
       
       Im Mai 2006, einen Monat nach dem Mord an Kubaşık und dem zwei Tage später
       in Kassel durchgeführten Mord an Halit Yozgat, organisierte die Familie des
       Kasseler NSU-Opfers einen Schweigemarsch. „Kein 10. Opfer!“ stand auf den
       Transparenten. Die Familie Kubaşık fuhr nach Kassel und organisierte
       anschließend einen eigenen Marsch in Dortmund, der dieselbe Strecke entlang
       führte wie die heutige Gedenkdemonstration. Das öffentliche Echo damals
       blieb überschaubar.
       
       Heute, zwanzig Jahre später, ist der 4. April in Dortmund ein fester
       Gedenktag. Seit 2012 organisiert das Bündnis „Tag der Solidarität – kein
       Schlussstrich“ das jährliche Gedenken. Doch auch heute hier auf der Bühne
       wird immer wieder von den Hinterbliebenen betont: Gedenken allein reicht
       nicht.
       
       Gamze Kubaşık machte das in ihrer Rede unmissverständlich. Sie wolle
       wissen, wie ihr Vater als Opfer ausgewählt wurde, sagte sie. Ob der Mord
       hätte verhindert werden können. Sie forderte, dass alle Täter und Helfer
       ermittelt werden – gerade auch in Dortmund, wo es immer Hinweise auf
       mögliche Unterstützungsstrukturen gab. Dass [4][bis heute unter Verschluss
       stehende Akten] offengelegt werden. Dass der Verfassungsschutz sagt, was er
       wusste. „Die Beweise liegen längst auf dem Tisch“, sprach sie ins Mikrofon.
       
       In der ersten Reihe der Zuhörenden saßen zu diesem Zeitpunkt noch Dortmunds
       Oberbürgermeister Alexander Kalouti und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst,
       beide CDU. Sie lauschten den Worten Kubaşıks. Kalouti war der erste
       Dortmunder Oberbürgermeister seit zehn Jahren, der der jährlichen Einladung
       der Familie Kubaşık zur Gedenkkundgebung folgte. Seine Vorgänger waren in
       den vergangenen Jahren nicht erschienen. In seiner Rede nannte Kalouti die
       Ermittlungen nach dem Mord eine „systematische und strukturelle
       Vorverurteilung“. Wer [5][Opfer eines rassistischen Verbrechens] unter
       Verdacht stelle, verletze nicht nur das Vertrauen in den Staat, so Kalouti
       „Der verletzt vor allem die Würde von Mehmet Kubaşık.“
       
       Ministerpräsident Wüst ging einen Schritt weiter. Er zeichnete das Bild
       eines Mannes, der Deutschland zu seiner Heimat gemacht hatte. Von
       Fremdenfeindlichkeit zu sprechen, sei falsch, sagte Wüst. Kubaşık sei kein
       Fremder gewesen. „Er ist Opfer von Menschenfeindlichkeit geworden.“
       
       Der Staat habe nicht nur beim Schutz versagt, sagte Wüst. Er habe doppelt
       versagt – indem er aus Opfern Tatverdächtige machte. Die Familie sei
       verhört worden, die Wohnung durchsucht. Wo Unterstützung gebraucht worden
       wäre, seien Ressentiments und Vorwürfe gekommen. „Dafür bitte ich Sie,
       verehrte Familie Kubaşık, im Namen des Landes Nordrhein-Westfalen um
       Entschuldigung.“
       
       Nach der staatstragenden Entschuldigung verließ der Ministerpräsident
       seinen Ehrenplatz neben der Familie Kubaşık jedoch allzu bald. Während mit
       Semiya Şimşek eine weitere Tochter eines NSU-Opfers sprach, stand er auf
       und ging. „Folgetermine“, wie ein Sprecher der taz gegenüber angab. Wüst
       hörte nicht mehr, was nach ihm kam: Mehrere Sprecher fanden auf der Bühne
       klare Worte: „Diese Veranstaltung ist nicht so lange, dass man es als
       Politiker nicht aushalten kann, hier zu sitzen.“ Am deutlichsten wurde
       Katharina König-Preuss, Landtagsabgeordnete aus Thüringen und ehemalige
       Mitarbeiterin zweier NSU-Untersuchungsausschüsse. „Es reicht nicht aus,
       einmal im Jahr die richtigen Worte zu sagen und danach weiterzumachen wie
       bisher“, sagte sie. Wüst sei leider schon nicht mehr da. Sie hätte ihm
       gerne gesagt, dass seine Worte vielleicht auch in seiner Partei und seiner
       Regierung zur Handlung werden müssten – „und nicht nur Wort bleiben.“
       
       Gamze Kubaşık schloss ihre Rede mit Worten, die an ihren Vater gerichtet
       waren. Er sei nicht vergessen, sagte sie. „Wir tragen dich weiter. In
       unseren Erinnerungen. In unserem Kampf. In unserer Stimme.“
       
       4 Apr 2026
       
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