# taz.de -- Ausstellung „Celebrating Womanhood“: Die Perlen, der Hüftschmuck, das Messer
       
       > Kulturerbe aus Tansania: Für die Ausstellung „Celebrating Womanhood“
       > setzt das Linden-Museum Stuttgart selbstkritisch an. Und stößt auf ein
       > Dilemma.
       
 (IMG) Bild: Hüftschmuck aus der Ausstellung „Celebrating Womanhood“ über Kulturerbe aus Tansania
       
       In dem abgedunkelten Raum stehen Vitrinen, in denen perlenbestickter
       Schmuck schimmert: ein Rock, ein Halsschmuck, ein Armschmuck, Hüftringe. Es
       müsse sich um den Besitz einer Familie gehandelt haben, die zur Elite der
       Chagga gehört habe, sagt Fiona Siegenthaler. Zusammen mit dem tansanischen
       Archäologen Valence Silayo hat die Sozialanthropologin im Linden-Museum
       Stuttgart die Studio-Ausstellung „Celebrating Womanhood. Kulturerbe am
       Kilimandscharo“ zusammengestellt.
       
       „Glasperlen dienten als Währung“, erklärt sie im Telefongespräch. Seit dem
       18. Jahrhundert florierte ein globaler Handel damit. Siegenthaler entdeckte
       bei ihren Nachforschungen einen Lieferschein, in dem „rote und
       türkisfarbene Perlen für die Chagga“ erwähnt sind. Den Perlenschmuck
       stellten die Mädchen vor der Initiation mithilfe ihrer Mütter und
       Großmütter her. Hüftringe dienten der sozialen Identifikation. Sie zeigten
       ihre Initiation an, im Fall mehrerer Ringe, die Zahl der Kinder.
       
       Die „Feier der Weiblichkeit“, wie sie im Titel der Ausstellung angekündigt
       ist, hat aber auch eine dunkle Seite. In einer Vitrine glänzen ein
       Hüftschmuck aus feingliedrigen Eisenelementen und ein Fußschmuck aus
       Glöckchen im Licht der Scheinwerfer. Beides muss für ein sehr schmales
       Mädchen angefertigt worden sein. Daneben liegt ein Beschneidungsmesser aus
       Eisen, kaum größer als eine Rasierklinge.
       
       ## Beschneidungsverbot, westlicher Import?
       
       Wandtexte klären darüber auf, dass in Tansania seit den 1950er-Jahren die
       Mädchenbeschneidung, bei der die Klitoris oder Teile der Klitoris entfernt
       werden, kaum noch praktiziert wird. Seit 1998 ist [1][die weibliche
       Genitalverstümmelung verboten]. Wie Statistiken der Beratungsstellen jedoch
       zeigen, werden Mädchen weltweit weiterhin Opfer dieses archaischen Rituals.
       
       Die Ausstellung spart diese Problematik nicht aus. Sie enthält sich aber
       eines Kommentars. Fiona Siegenthaler: „Wir wollten keine Bewertung
       vorgeben, sondern verschiedene Perspektiven ermöglichen.“ So ist auch zu
       lesen, dass Traditionalisten die internationalen Menschenrechte – und damit
       das Verbot der Beschneidung – nicht anerkennen, weil sie ein Produkt
       westlicher Kultur seien.
       
       Die Beschneidung ist nicht nur eine Tortur und verursacht lebenslang
       Schmerzen, sie nimmt den Frauen auch die Lust am Geschlechtsverkehr. Das
       Ritual stand für den Übergang heranwachsender Mädchen zu heiratsfähigen
       Frauen, die beim Verkehr starr wie Bäume sein sollten. Verweigerung führte
       zu sozialer Ausgrenzung. Das belegt ein Liedtext, der nun vergrößert auf
       eine Plexiglasscheibe gedruckt ist. Über einen Kontakt Silayos zum
       [2][Phonogrammarchiv] des Humboldt Forums Berlin erfuhr das Kuratoren-Team
       von einem vor mehr als hundert Jahren aufgenommenen Lied, das von Ndesamiro
       erzählt, einem Mädchen, das vor der Beschneidung geflohen war.
       
