# taz.de -- Feminismus im Mittelalter: Der Traum des Lebens ohne Männer
       
       > Christine de Pizan entwirft schon 1405 die Utopie einer Stadt für Frauen.
       > Und legt damit einen der frühsten Grundsteine des Feminismus.
       
 (IMG) Bild: Christine de Pizan setzt der Abwertung von Frauen eine fiktionale Stadt entgegen, die eine Festung gegen Frauenhass sein soll
       
       Man stelle sich eine Stadt vor, die nur Frauen gehört. Hohe Mauern
       versperren Männern den Zutritt und bieten eine Zuflucht vor dem
       Patriarchat. Im Inneren der Stadt: eine egalitäre Gesellschaft, in der
       Frauen, denen Gewalt angetan wurde, nicht beschämt, sondern geschützt
       werden. 1405 entwirft Christine de Pizan in „Le Livre de la Cité des
       Dames“, zu Deutsch „Das Buch von der Stadt der Frauen“, diese Vision einer
       radikal anderen, [1][matriarchalen Welt].
       
       Den Anstoß für diese Utopie bekommt de Pizan bei der Lektüre der Bücher
       ihrer männlichen Zeitgenossen. Von ihnen werden Frauen meist als
       minderwertige Wesen dargestellt, bestenfalls schwach und oberflächlich,
       sonst heimtückisch und lüstern. Sie beginnt, dagegen anzuschreiben.
       
       Die Erzählerin ihres Buchs wird von drei vornehmen Damen beauftragt, eine
       Festung gegen Frauenhass zu errichten. Dabei erträumt sie sich eine Welt,
       in der tugendhafte Frauen selbstbestimmt und solidarisch regieren. Im
       Gespräch mit den drei Damen plädiert die Erzählerin für die
       wissenschaftliche Bildung von Mädchen und prangert Zwangsverheiratungen und
       Vergewaltigungen an. Sie erzählt die Geschichte von den Amazonen und der
       antiken Dichterin Sappho und preist ihre intellektuellen Stärken.
       
       Die französisch-italienische Adlige Christine de Pizan ist Außenseiterin am
       französischen Königshof. Mit nur 25 Jahren wird sie 1390 Witwe und muss
       allein für ihre drei Kinder und ihre Mutter sorgen. Trotzdem [2][wird sie
       professionelle Schriftstellerin] – die erste Europas. Für ihre Erzählung
       von der Stadt der Frauen stützt sie sich auf die Geschichten von rund
       hundert Frauenfiguren, von der Königin von Saba über die römische Lucretia
       bis zu den Königinnen ihrer Zeit.
       
       ## De Pizan will mehr als nur ein Zimmer für sich allein
       
       Symbolisch räumt die Erzählerin die „schmutzigen, grob behauenen schwarzen
       Steine“ aus dem Weg, die das Fundament der patriarchalen Stadt bilden. Die
       Steine stehen für sie für den abwertenden, männlichen Blick ihrer
       Zeitgenossen.
       
       Jeder von ihr gelegte Grundstein verweist dagegen auf eine Heldin der
       Antike. Als Ehrenbürgerinnen gelten für ihre Weisheit bekannte biblische
       Vorbilder wie Maria Magdalena und die Heilige Katharina. Aus ihrer
       bürgerlichen, weißen, heterosexuellen Perspektive heraus fordert de Pizan
       mehr als nur „ein Zimmer für sich allein“: Sie fordert eine ganze Stadt für
       alle Frauen.
       
       Das Buch sorgt im intellektuellen Europa für Aufruhr und wird rasch ins
       Flämische und Englische übersetzt. Als eine der Ersten stellt Christine de
       Pizan die Frage nach der Gleichstellung von Frauen. Lange blieb ihr Erbe
       unbeachtet, bis [3][die Philosophin Simone de Beauvoir] sie 1949 in „Das
       andere Geschlecht“ zitierte. Paris würdigte de Pizan zu den Olympischen
       Spielen 2024 mit einer goldenen Statue, gemeinsam mit neun weiteren
       Denkerinnen. Die Darstellung von Frauen mag sich in 600 Jahren verändert
       haben. Doch der Traum einer matriarchalen Welt ist heute noch so aktuell
       wie 1405.
       
       29 May 2026
       
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