# taz.de -- Syrisches Foltergefängnis Saidnaja: Zwischen Mauern der Gewalt
       
       > Das Saidnaja-Gefängnis war ein Ort der Grausamkeit. Eine Ausstellung in
       > der Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen wagt eine erste Aufarbeitung.
       
 (IMG) Bild: Alaa Hassan poliert ein Modellhaus, das sein dort inhaftierter Vater im Gefängnis Sednaya gebaut hat
       
       Es sei der Geruch, den er nicht mehr vergessen könne, sagt der syrische
       Journalist Amer Matar. [1][Wer einmal das Foltergefängnis Saidnaja betreten
       habe, kenne den Geruch des Todes.] Die große Anlage nördlich der syrischen
       Hauptstadt Damaskus liegt seit dem Sturz des Assad-Regimes im Jahr 2024
       brach. Eröffnet 1987 als Militärgefängnis, wurde Saidnaja nach der
       syrischen Revolution zu einem Ort systematischer Folter und Hinrichtungen
       durch das Regime.
       
       Allein für die Zeitspanne von 2011 bis 2021 geht das Syrian Observatory for
       Human Rights von 30.000 Todesfällen aus, zudem gelten ungezählte politische
       Gefangene bis heute als vermisst. Auch Amer Matar, der selbst mehrfach
       inhaftiert war, sucht vergeblich nach seinem verschwundenen Bruder.
       
       Der Gefängniskomplex von Saidnaja erstreckt sich über etwa 140 Hektar
       Fläche. Das Grauen, das sich hier vollzog, ist bislang wenig aufgearbeitet.
       Matar, der seit 2012 in Deutschland im Exil lebt, will das ändern. Als
       Leiter des Projekts Prisons Museum begann er im vergangenen Jahr, die
       Architektur des Gefängnisses zu rekonstruieren und die Geschichten der
       Menschen aufzuspüren, die diesen Ort überlebten.
       
       In Kooperation mit der Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen überführen
       Matar und sein Team eine dokumentarische Bestandsaufnahme der
       Tötungsmaschinerie Saidnaja an einen Erinnerungsort deutscher Geschichte.
       Zwischen den grauen Mauern und scharfkantigen Stacheldrähten des ehemaligen
       Stasi-Gefängnisses wird die Kontinuität repressiver Systeme spürbar – als
       Mahnmal, aber auch als Würdigung der Menschen, die unter der staatlichen
       Gewalt jener Regime litten.
       
       ## Die Geräusche der Folter
       
       Einer von ihnen ist der ehemalige Insasse Maher Esber. Als Anhänger einer
       studentischen Gruppe in Syrien, die gegen religiöse Fundamentalisten
       protestierte, geriet er 2006 in politische Gefangenschaft. Sechs Jahre lang
       war er in Saidnaja inhaftiert. Zur Eröffnung der Ausstellung ist er
       angereist, um der Öffentlichkeit von seiner grausamen Erfahrung zu
       berichten. Er spricht gefasst und mit direktem Blick: „24 Stunden lang
       hörten wir die Geräusche der Folter“, sagt er auf Arabisch.
       
       Betritt man den überschaubaren Ausstellungsraum in einem Seitenflügel der
       Berliner Gedenkstätte, zeigt sich die Aufarbeitung dieser düsteren
       Geschichte zunächst einmal zurückhaltend in ihrer Darstellung. Auf weißen
       Wandtafeln liest man von Entstehung und Ausbau der Gefängnisanlage, die von
       einer regulären Haftanstalt zum Zentrum staatlich organisierter Tötungen
       wurde. Wie sich die systematische Kontrolle der Insassen aus der
       Architektur des Gebäudes ablesen lässt, zeigen nüchterne Baupläne:
       Überwachungsräume, Zellen, Gefängnishöfe.
       
