# taz.de -- Graphic Novel „Al-Fazia“ von Tobi Dahmen: Von der Kunst des Überlebens
> In einfühlsamen Skizzen erzählt Comicautor Tobi Dahmen die Geschichte des
> Syrers Akram Al Saud, der sich der Gewalt des Assad-Regimes widersetzte.
(IMG) Bild: Aus „Al-Fazia’ – Das Grauen“ von Tobi Dahmen und Akram Al Saud (Übersetzer: Jan Dinter). Carlsen Verlag, 128 Seiten, 25 Euro
Akram Al Saud ist ein zurückhaltender Mensch. Geht es allerdings um
Gerechtigkeit, erhebt er seine Stimme: „Ich versuche, für die zu sprechen,
deren Stimme unterdrückt wird“, sagt er. Al Saud stammt aus Syrien, 26
Jahre lang lebte er unter den Repressionen des Assad-Regimes.
Zehn Jahre später sitzt er in einer Kiezbibliothek in Berlin-Kreuzberg –
vor sich ein frisch gedrucktes Buch, aus dem er an diesem Abend lesen wird.
„Al-Fazia’ – Das Grauen“ heißt die dokumentarische Graphic Novel, mit der
Comicautor Tobi Dahmen Al Sauds Biographie erzählt. Von Syrien bis in die
Niederlande.
Tobi Dahmen ist bekannt für seine aufwendig recherchierten Comics. Zuletzt
arbeitete der Künstler in der mehrfach ausgezeichneten [1][Graphic Novel
„Columbusstraße“] die Geschichte seiner Familie während der NS-Zeit auf.
Am Abend der Buchvorstellung sitzen die beiden nun nebeneinander am
Lesepult, als wären sie alte Freunde. Drei Jahre ist es her, dass sie sich
in Amsterdam zum ersten Mal begegneten – vermittelt durch das kanadische
Forschungsprojekt „Survivor-Centred Visual Narratives“, das Künstler:innen
mit Überlebenden staatlicher Gewalt zusammenbringt. Aus einer ersten
Begegnung wurden etliche Treffen in einem Café in Den Haag.
## Auf eine Tasse Kaffee
Ihr engmaschiger Austausch bildet auch die Rahmenhandlung der Graphic
Novel: Szenen, in denen sich Dahmen und Al Saud als markant gezeichnete
Figuren am Tisch gegenübersitzen, vor sich eine Tasse Kaffee und eine lange
Geschichte. In all ihren Details zeichnet Dahmen die Erzählungen Al Sauds
auf, hörte zu, stellte Rückfragen. Auch das dokumentieren die
Bildsequenzen, die zwischen den Treffen in Den Haag und in Rückblenden nach
Syrien springen.
Mit skizzenhaftem Strich, gedeckten Farbtönen und lakonischer Sprache
ziehen Dahmens Comic-Szenarios jetzt auf knapp 80 Seiten tief hinein in Al
Sauds Erinnerungen an ein Land, geprägt von Gewalt.
Geboren in einer Kleinstadt im Osten Syriens, schloss sich Al Saud als
[2][Student der Protestbewegung gegen das Assad-Regime in Aleppo] an. Die
Konsequenz war jahrelange Verfolgung durch die syrischen Geheimdienste.
Viermal wurde er inhaftiert, gefoltert und schikaniert, bis er die
lebensgefährliche Flucht nach Europa wagte.
Das Ausmaß der Gewalt in den Gefängnisanlagen des Assad-Regimes lässt sich
nur schwer in Worte oder Bilder fassen. In den Zellen und Folterkammern
[3][der Haftanstalten kamen laut Schätzungen] des Syrian Observatory for
Human Rights unter dem Assad-Regime weit über hunderttausend Menschen ums
Leben. Bis heute gelten unzählige politische Gefangene als vermisst.
## Nicht alles lässt sich zeigen
Anderthalb Jahre nach Zusammenbruch und Sturz des Assad-Regimes setzt die
Aufarbeitung der Gewaltherrschaft zögerlich ein. Und sie wird begleitet von
der Frage: Wie lässt sich das Grauen darstellen, ohne es zu reproduzieren?
Eine künstlerische Gratwanderung, der sich Tobi Dahmen bewusst ist: „Im
Comic geht es viel darum, was man nicht zeigt.“ Indem er mehr andeutet als
abbildet, gelingt ihm eine sensible Bildsprache für die traumatischen
Erlebnisse seines Gegenübers.
Über die Seiten hinweg entwickelt sich so eine berührende Beziehung
zwischen Protagonist und Zeichner. Klaustrophobische, blaugraue Szenen im
Dunkel der syrischen Massenzellen verbinden sich mit Skizzen, die Dahmen
selbst als Comicfigur in seinem Wohnzimmer zeigen, wie er die Maße von Al
Sauds Zelle absteckt. Drei mal vier Meter für wie viele Menschen? Die
Skizze im Buch bleibt unvollständig.
In den finstersten Momenten seines Lebens habe sich Al Saud ein Versprechen
gegeben, sagt er, während es vor den Fenstern der Bibliothek in Berlin
langsam dämmert. „Ich werde mich widersetzen. Und ich werde überleben.“ Die
Graphic Novel „Al-Fazia’ – Das Grauen“ ist eindrückliches Zeugnis mutigen
Widerstands.
29 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Graphic-Novel-ueber-die-Nazizeit/!6044076
(DIR) [2] /Graphic-Novel-ueber-Syrien/!5374781
(DIR) [3] /Syrisches-Foltergefaengnis-Saidnaja/!6164495
## AUTOREN
(DIR) Ella Rendtorff
## TAGS
(DIR) Graphic Novel
(DIR) Comic
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Baschar al-Assad
(DIR) Demokratie
(DIR) Menschenrechte
(DIR) Folter
(DIR) Revolution
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Literatur
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Graphic Novel
(DIR) Gedenkstätte Hohenschönhausen
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Schwerpunkt Syrien
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Comiczeichnerin über die USA: „Wir wollen Trump loswerden, das ist das Entscheidende“
Wie schafft man es, aktivistisch zu bleiben? Wie umgehen mit MAGA-Fans in
der eigenen Familie? Ein Gespräch mit Alison Bechdel über den Zustand der
USA und ihr neues Buch „Kaputt“.
(DIR) Syrisches Foltergefängnis Saidnaja: Zwischen Mauern der Gewalt
Das Saidnaja-Gefängnis war ein Ort der Grausamkeit. Eine Ausstellung in der
Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen wagt eine erste Aufarbeitung.
(DIR) Najem Wali über die Zukunft in Nahost: „Es scheint ein Domino-Effekt“
Schriftsteller Najem Wali, Vizepräsident PEN Deutschland, über Unterschiede
beim Feiern. Und die Chancen für einen demokratischen Neuanfang in Syrien.
(DIR) Graphic Novel über Syrien: Monument der Unbeugsamkeit
Hamid Sulaimans „Freedom Hospital“ ist jugendkulturell geprägt. Und lenkt
den Blick auf die zivile Opposition und eine idealistische Bewegung.