# taz.de -- Comiczeichnerin über die USA: „Wir wollen Trump loswerden, das ist das Entscheidende“
       
       > Wie schafft man es, aktivistisch zu bleiben? Wie umgehen mit MAGA-Fans in
       > der eigenen Familie? Ein Gespräch mit Alison Bechdel über den Zustand der
       > USA und ihr neues Buch „Kaputt“.
       
 (IMG) Bild: Fiktion und Biografisches vermischen sich in den Comics von Alison Bechdel
       
       taz: Alison Bechdel, Ihr neues Buch „Kaputt“ ist kein Memoir, sondern ein
       fiktiver Comic-Roman über eine Comiczeichnerin, die versucht, ein Memoir zu
       schreiben. Viele Leser:innen möchten wissen, welche Elemente biografisch
       und welche erfunden sind. Warum, glauben Sie, ist dieses Bedürfnis so
       stark? 
       
       Alison Bechdel: Als ich in den Nuller-Jahren entschied, die Geschichte
       meiner Familie, meines heimlich homosexuellen Vaters und seines Suizids in
       „Fun Home“ zu erzählen, war das für meine Familie sehr schwierig. Es ging
       um Tabus, wir redeten nie darüber. Aber ich hatte immer stärker das Gefühl,
       dass ich diese Geschichte erzählen will. Meine Mutter war zunächst dagegen,
       respektierte aber meinen Wunsch. Sie fragte mich dann, warum ich die
       Geschichte nicht einfach als Fiktion schreibe. Ich erklärte ihr: Mama, wenn
       ich das tue, wird jeder annehmen, dass sie wahr ist.
       
       Ich habe keinen Ziegen-Gnadenhof und fünf Katzen, wie die Alison in
       „Kaputt“, auch wenn ich das gerne hätte, und kann verstehen, wenn
       Leser:innen darüber enttäuscht sind. Ich bin es auch oft, weil ich
       persönlich davon ausgehe, dass das, was ich in Büchern lese, auf den
       eigenen Erfahrungen der Autor:innen basiert. Wir hungern alle danach,
       die Erlebnisse anderer zu verstehen und sehnen uns nach einem direkten
       Einblick in ihr Leben. Das mag voyeuristisch sein, aber es hilft uns,
       unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen.
       
       taz: Dennoch haben Sie sich entschieden, keinen neuen [1][autobiografischen
       Comic] zu zeichnen, sondern die fiktiven Figuren aus „Dykes to Watch Out
       For“ nach fast 20 Jahren Pause wieder zum Leben zu erwecken. Warum? 
       
       Bechdel: Ich musste zu diesen Figuren einfach zurückkehren. Als mir klar
       wurde, dass ich eine Fiktion schreibe und mir alles erlauben kann, waren
       sie sofort wieder da. Oh mein Gott, ich liebe diese Charaktere! Ich habe
       mir überlegt, wie alt sie heute sind. Wie sie heute aussehen. Sie sind die
       perfekten Begleiter:innen für diese schwierigen Zeiten, weil sie
       engagierte Aktivist:innen sind, die nie aufgehört haben zu kämpfen.
       Anders als meine Hauptfigur, die bequem geworden ist und ihren früheren
       Idealismus verloren hat. Über diese Figuren zu schreiben, war ermutigend.
       
       taz: Wie ist es bei Ihnen: Sind Sie wie die Alison im Buch bequemer
       geworden, oder halten Sie an den Idealen fest, die Sie vor 20 Jahren
       hatten? 
       
       Bechdel: Im Grunde habe ich immer noch dieselben Ideale wie damals und
       finde gerade sogar wieder stärker zu ihnen zurück. Viele Menschen wünschen
       sich mit dem Älterwerden ein schönes, ruhiges Leben, ohne den Druck, sich
       immer mit allem auseinandersetzen zu müssen. Auch mein Leben ist ruhiger
       und privater geworden, aber gleichzeitig weiß ich, wie wichtig es ist,
       verbunden zu bleiben, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und Räume zu
       teilen, auch mit denen, die eine andere Meinung als ich haben.
       
       taz: So wie die fiktionale Alison und deren Schwester im Buch? Diese
       Schwester unterstützt Donald Trump als Teil der MAGA-Bewegung. Alison liebt
       sie trotzdem und versucht, mit ihr auszukommen. Halten Sie es für wichtig,
       auch mit solchen Menschen im Gespräch zu bleiben? 
       
