# taz.de -- Beginn des Frauenstudiums: Als Frauen Doktorinnen wurden
       
       > Als erste Frau im deutschen Sprachraum wurde Nadeschda Suslowa 1867 an
       > der Universität Zürich im Fach Medizin promoviert. Tausende weitere
       > folgten.
       
 (IMG) Bild: Gründete später als erste Ärztin Russlands eine Praxis für Gynäkologie und Pädiatrie: Nadeschda Suslowa (undatierte Aufnahme)
       
       Nadeschda Suslowa war sich sicher: „Ich bin die Erste, aber nicht die
       Letzte. Nach mir werden Tausende kommen.“ Das schrieb sie in einem Brief
       nach Hause, ins russische Zarenreich, nachdem sie im Dezember 1867 an der
       Universität Zürich als erste Frau im deutschen Sprachraum auf offiziellem
       Weg im Fach Medizin promoviert wurde. Und das ausgerechnet [1][in einem
       Land, das zu den letzten gehörte, die das Frauenstimmrecht in Europa
       einführten]. Suslowa sollte recht behalten. Bis zum Ersten Weltkrieg folgen
       ihr viele Tausende Frauen aus ihrer Heimat und anderen Ländern.
       
       Die Immatrikulation von Suslowa, Tochter eines ehemaligen russischen
       Leibeigenen und Bauern, markiert den Beginn des Frauenstudiums in Zürich
       und der Schweiz. Zürich hatte damals eine liberale Regierung und
       Universität. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war sie die zweite
       europäische Universität nach der Sorbonne in Paris, die Frauen zum Studium
       zuließ. Eine der bekanntesten Studentinnen der Schweiz war Anna Tumarkin,
       die später in Bern die erste Professorin der Welt mit vollen akademischen
       Rechten wurde.
       
       Gleichzeitig wuchsen die Unruhen im Zarenreich. Revolutionäre wie Lenin
       oder Rosa Luxemburg tauchten im Land der Berge und Seen unter, einige
       bereiteten dort die spätere Oktoberrevolution von 1917 vor. Viele der
       Studentinnen wollten sich mit ihrem Studium in der Schweiz jedoch in erster
       Linie eine bessere Zukunft in ihrer Heimat ermöglichen. Studieren war im
       Zarenreich zwar möglich, aber zunehmend unsicher. Aufgrund der politischen
       Lage wurden immer wieder Hörsäle geschlossen.
       
       Suslowa gründete später als erste Ärztin Russlands eine Praxis für
       Gynäkologie und Pädiatrie. Auch viele andere [2][Studentinnen wurden
       Pionierinnen auf ihrem Fachgebiet]. Wer denkt, dass es sich dabei nur um
       Frauen aus der Elite handelte, irrt sich. Manche Studentinnen stammten aus
       prekären Verhältnissen, oft waren sie jüdischen Glaubens. Letzteres führt
       in ihrer Heimat häufig zu Diskriminierungen. 1887 wurde an Universitäten im
       Zarenreich ein Numerus clausus eingeführt, der sich explizit gegen
       Juden:Jüdinnen richtete.
       
       Durch eine spezielle Ausbildung, etwa an Mädchengymnasien, erhielten
       Studentinnen aus dem Zarenreich die Qualifikation für ein Studium in der
       Schweiz. Das beliebteste Studienfach war Medizin. Auch weil man in ihrer
       Heimat händeringend nach Arbeitskräften im medizinischen Bereich suchte.
       Für das Studium im Ausland nahmen sie viel auf sich. Prekäre
       Lebensverhältnisse, Anfeindungen durch männliche Studierende und
       [3][Antisemitismus] waren nicht selten.
       
       Und die Schweizerinnen? Formal durften auch sie damals schon studieren. De
       facto benötigten sie jedoch eine Schweizer Maturität, die Mädchen damals
       kaum erlangen konnten. Dank Suslowa und ihrer Nachfolgerinnen wurde die
       Gleichberechtigung im Schweizer Bildungssystem und dem der umliegenden
       Länder vorangetrieben. Heute studieren an Schweizer Universitäten mehr
       Frauen als Männer.
       
       4 Jun 2026
       
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