# taz.de -- Ebola in der DR Kongo: Das Virus ist unsichtbar, die Seuchenbekämpfung auch
       
       > Entschlossenes Krisenmanagement in der DR Kongo lässt auf sich warten, in
       > der Gesellschaft grassiert Angst. Stimmen aus der Ebola-Frontstadt
       > Butembo.
       
 (IMG) Bild: Gespräche am Straßenrand: Freiwillige des Roten Kreuzes verteilen Informationsmaterial zu Ebola in Bunia
       
       Jeden Morgen versammeln sich Neugierige vor den Holzverschlägen, die den
       Eingang zum Krankenhaus Katwa versperren. Im Jahr 2021 zur Aufnahme von
       Covid-19-Patienten errichtet, erinnern sie daran, dass Epidemien inzwischen
       zum Alltag der ostkongolesischen Großstadt Butembo und ihren Vororten wie
       Katwa gehören. Denn jetzt sollen hier zwei Ebola-Infizierte interniert und
       behandelt werden. Aber so genau weiß das offenbar niemand.
       
       In Butembo, mit über einer Million Einwohnern die zweitgrößte Stadt der
       ostkongolesischen Provinz Nord-Kivu, ist die Erinnerung an [1][die
       schwerste Ebola-Epidemie der kongolesischen Geschichte in den Jahren
       2018-2020] noch sehr präsent. Über 2.200 Menschen starben damals in der
       Demokratischen Republik Kongo an der tödlichen Viruserkrankung. Nun, in der
       [2][17. Ebola-Epidemie] in der Geschichte des Landes, werden Angst und
       Unsicherheit wieder lebendig. Alle reden über Ebola.
       
       Eine strukturierte Bekämpfung des Virus ist in Butembo nicht zu erkennen,
       und das beunruhigt die Menschen. Die Gesundheitsbehörden arbeiten scheinbar
       schleppend. 2018 gab es noch eine zentralisierte Koordinationsstelle, heute
       nicht. Die zwei positiv getesteten Fälle in Butembo wurden in zwei
       unterschiedlichen Gesundheitsdistrikten festgestellt, über den Umgang damit
       oder die Nachverfolgung von Kontakten gibt es keine amtlichen
       Informationen. Die Gesundheitsbehörden verstecken sich hinter der Vorgabe,
       dass für Kommunikation mit der Öffentlichkeit die Politik zuständig sei.
       
       Aus Angst vor Strafmaßnahmen spricht niemand mit den Medien, außer
       vielleicht anonym. „Die Bekämpfung ist noch dezentral, wir arbeiten an der
       Erstellung von Kontaktlisten der Infizierten und warten auf Anweisungen“,
       lautete am vergangenen Dienstag die Auskunft eines Verantwortlichen der
       Gesundheitsbehörde.
       
       ## „Es gibt zu wenig Informationen“
       
       Anders als früher engagiert sich die Bevölkerung daher nicht, um gegen die
       Epidemie vorzugehen. „Ich verstehe das nicht“, sagt der Journalist Giresse
       Baloki. „Früher machte die Gemeinschaft mit, auch wenn es in Butembo nur
       wenige Fälle gab. Vielleicht ist das Trauma von 2018-20 noch lebendig, aber
       es gibt einfach zu wenig Information. Man weiß nicht einmal, wo und wie die
       positiv Getesteten behandelt werden.“
       
       Butembo gilt als besonders anfällig für eine schnelle Verbreitung des
       Virus. Die Millionenstadt ist der wichtigste Handelsknotenpunkt Ostkongos
       mit [3][regem Verkehr über Uganda bis nach Ostafrika]. Händler aus der
       Provinz Ituri weiter nördlich, wo der aktuelle Ebola-Ausbruch sich
       konzentriert, kommen regelmäßig auf die Großmärkte von Butembo zum Einkauf
       von Importwaren. Die zwei Ebola-Fälle der Stadt sind beides Reisende aus
       Ituri. Der bestätigte Ebola-Fall in Nord-Kivus Provinzhauptstadt Goma 300
       Kilometer weiter südlich, [4][Hauptstadt der M23-Rebellion], ist ebenfalls
       ein Reisender aus Ituri, der über Butembo kam.
       
       Auch als bekannt war, dass Ebola so weit zirkulierte, floss der Verkehr
       ungehindert, trotz der Straßenkontrollen der Regierungsarmee. „Es gab keine
       Tests an den Straßensperren“, berichtet der Fahrer Kambale Kivoto, der
       immer wieder zwischen Butembo und Orten weiter südlich unterwegs ist. „Ich
       fahre die Strecke regelmäßig und nichts ist eingerichtet, anders als 2018.“
       Es gibt lediglich amtliche Aufrufe zur Vorsicht.
       
