# taz.de -- Kampf gegen Genitalverstümmelung: „Ich war ja schon immer die Rebellin der Familie“
       
       > Binta Bah, die aus Gambia vor Frühehe und Beschneidung floh, hat in
       > Bremen den Verein Lundu gegründet, um betroffenen Frauen zu helfen.
       
 (IMG) Bild: Binta Bah kämpft für die Rechte der Frauen
       
       taz: Frau Bah, Sie sind vor Frühehe und Beschneidung aus Gambia geflohen.
       Warum ist das so bedrohlich? 
       
       Binta Bah: Wenn ein Mädchen verheiratet wird, ist in vielen Kulturen klar,
       [1][dass sie vorher beschnitten wird]. Davor hatte ich Todesangst. Denn FGM
       (Female Genital Mutilation) – die Verstümmelung weiblicher Genitalien –
       wird ohne Betäubung und oft unter schlechten hygienischen Bedingungen
       durchgeführt. 25 Prozent der betroffenen Mädchen weltweit verbluten. Und
       diejenigen, die überleben, leiden oft lebenslang unter Schmerzen und
       Traumata.
       
       taz: Wer hatte entschieden, wen Sie heiraten? 
       
       Bah: Meine Eltern. Als ich heiraten sollte, war ich 15 Jahre alt. Aber
       diese Frühehe war lange vorher vereinbart worden. Manche Mädchen werden
       schon als Babys erwachsenen Männern versprochen. Sie bekommen ein Band um
       ihr Handgelenk, das zeigt, dass sie vergeben sind. Wenn das Mädchen dann
       die erste Menstruation bekommt, geben die Eltern oft dem
       Heiratsinteressenten Bescheid.
       
       taz: Wie verlief es bei Ihnen? 
       
       Bah: Ich wollte das nicht und habe mich erst mal geweigert und gesagt, ich
       brauche noch Zeit. Irgendwann hieß es dann: Jetzt muss es sein. Dieser
       Moment hat die Beziehung zu meinem Vater grundlegend verändert. Bis dahin
       war ich sehr eng mit ihm verbunden. Er wollte, dass ich zur Schule gehe,
       lehrte mich den ganzen Koran – obwohl Frauen bei uns meistens nur einige
       wenige Verse fürs Gebet beigebracht bekommen. Mein Vater war Händler, nahm
       mich überallhin mit, seine Geschäftspartner kannten mich. Es war
       außergewöhnlich für ein Mädchen, so engen Kontakt zum Vater zu haben.
       
       taz: Inwiefern änderte er sich? 
       
       Bah: Seit dem Tag, an dem meine Mutter zu mir sagte, dass ich heiraten
       muss, erkannte ich das Gesicht meines Vaters nicht wieder. Dieses Lächeln,
       die gegenseitige Nähe – das alles war nicht mehr da. Heute denke ich, dass
       ihm der soziale Druck stark zugesetzt haben muss.
       
       taz: Kannten Sie den Mann, den Sie heiraten sollten? 
       
       Bah: Ja. Er war der beste Freund meines Vaters und wesentlich älter als
       ich. Ich sah ihn als Vaterfigur. Und ich wollte mit meiner Flucht [2][nicht
       nur der Beschneidung und der Ehe entkommen]. Ich wollte auch weiterhin zur
       Schule gehen, statt mich nur noch auf Kinder und Familie zu beschränken.
       
       taz: Wie haben Sie Ihre Flucht organisiert? 
       
       Bah: Dabei hat mich vor allem meine Tante unterstützt. Sie war auch
       zwangsverheiratet, aber ihr Mann hatte ihr erlaubt, Schule und Ausbildung
       fertigzumachen. Sie war Lehrerin in Gambia und hat das Potenzial in mir
       gesehen. Sie wollte, dass ich weiterlerne. Sie sagte zu mir: „Geh weg aus
       Gambia, damit du dich weiterbilden kannst.“ Und ich habe ihr vertraut. Sie
       versteckte mich vor meiner Familie, vermittelte mich an einen Fluchthelfer
       und half mir auch finanziell. Dass ich nach Bremen kam, war dann eher
       Zufall.
       
       taz: Wie waren Ihre Anfänge in Bremen? 
       
       Bah: Ich kam ins Mädchenhaus, später in eine Pflegefamilie und war erst mal
       total überfordert. Ich wusste ja nichts über Deutschland, alles war fremd:
       das Essen, die Gepflogenheiten, die Mentalität …
       
       taz: Wie sind Sie da durchgekommen? 
       
