# taz.de -- Slow-Food-Gründer gestorben: Nicht das Ob, sondern das Wie des Genießens
       
       > Der Publizist und Soziologe Carlin Petrini ist im Alter von 76 Jahren
       > gestorben. Mit der Gründung der Slow-Food-Organisation politisierte er
       > Ernährung.
       
 (IMG) Bild: Carlo Petrini im Jahr 2014
       
       Die Tagestour führte ins Städtchen Arbatax an der Ostküste Sardiniens,
       damals im Sommerurlaub 1998. Mittags kehrten wir im „Ristorante Da Lenin“
       ein, ein Besuch, der zum kulinarischen Erweckungserlebnis wurde. Lenin (so
       hieß der Inhaber wirklich mit Vornamen) nämlich servierte als Vorspeise
       kleine Weißbrotscheiben, mit Butter bestrichen und mit dünnen Scheiben der
       bernsteinfarbenen Bottarga belegt – mit dem gepressten und getrockneten
       Fischrogen der Meeräsche.
       
       Den Geschmack habe ich heute noch auf der Zunge – und heute noch erinnere
       ich mich auch, wem ich den Besuch bei Lenin in Arbatax zu verdanken habe:
       dem Restaurantführer „Osterie d’Italia“, herausgegeben von der Organisation
       [1][Slow Food] – einer Organisation wiederum, die ohne ihren Gründer Carlin
       Petrini wohl kaum das Licht der Welt erblickt hätte.
       
       Am letzten Donnerstag ist Petrini gestorben, im Alter von 76 Jahren, in
       seinem Heimatort Bra im norditalienischen Piemont. Mit ihm verliert nicht
       nur Italiens kulinarische Szene, sondern auch Italiens Linke einen ihrer
       Großen. Petrini erzählte in einem Interview, dass er – der Sohn einer
       Kindergärtnerin und eines KFZ-Elektrikers – so wie damals üblich per
       Hausgeburt zur Welt kam. Und dass die Hebamme auf den Vornamen Gola hörte.
       „Gola“: Das bedeutet im Italienischen „Kehle“, es steht aber auch, im
       übertragenen Sinne, für „Appetit“. Dass seine Hebamme so hieß, nahm er denn
       auch als Zeichen der Vorsehung.
       
       Genauso war ihm das linke Engagement in die Wiege gelegt. Petrinis
       Großvater gehörte im Jahr 1921 zu den Gründern der Kommunistischen Partei
       in Bra, und auch seine Mutter war nach dem Zweiten Weltkrieg in der KPI
       aktiv, obwohl sie gläubige Katholikin blieb. Daraufhin verweigerte ihr der
       Priester, wie in den 50er Jahren üblich, die Absolution, und sie
       antwortete, „dann behalten Sie doch ihre Absolution!“
       
       ## Protest gegen McDonalds
       
       Den Rest besorgte ’68. Petrini schrieb sich in Soziologie an der Uni Trient
       ein, gründete derweil aber auch ein linksradikales Lokalradio und wurde im
       Jahr 1975 für die Liste Partito dell’Unità Proletaria (Partei der
       proletarischen Einheit) in den Stadtrat von Bra gewählt.
       
       Wirkliche Spuren aber begann er im folgenden Jahrzehnt zu hinterlassen.
       Petrini beginnt, über önogastronomische Themen zu schreiben, über guten
       Wein und gutes Essen. Zum echten Big Bang wird dann aber das Jahr 1986 –
       jenes Jahr, in dem McDonalds den seinerzeit gerade von links als skandalös
       empfundenen Entschluss fasst, mitten in Rom direkt an der Spanischen Treppe
       seinen (einmal von Bozen abgesehen) ersten Fastfood-Laden in Italien zu
       eröffnen.
       
       Hunderte Künstlerinnen, Intellektuelle, römische Bürger*innen
       protestierten damals vor dem geplanten Lokal, gerne auch mit einem Teller
       Spaghetti Carbonara in der Hand, und in der ersten Reihe war Carlin
       Petrini. Im selben Jahr entstand die Food-Beilage „Gambero Rosso“ in der
       radikal linken Tageszeitung Il Manifesto (in der auch Petrini schrieb).
       Daneben aber brachte Carlin Petrini sein eigenes Baby zur Welt: Im
       piemontesischen Cuneo gründete er zusammen mit Mitstreiter*innen die
       Vereinigung „Arcigola“.
       