       Angst und Widerstand 
       
       Der beunruhigende Kontrast zwischen der aktiven Ebola-Bekämpfung 2018 und
       der behördlichen Passivität heute nährt Gerüchte und Widerstand.
       Falschinformationen und vor allem das Virus selbst zirkulieren offenbar
       ungehindert. Auf sozialen Netzwerken kursieren Verschwörungstheorien und
       Ebola-Leugnung. Mal wird die Krankheit als Erfindung dargestellt, mal wird
       den Behörden unterstellt, sie ließen sie bewusst zu, um davon zu
       profitieren.
       
       „Sie wollen mit unserem Blut Geld verdienen. Dieses Mal lassen wir sie
       nicht durchkommen. Wir kennen das!“ erzählt ein Motorradtaxifahrer in
       Butembo. In Ituri wurden Krankenhäuser, die Infizierte aufnehmen, bedroht
       und angegriffen.
       
       Dabei ist das Vertrauen der Bevölkerung eine unerlässliche Voraussetzung
       für eine erfolgreiche Seuchenbekämpfung. „Wir haben nachgefragt, warum die
       Maßnahmen so zögerlich sind“, fährt der anonyme Gesundheitsangestellte in
       Butembo fort. „Man hat uns gesagt, es gebe kein Geld und man warte auf
       Orientierung und Finanzmittel aus Kinshasa“, der fernen kongolesischen
       Hauptstadt. „Solange verwalten wir unsere Strukturen mit den Erfahrungen,
       die wir 2018-20 sammelten.“
       
       Derweil versucht die organisierte Zivilgesellschaft der Region, die Dinge
       selbst in die Hand zu nehmen. In einer gemeinsamen Erklärung forderten
       diese Bürgerorganisationen am vergangenen Donnerstag die Bevölkerung auf,
       Desinformation zu meiden, und geißelten das Fehlen von Präventionsmaßnahmen
       gegen eine Ausbreitung der Seuche.
       
       „Nord-Kivu ist verwundbar durch die Fälle, die aus Ituri kommen“, sagt
       Richard Kirimba, Vizepräsident der organisierten Zivilgesellschaft von Beni
       – in der Stadt 50 Kilometer nördlich von Butembo hat die aus Goma vor den
       Rebellen geflohene Militärregierung der Provinz ihren Sitz. „Es gibt viel
       Verkehr zwischen Nord-Kivu und Ituri. Wir bedauern, dass weder an
       öffentlichen Orten noch in dichtbesiedelten Städten Präventions- und
       Behandlungsmaßnahmen eingerichtet worden sind.“
       
       Viel Aufklärungsarbeit wird jetzt von Medien geleistet. Lokale Radiosender,
       wichtigste Informationsquelle der Menschen, senden erneut die
       Sensibilisierungslieder und -botschaften von 2018, mit denen die
       Bevölkerung damals lernte, wie man sich selbst schützt. „Wir wissen, dass
       wir Einfluss haben, und den nutzen wir“, erläutert Claude Sengenya,
       Vizepräsident der Pressevereinigung von Butembo. „Wir tun, was wir können,
       denn es ist unsere Pflicht und unsere Verantwortung.“
       
       ## Weniger internationale Präsenz
       
       Der Kontext der aktuellen Ebola-Epidemie ist aus mehreren Gründen anders
       als der von 2018-20. Damals gab es in Butembo wie in der gesamten Region
       eine starke Präsenz internationaler Organisationen, viel mehr medizinische
       Teams waren unterwegs. Heute ist das sehr ausgedünnt.
       
       Butembo liegt unweit der Kriegsfront zwischen Regierungsarmee und
       M23-Rebellen, und um die Stadt herum sind diverse „patriotische“ Milizen
       (wazalendo) aktiv, die die Armee gegen die Rebellen unterstützen wollen,
       aber auch auf eigene Rechnung Krieg führen. Man erinnert sich, wie solche
       Milizen im Jahr 2019 – damals hießen sie „Mai Mai“ –
       Ebola-Behandlungszentren in Butembo und Katwa angriffen und sich als
       Speerspitze des gesellschaftlichen Misstrauens gegen die Seuchenbekämpfung
       anboten. Ein Misstrauen, das auch jetzt sehr spürbar ist.
       
       Vergangene Woche zündeten Bewohner des Ortes Rwampara nahe Ituris
       Provinzhauptstadt Bunia Isolierzelte im Ebola-Behandlungszentrum auf dem
       Krankenhausgelände an, mehrere Kranke ergriffen die Flucht. Im
       Gesundheitszentrum Kyaondo 40 Kilometer nördlich von Butembo griffen
       feindselige Anwohner Ende vergangener Woche die medizinischen Teams an und
       holten die Leiche eines Ebola-Toten, der eigentlich unter strikten
       Sicherheitsvorkehrungen eingeäschert werden sollte, aus seinem Sarg. Und am
       Pfingstsonntag griffen Jugendliche das Krankenhaus der Goldgräberstadt
       Mongbwalu in Ituri an und verlangten die Herausgabe eines verstorbenen
       katholischen Kirchenführers; inmitten der Auseinandersetzungen fiel ein
       Ebola-Kranker vom Balkon und starb, während mindestens sieben Patienten
       wegrannten.
       