       Ohne das Grauen zur Schau zu stellen, vermittelt die sachliche Analyse des
       Gefängnisgebäudes eine Ahnung davon, was sich hinter seinen sandfarbenen
       Mauern vollzog. Der Blick von außen wird im Kern der Ausstellung dann zur
       Innensicht: Auf einem Podest liegen VR-Brillen bereit. Das ehemalige
       Gefängnis dreidimensional zu erfassen, ist der Versuch des kuratorischen
       Teams, die Topografie der Anlage nicht nur zu dokumentieren, sondern auch
       in ihrer Wirkung begreifbar zu machen. Setzt man die Brille auf, erscheinen
       in der VR-Ansicht ehemalige Insassen und schildern die traumatisierende
       Gewalt, die ihnen an der jeweiligen Stelle im Gebäude widerfahren ist, an
       der man sich als Betrachterin befindet.
       
       Die Eindringlichkeit des virtuellen Raumes lässt einen erstarren. Sich zu
       entziehen, wird zwischen den bröckelnden Innenwänden der Folterräume nahezu
       unmöglich. Was Amer Matar und sein Team hier leisten, ist wichtige
       aufklärerische Arbeit. Und doch fragt man sich, ob es die immersive
       Rekonstruktion braucht, um die [2][Grausamkeit dieses Ortes] darzustellen.
       
       ## Erinnerungen in geschmuggelten Briefen
       
       Weniger explizit und gerade deshalb berührend ist der hintere Teil der
       Ausstellung: Er zeigt das Archiv des syrischen Oppositionellen Ahed Sheikh
       Hassan, der in Saidnaja inhaftiert war, bevor der Ort zu dem wurde, was in
       Syrien als „menschliches Schlachthaus“ bezeichnet wird. Verhaftet vom
       Regime aufgrund seiner Zugehörigkeit zur kommunistischen Aktionspartei,
       verbrachte Sheikh Hassan sieben Jahre im Gefängnis Saidnaja. Nach seiner
       Entlassung starb er bei einem Unfall. Aus seiner Zeit in Gefangenschaft
       hinterließ er eine Handvoll persönlicher Gegenstände.
       
       Acht Tagebücher sind darunter, die Sheikh Hassan mit mikroskopisch kleiner
       Handschrift füllte. Die Aufzeichnungen auf dünnem Papier schmuggelte er in
       kleinen Schatullen aus dem Gefängnis, wo seine Frau sie entgegennahm und
       aufbewahrte – bis heute. Die wenigen Relikte aus der frühen Zeit des
       Gefängnisses Saidnaja sind wichtige historische Zeugnisse und Objekte der
       Erinnerung. So auch ein kleines Modellhaus, gebaut aus organischen
       Überresten: das Dach aus Olivenkernen, die Wände aus Schalen von
       Auberginen. Sheikh Hassan schickte es seinen Kindern aus dem Gefängnis, er
       nannte es „House of Dreams“.
       
       Vor dem Modellhaus steht jetzt sein Sohn Alaa Hassan, der am Tag des
       Presserundgangs in der Ausstellung zugegen ist. Damals bewahrte seine
       Familie das kleine Haus im Wohnzimmer auf, erinnert er sich: „Als Kind habe
       ich geträumt, dass wir alle zusammen darin wohnen.“ Neben Videoaufnahmen,
       in denen Überlebende von Folter, Hunger, Krankheit und Gewalt berichten,
       spiegelt das persönliche Archiv von Ahed Sheikh Hassan in verblichenen
       Familienfotos, Briefen und gepressten Blüten Momente der Hoffnung. Sie
       erzählen vom Glauben an Gerechtigkeit: „Wir brauchen den Widerstand“, sagt
       Alaa Hassan.
       
       Ein halbes Jahr verbrachte Amer Matar, der Initiator der Ausstellung, in
       den leerstehenden Gefängnistrakten [3][in Syrien]. „Jede Wand, jede Zelle,
       jeden Namen, der dort verewigt ist, habe ich studiert“, sagt er. Es sei ein
       Albtraum gewesen. Und doch führt er diesen Kampf weiter: als Journalist,
       aber auch als Bürger, der Gerechtigkeit fordert. Die Dimensionen des
       Grauens in Saidnaja dokumentarisch zu vermitteln, ist eine Herausforderung,
       der man wohl kaum gerecht werden kann. In Hohenschönhausen gelingt ein
       erster, wichtiger Versuch.
       
       5 Apr 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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