       Bah: Sehr wichtig war meine Therapeutin von Refugio Bremen, dem
       psychosozialen und psychotherapeutischen Behandlungszentrum für Flüchtlinge
       und Folteropfer. Sie hat mir geholfen, die hiesige Kultur zu verstehen.
       Wenn Leute mich fragten, warum ich ausgerechnet nach Deutschland, nach
       Bremen gekommen bin, habe ich das anfangs sehr persönlich genommen und mich
       nicht willkommen gefühlt.
       
       taz: Wie empfinden Sie solche Fragen heute? 
       
       Bah: Inzwischen weiß ich, dass die meisten Menschen das nicht aus bösen
       Willen fragen, sondern aus sachlichem Interesse. Auch, dass man seinem
       Gesprächspartner hier direkt in den Augen guckt, musste ich erst mal
       lernen. In meiner Heimat gilt das nämlich als respektlos.
       
       taz: Und dann war da die Sache mit dem Kämpfen. 
       
       Bah: Ja. Wenn es bei uns Streit gibt, kämpfen wir oft, um zu sehen, wer
       gewinnt. So habe ich es jedenfalls erlebt. Wenn ich also hier in Bremen im
       Unterricht einen Konflikt hatte, dachte ich: Nach der Schule muss ich mit
       dieser Person kämpfen! Eine Mitschülerin sagte zu mir: „Binta, hier macht
       man das nicht so. Wenn du das machst, kommt die Polizei.“
       
       taz: Wie sind Sie davon abgekommen? 
       
       Bah: Meine Therapeutin hat mir nochmal ganz in Ruhe erklärt, dass das hier
       nicht geht und dass man dann bestraft wird. Und jetzt, wo wir darüber
       reden, lache ich mich kaputt und denke: „Was habe ich da getan! Ich habe
       mich unnötig in Schwierigkeiten gebracht!“ Und ich bemerke bei vielen
       geflüchteten Jungs: Wenn die neu hier ankommen, denken sie, dass sie
       kämpfen müssen. Sie haben noch nicht verstanden, dass man Konflikte hier
       anders lösen kann.
       
       taz: Wann wurde Ihnen die Tragweite des Problems bewusst? 
       
       Bah: Als ich ein paar Jahre lang ein afrikanisches Restaurant führte. Da
       kamen geflüchtete Jungs und Mädchen hin, und wir sprachen über die
       kulturellen Unterschiede. Und langsam wurde mir klar: Wir brauchen einen
       eigenen Raum, um darüber zu sprechen. Damit wir einander verstehen und
       zusammenleben können. Das war ein Grund, den Verein Lundu zu gründen.
       
       taz: Was bedeutet der Vereinsname? 
       
       Bah: Es ist der Name des Dorfs in Guinea, in dem meine Oma lebte. Sie war
       eine sehr mutige Frau. Unter anderem war sie die erste Frau im Dorf, die
       Fahrrad fuhr. Heute ist das dort selbstverständlich. Aber damals wurde es
       gefährlich für sie, weil es einen Tabubruch bedeutete, den die Umgebung
       nicht duldete. Daraufhin floh meine Oma mit ihrem Mann ins Nachbarland,
       nach Senegal. Dort war sie dann die erste Frau, die im Dorf in den „Rat“
       der Männer eintrat.
       
       taz: Wie schaffte sie das? 
       
       Bah: Ihr verstorbener Mann war Mitglied des Dorfrats gewesen und hatte ihn
       immer finanziell unterstützt. Nach seinem Tod baten die Ratsmitglieder
       meine Oma, weiterhin Geld zu geben. Sie sagte: „Ja, aber nur, wenn ich
       einen Sitz im Rat bekomme.“ Aber sie wollten keine Frau. Sie kamen noch
       mehrmals. Beim dritten Mal gaben sie nach und nahmen meine Oma auf. Seither
       haben in diesem Dorf auch Frauen Macht.
       
       taz: Sie selbst sind auch kämpferisch und haben noch als Hochschwangere den
       Realschulabschluss absolviert. Gab es Widerstände? 
       
       Bah: Ja. Als meine Lehrerin entdeckte, dass ich im siebten Monat schwanger
       war, sagte sie, ich solle die Schule verlassen. Ich bin dann zum Jugendamt
       gegangen und habe zu meinem Sachbearbeiter gesagt: „Ich muss die Schule
       verlassen, weil ich schwanger bin.“ Er fand das überhaupt nicht in Ordnung.
       Er rief in der Schule an. Ich habe mitgehört, wir er laut wurde: „Sie ist
       nicht krank, sie ist nur schwanger!“ So kam es, dass ich die Schule
       weiterbesuchen durfte. Ich bin auch nicht in den Mutterschutz gegangen.
       Denn ich wusste: Wenn ich jetzt aussetze, bestehe ich die Prüfungen nicht
       und muss nochmal von vorne anfangen. Und ich habe es geschafft. Als ich
       dann mit Baby auf dem Arm mein Abschlusszeugnis abholte, stand da
       „Hauptschulabschluss.“
       
       taz: Wie das? 
       