       Dass immer wieder Ebola-Kranke aus Behandlungszentren verschwinden, erzeugt
       große Angst vor einer unkontrollierten Ausbreitung der Seuche. Die
       Nachbarländer Uganda und Ruanda haben die Einreise von aus der DR Kongo
       kommenden Ausländern verboten und testen kongolesische Einreisende. Das
       soll verhindern, dass Kranke sich einschleichen. Die M23-Rebellenverwaltung
       in Goma hat vor wenigen Tagen [5][jeglichen kollektiven Personentransport
       zwischen Goma und Butembo verboten], um keine Viren aus dem
       Regierungsgebiet in ihr Gebiet zu lassen.
       
       Das ist ein schwerer Schlag für die Menschen – Staatsangestellte in Goma
       etwa müssen über Butembo ins Regierungsgebiet reisen, wenn sie Zugang zu
       ihren Bankkonten und damit ihren Staatsgehältern wollen, da im
       Rebellengebiet die Banken geschlossen sind. Die Zerschlagung von
       Wirtschaftskreisläufen war bereits 2018-20 ein problematischer Nebeneffekt
       der Ebola-Bekämpfung. Heute wird dies durch die Zwänge des Krieges noch
       verschärft.
       
       Der Autor leitete jahrelang den unabhängigen Radiosender „Radio Soleil“ in
       seiner Heimatstadt Butembo und forscht heute am Bernhard-Nocht-Institut in
       Hamburg zum medialen Umgang mit Ebola in der DR Kongo.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Ebolafieber-Epidemie_2018_bis_2020
 (DIR) [2] /Ebola-Ausbruch-im-Kongo/!6179423
 (DIR) [3] https://www.theeastafrican.co.ke/tea/business-tech/uganda-congo-to-deepen-trade-as-they-push-for-security-needs-5459350
 (DIR) [4] /Goma-nach-einem-Jahr-Rebellenherrschaft/!6148448
 (DIR) [5] https://x.com/TazamaRDC_Infos/status/2057844948196585591
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kennedy Muhindo
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Demokratische Republik Kongo
 (DIR) Ebola
 (DIR) Nord-Kivu
 (DIR) Ituri
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) WHO
 (DIR) Ebola
 (DIR) Ebola
 (DIR) Schwerpunkt Demokratische Republik Kongo
 (DIR) Virus
 (DIR) Schwerpunkt Demokratische Republik Kongo
 (DIR) Ebola
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ebola-Krise in der DR Kongo: Kampf gegen das Virus nimmt langsam Fahrt auf
       
       Die Zahl der positiv getesteten Ebola-Patienten ist erstmals rückläufig.
       Zudem wurden 50 Millionen Dollar in Aussicht gestellt für einen Impfstoff.
       
 (DIR) US-Gesundheitspolitik in Afrika: Kenia als Abladeplatz für US-Amerikaner unter Ebola-Verdacht
       
       Weil sich Ebola in der DR Kongo ausbreitet, soll Kenia gefährdete US-Bürger
       aus der Region aufnehmen. Es gibt Proteste vor Gericht und auf der Straße.
       
 (DIR) Ebola-Ausbruch: WHO-Chef sichert Kongo internationale Unterstützung zu
       
       Tedros Adhanom Ghebreyesus verspricht den Menschen im Osten Kongos Hilfe.
       Ärzte ohne Grenzen beklagen zu wenig medizinische Fachkräfte in der Region.
       
 (DIR) Ebola-Ausbruch in Zentralafrika: Jedes vierte Opfer ist ein Kind
       
       In der Demokratischen Republik Kongo sind bereits 200 Menschen mutmaßlich
       an Ebola gestorben. Die WHO warnt. Derweil werden erste Genesene entlassen.
       
 (DIR) Ebola-Ausbruch im Kongo: Die Suche nach Patient 0
       
       Im Kongo haben sich mutmaßlich 750 Menschen mit Ebola infiziert, die Suche
       nach dem ersten Patienten läuft. Auch das Nachbarland Uganda meldet drei
       Fälle.
       
 (DIR) Ebola-Erkrankter in der Charité: Die Seuchen-Selektion
       
       Ein Sonderflug bringt einen an Ebola erkrankten US-Arzt aus der
       Demokratischen Republik Kongo nach Berlin. Und die Kongolesen?
       
 (DIR) Ein Jahr Ebola-Virus im Kongo: Tod und Teufel
       
       Seit einem Jahr wütet das Ebola-Virus im Kongo. Noch immer herrscht
       Misstrauen gegen die Seuchenbekämpfung. Ein Bericht aus der Kampfzone.