       Bechdel: Das ist nicht nur wichtig, sondern notwendig und es passiert nicht
       genug. Fast jede Person, die ich in den USA kenne, hat einen „Trumpisten“
       in der Familie. Auch bei meiner Frau ist das so und das ist natürlich sehr
       schwierig. Man muss mit diesen Menschen umgehen. Also spricht man
       vielleicht nicht über Politik. Man findet etwas, das man teilen kann. Auch
       innerhalb der linken Szene ist es gerade tragisch, wie zersplittert alles
       ist. Entweder man hat dieselbe Meinung oder jemand wird „gecancelt“. Wir
       müssen einen Weg finden, besser zusammenzuhalten, denn die Rechte hat sich
       darauf verständigt, uns zu spalten und zu polarisieren. Und das
       funktioniert.
       
       taz: Gibt es Entwicklungen in den USA, die Ihnen besonders Angst machen? 
       
       Bechdel: Am meisten Angst macht mir der Oberste Gerichtshof der USA. Dessen
       Entscheidungen prägen unseren Alltag. Das Recht auf Abtreibung wurde massiv
       eingeschränkt und ich fürchte, dass als Nächstes die gleichgeschlechtliche
       Ehe dran ist. Beunruhigend finde ich auch, wie lange Konservative darauf
       hingearbeitet haben. Seit den Reagan-Jahren haben sie gezielt
       Jurist:innen in Machtpositionen gebracht und damit eine ideologische
       Mehrheit aufgebaut. Diese konservative Mehrheit gibt heute dem Präsidenten
       immer mehr Macht. Diese Entwicklung finde ich antidemokratisch. Diese Leute
       mögen keine Demokratie. Sie mögen es nicht, Macht mit Menschen zu teilen,
       mit denen sie nicht einer Meinung sind.
       
       taz: Bleiben Sie trotzdem optimistisch? 
       
       Bechdel: Das englische Original von „Kaputt“ ist 2025 erschienen. Ich habe
       das Buch kurz vor den Wahlen fertiggestellt. Damals wusste ich nicht, wer
       gewinnt und war eher optimistisch. Heute bin ich pessimistisch, aber ich
       habe Hoffnung … Je schlimmer die Situation wird, desto mehr hoffe ich,
       [2][dass Menschen sich auflehnen]. Vielleicht passiert das erst in zehn
       Jahren, was schrecklich wäre, weil diese politischen Veränderungen wie
       Gletscher sind: Sie bewegen sich, haben ihren eigenen Verlauf, und es ist
       schwer, ihnen etwas entgegenzusetzen. Aber sie werden nicht durchhalten.
       Die Frage ist nur, wie viel Schaden bis dahin entsteht.
       
       taz: Haben Sie ein Rezept, um in diesem System nicht kaputtzugehen? 
       
       Bechdel: Was mich persönlich rettet, ist, dass ich eine Arbeit habe, die
       ich liebe. In dieser Welt ist es schwer, für etwas bezahlt zu werden, wofür
       man eine Begabung hat und was man gerne macht. Auf einer höheren Ebene geht
       es darum, ein Gleichgewicht zu finden. Die schönen Dinge im Leben zu
       genießen, ohne all das zu ignorieren, was in der Welt passiert.
       
       taz: Die Alison im Buch tut es sich damit schwer. Sie versucht Karl Marx zu
       lesen und schwankt zwischen politischem Bewusstsein und dem Gefühl,
       angesichts der Krisen nicht genug zu tun. Fühlen Sie sich manchmal
       schuldig, weil Sie „nur“ Comics zeichnen? Haben Sie heute andere Formen von
       Aktivismus? 
       
       Bechdel: Ich habe mich selbst dazu gedrängt, mehr rauszugehen und zu
       protestieren. In den USA gibt es gerade die [3][„No Kings“], eine dezentral
       organisierte Bewegung, bei der an bestimmten Tagen lokal auf der Straße
       protestiert wird. Immer mehr Menschen machen mit. Ich auch. Es sind vor
       allem ältere Personen, aber hoffentlich steigen die Jüngeren irgendwann
       ein. Es geht darum, öffentlich für etwas einzustehen. Und wenn diese
       gleichgültigen Bürger:innen der gesellschaftlichen Mitte sehen, dass es
       immer mehr Protestierende gibt, fühlen sie sich vielleicht ermutigt, selbst
       mitzumachen. Vielleicht wecken die hohen Preise im Land einige dieser
       Menschen auf.
       
       taz: Wie ist es für Sie, wieder auf Demonstrationen zu gehen? 
       
       Bechdel: Es tut gut, mit meinem kleinen Pappschild zur Rushhour die Straße
       zu blockieren und dort mit Menschen zusammenzustehen, die ich kenne und
       mag. Vielleicht sind wir uns nicht in allem einig, aber wir wollen Trump
       loswerden. Und das ist das Entscheidende.
       
       7 Jun 2026
       
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