       ## Kulturerbe der Chagga
       
       Ein [3][Feature auf der Homepage] liefert den kolonialen Kontext der
       Ausstellung, die exemplarisch Silayos Ergebnisse des zweijährigen
       Forschungsprojekts zum Kulturerbe der Chagga am Linden-Museum zeigt.
       
       1890 übernahm das Deutsche Reich die sogenannten Schutzgebiete der
       Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG). Mit der Verstaatlichung der
       Kolonie wurde Moshi, südlich des Kilimandscharo-Massivs gelegen, zum
       Militärstützpunkt. Der Leiter der Station, Kurt Johannes, ließ 1900 Manga
       Meli, den Anführer der Chagga, hängen, um den Widerstand der Einheimischen
       gegen die Kolonisten zu brechen.
       
       Johannes' Name ist auf vielen Objektschildern der Stuttgarter Ausstellung
       zu lesen. Auch sein Mitarbeiter Moritz Merker habe viel fotografiert,
       berichtet Siegenthaler. Es habe sich sogar eine Aufnahme von zwei Mädchen
       in Initiationsbekleidung gefunden. Sie wurde aber nicht in die Ausstellung
       übernommen, offenbar weil damit der koloniale Kontext zu sehr in den
       Vordergrund getreten wäre.
       
       Der Kolonialismus ist bei der Aufarbeitung der Bestände ethnologischer
       Museen allgegenwärtig. Auch Silayo äußerte in Interviews mehrfach den
       Wunsch, das materielle kulturelle Erbe der Chagga nach Hause zu bringen,
       unter anderem [4][in der taz].
       
       ## Museen als Mittler im Restitutionsverfahren
       
       „Aus Provenienzforschung resultiert nicht automatisch Restitution“, sagt
       die Direktorin des Linden-Museums, Inés de Castro. Für sie steht die
       gemeinschaftliche Erforschung der Objekte aus kolonialem Kontext im
       Zentrum. Dem Community-Ansatz gehöre die Zukunft der Museumsarbeit.
       [5][Restitution werde von Komitees zwischen Staaten verhandelt], die Museen
       seien nur Mittler.
       
       Als solche ist ihre Arbeit für das Ergebnis jedoch entscheidend. Das
       Linden-Museum initiierte zuletzt selbst zusammen mit dem Deutschen Zentrum
       für Kulturgutverluste ein Forschungsprojekt zu den Beständen aus Kamerun in
       deutschen Museen, das auch die Grundlage für Restitutionen schaffen soll.
       Inés des Castro sprach von „einem neuen partnerschaftlichen Weg in der
       Aufarbeitung der Kolonialzeit, der Brücken in die Zukunft bauen möchte“.
       
       Bis diese Brücken tragfähig sind, scheint es geboten, selbst archaische
       Traditionen wie die Beschneidung ausgewogen darzustellen – mit Rücksicht
       auf die Herkunftsgemeinschaften. Das ist ein ziemlicher Balanceakt, wenn
       nicht sogar ein moralisches Dilemma. Insofern ist es gut, dass dies
       schwierige Thema in Stuttgart nicht komplett ausgegrenzt wird.
       
       13 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Weibliche-Genitalverstuemmelung-in-Kenia/!6136601
 (DIR) [2] /In-der-Konservendose/!582015&s=Phonogrammarchiv/
 (DIR) [3] https://sammlung-digital.lindenmuseum.de/de/thema/geschichten-der-chagga-am-kilimandscharo-landschaft-erinnerung-museen_17647
 (DIR) [4] /Rueckgabe-von-Beutekunst/!6084450
 (DIR) [5] /Restitution-geraubter-Kulturgueter/!6131005
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Carmela Thiele
       
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