       Bah: Ja, eben! Ich habe das einmal, zweimal gelesen und gesagt: „Aber ich
       habe den Realschulabschluss!“ Da hieß es: „Ja, aber Ihr Deutsch war nicht
       so gut.“ Ich sagte: „Aber inhaltlich habe ich es geschafft. Ich möchte, was
       mir zusteht.“ Dann habe ich meine Pflegemutter angerufen. Sie war
       stocksauer, hat die Schule angerufen, dem Bildungssenator geschrieben,
       alles in Bewegung gesetzt … Irgendwann kam der Anruf, dass ich jetzt mein
       Realschulabschlusszeugnis abholen kann.
       
       taz: Ihr Verein Lundu befasst sich heute vor allem mit der Beschneidung von
       Mädchen. Warum wurde das nötig? 
       
       Bah: Weil ich merkte: Obwohl etwa 80 Prozent der Frauen zum Beispiel aus
       Gambia beschnitten sind, wissen viele es nicht. Sie wissen auch nicht,
       welche „Stufe“ von FGM gemacht wurde, also wie tief der Eingriff war. Wenn
       [3][FGM aber im Babyalter gemacht wurde], erinnert man sich kaum. Dazu
       kommt, dass das Reden über diese Erfahrung ein Tabu ist.
       
       taz: Werden nicht alle Mädchen im selben Alter beschnitten? 
       
       Bah: Das ist in jeder Kultur anders. Viele Mädchen werden mit 12 oder 13
       Jahren, mit Beginn der Menstruation beschnitten, andere im Babyalter. In
       Gambia machen es einige Kulturen traditionell in der Pubertät, andere
       beschneiden Zweijährige. Heute allerdings lassen viele Frauen, die selbst
       in der Pubertät beschnitten wurden, ihre eigenen Töchter schon als Baby
       beschneiden. Damit es schon gemacht ist, falls das Mädchen mit 15 flüchtet.
       Und das tun viele.
       
       taz: FGM führen Frauen durch, oder? 
       
       Bah: Ja, Frauen schädigen Frauen, das schockiert mich immer wieder. Und es
       wird, wie erwähnt, ohne jede Betäubung durchgeführt. Das Mädchen kann dabei
       verbluten oder die Wunde entzündet sich. Am brutalsten ist die dritte Stufe
       von FGM, wo nach der weitgehenden Entfernung der äußeren weiblichen
       Genitalien die Wunde fast ganz zugenäht wird.
       
       taz: Warum wird FGM überhaupt praktiziert? 
       
       Bah: Viele Kulturen hinterfragen diese Tradition nicht und praktizieren FGM
       aus Gewohnheit. Aber der eigentliche Grund ist: Die Frau soll beim
       Geschlechtsverkehr keine Lust empfinden. Ihre Jungfräulichkeit und eheliche
       Treue sollen auf diese Art sichergestellt werden. Und viele Menschen
       glauben an FGM. Dabei weiß ich sicher, dass es nicht im Koran steht, ich
       habe ihn ganz gelesen. Und ich gehe davon aus, dass es auch nicht in der
       Bibel und anderen religiösen Schriften steht. FGM wird praktiziert, um
       Frauen zu unterdrücken und zu demütigen. Dazu kommt ein enormer sozialer
       Druck: In den meisten von FGM betroffenen Ländern gilt eine unbeschnittene
       Frau als „unrein“. Ihre Mitschülerinnen grenzen sie aus und ihre
       Heiratschancen stehen schlecht.
       
       taz: Wie verlief das erste Treffen mit betroffenen Frauen bei Lundu in
       Bremen? 
       
       Bah: Bewegend. Einige Frauen waren über 30 Jahre alt und hatten noch nie
       über diese Erfahrung gesprochen. An diesem Tag haben fast alle geweint.
       Einige haben so verzweifelt geweint, dass man merkte, der ganze Schmerz
       kommt auf einmal raus.
       
       taz: FGM kann auch schwere Traumata erzeugen. Bietet Lundu auch Therapie? 
       
       Bah: Wir haben zwar eine ehrenamtliche Traumapädagogin, die einmal pro
       Woche kommt, aber wir brauchen dringend eine weitere Therapeutin. Ich
       selbst biete Aufklärung und Beratung an und versuche, die Frauen nicht mit
       offenen psychischen Wunden gehen zu lassen. Überhaupt ist mir Offenheit
       wichtig. Egal, was eine glaubt: Es ist Privatsache. Wenn ich Muslim bin,
       muss ich niemanden zwingen, auch Muslim zu sein. Wenn ich denke, FGM ist
       richtig, sollte ich das für mich behalten und keine Propaganda dafür
       betreiben. Denn klar ist: Leute, die unkritisch an FGM glauben, berauben
       sich der Chance zu lernen, was dahintersteht und welche Auswirkungen es
       hat.
       
       taz: Wie reagiert die Bremer afrikanische Community auf Ihre Aktivitäten? 
       