       Die Arci: Sie war und ist Italiens größte linke Freizeitorganisation, in
       der Menschen Sport treiben, Musik machen, auf die Jagd gehen (Arci-caccia),
       sich als [2][LGBTIQ+]-Community organisieren (Arci-Gay) – oder eben als
       Gourmets. Arci-gola – da haben wir wieder den Namen von Petrinis Hebamme.
       
       Eines allerdings wusste Carlin genau: Die Genussfreude musste er der
       italienischen Linken nicht erst beibringen; asketische Züge gingen auch der
       radikalen Linken südlich des Brenners immer schon ab. Nicht das Ob, sondern
       das Wie des Genießens stand immer im Mittelpunkt seines Wirkens, erst recht
       seitdem Arcigola im Jahr 1989 zu „Slow Food“ mutierte.
       
       „Utopien säen, um Realität zu ernten“: So formulierte Petrini, worum es ihm
       ging. Der Gambero Rosso wurde zum hochgeschätzten Restaurant- und
       Weinführer, Slow Food dagegen wollte mehr. Schon der seit 1990 erscheinende
       Restaurantführer „Osterie d’Italia“ zeigte das. Da fanden sich keine
       sündteuren Sternerestaurants, sondern ebenso gute wie bezahlbare Osterie,
       die mit lokalen Gerichten, hergestellt aus lokalen Produkten, glänzten –
       wie zum Beispiel der Bottarga im sardischen Arbatax.
       
       ## Slow Food steht für Biodiversität und lokale Versorgung
       
       Vor allem aber wollte Slow Food, wollte Petrini mehr bereithalten als gute
       Tipps für ein gelungenes Dinner. Slow Food verstand sich von Anfang an als
       Bewegung, mit lokalen Gruppen zuerst in Italien, mittlerweile in 160
       Ländern weltweit präsent. Gruppen, die thematisieren, was denn eigentlich
       bei uns auf den Teller kommt, die sich lange vor anderen für Biodiversität
       interessierten, für Versorgung „kilometro zero“, sprich aus dem direkten
       Umland, für die Verteidigung traditioneller Produkte und ihrer (meist
       kleinbäuerlichen) Produzenten.
       
       So entstanden die „Presidi Slow Food“, die sich jeweils lokaler Produkte,
       seien es Linsen oder Ziegenkäse, annehmen. Und so auch entstand, im Jahr
       2004, die weltweite Bewegung „Terra Madre“, in der sich Bauern und
       Bäuerinnen oder auch Fischer*innen über die Kontinente hinweg
       zusammenschlossen. So auch entstand die Università delle Scienze
       Gastronomiche in Bra, deren Didaktik von dem Einklang zwischen Erde,
       Menschen und gutem Essen lebt.
       
       Über die Jahre trug dieses Wirken Petrini auf den ersten Blick
       überraschende Freundschaften ein. Eines Tages klingelte bei ihm das Telefon
       – am Apparat war Papst Franziskus. Die beiden verstanden einander prächtig
       („obwohl ich nichtgläubig bin“), Petrini fuhr nach Rom, piemontesische
       Pasta im Gepäck. Später, im Jahr 2020, entstand aus dieser Freundschaft das
       Buch „Dialoge mit Papst Franziskus über die integrale Ökologie“.
       
       Auch mit dem damaligen britischen Thronfolger und heutigen König Charles
       verbanden Petrini seit 2004 freundschaftliche Bande („obwohl ich
       Republikaner bin“). In jenem Jahr besuchte Charles die Terra
       Madre-Konferenz in Turin; Fotos zeigen ihn, wie er hingebungsvoll an
       Käselaiben riecht. Genauso wie im Vatikan bei Franziskus war Petrini auch
       zum Tee in Highgrove bei seinem Namensvetter Charles. Zuletzt sahen die
       beiden einander, als Charles mit Camilla im Jahr 2025 in Ravenna weilte.
       
       Petrini schätzte solche Besuche bei Hof durchaus, nicht zuletzt, weil sie
       Slow Food Sichtbarkeit verliehen. Doch immer galt, dass er mindestens
       genauso gerne auf den Bauernhof fuhr, zu einem Slow Food-Mitglied, um erst
       Utopien zu säen und dann Realität zu ernten.
       
       23 May 2026
       
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