       Bah: Da ich ein Tabu breche, indem ich über Details dieser Praxis
       informiere, werde ich immer wieder verbal attackiert und angeschrien. Sogar
       von Landsleuten, die in Bremen ihr Studium oder ihre Ausbildung absolviert
       haben und seit Jahren hier im Land arbeiten.
       
       taz: Von wem kommt die Kritik? 
       
       Bah: Von Frauen! Sie sagen, dass ich FGM nicht erklären soll, weil ich ihr
       Schamgefühl verletze. Sie sagen: „Das macht unsere Kultur kaputt.“ Dabei
       macht ja die FGM-Praxis die Kultur kaputt, nicht das Reden darüber. Andere
       fragen mich, warum ich in Deutschland dagegen protestiere statt in Gambia.
       
       taz: Was antworten Sie? 
       
       Bah: Erstens war ich damals in Gambia sehr jung und wusste noch nicht viel
       über FGM. Zweitens kann solcher Protest dort lebensgefährlich sein. Es gibt
       zwar Aktivistinnen in Gambia, die gegen FGM kämpfen. Das sind aber oft
       privilegierte Frauen, die zum Beispiel im Ausland ausgebildet wurden und
       zurückgekommen sind. Sie sind unabhängig, haben ihr Haus, ihre Arbeit und
       können sich leisten, darüber zu reden. Aber in manchen Kulturen bringen sie
       dich um, wenn du darüber redest.
       
       taz. Wie stehen Ihre Eltern zu Ihrem Aktivismus? 
       
       Bah: Leider sind sie inzwischen beide verstorben. Sie fanden meine
       Aktivitäten nicht gut, aber sie ließen mich machen. Ich war ja schon immer
       die Rebellin der Familie … Und meine Schwester akzeptiert hundertprozentig,
       was ich mache.
       
       taz: Wird FGM heimlich auch in Deutschland praktiziert? 
       
       Bah: Vermutlich ja. Dabei ist FGM sowohl hierzulande als auch in Gambia
       verboten. In Gambia haben im Jahr 2022 Tausende vorm Parlament für die
       Abschaffung von FGM demonstriert. Das ist ein enormer Fortschritt in einem
       Land, wo die meisten Frauen beschnitten sind. Aber genauso viele Menschen
       demonstrierten damals für FGM. Da hält der Präsident lieber still, weil er
       keine Wählerstimmen verlieren will.
       
       taz: Sie arbeiten hauptberuflich im Bremer Frauenhaus. Welche Schicksale
       begegnen Ihnen? 
       
       Bah: Es kommen Frauen aus allen Kulturen und Kontinenten. Wenn ich ihre
       Geschichten höre, merke ich, dass viele unserer Eltern in häuslicher Gewalt
       leben, aber sie merken es nicht. Häusliche Gewalt äußert sich ja nicht nur
       körperlich. Sie kann auch psychisch sein. Manipulation, Unterdrückung,
       Demütigung gehören dazu. „Du darfst nicht reden, wenn dein Mann redet.“
       Oder „Dein Mann bringt das Geld nach Hause, du darfst nicht arbeiten und
       musst deinen Körper deinem Mann geben, jederzeit, wenn er dich ruft.“
       Manche Männer holen Frauen aus ihrer Heimat nach und nehmen ihnen dann die
       Pässe weg. Das ist alles häusliche Gewalt – und viele Frauen haben
       verinnerlicht, dass das normal ist. Ist es aber nicht. Dessen muss man sich
       bewusst werden.
       
       taz: Und in Ihrer Freizeit, im Ehrenamt hören Sie dann die Geschichten der
       Frauen bei Lundu. Wie ertragen Sie das alles? 
       
       Bah: Es ist schon belastend, aber ich bin dadurch auch positiv gewachsen.
       Weil ich andere stärken kann. Außerdem habe ich in meiner eigenen Kindheit
       häusliche Gewalt erlebt und als Normalität gesehen. Trotzdem hatte ich
       schon früh das Gefühl: „Das ist ungerecht.“ Diese Erkenntnis schafft
       Distanz – und das möchte ich gern weitergeben. Denn ein klarer Blick hilft
       den Frauen, aus der Opferrolle rauszukommen. Und mir hilft es, ihre
       Schicksale zu verkraften.
       
       7 Jun 2026
       
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