# taz.de -- Tanit Koch und Julia Ruhs im Vergleich: Mehr Fragen, bessere Antworten
> Kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch konservative Perspektiven
> seriös umsetzen? Durchaus. Es kommt halt ganz konservativ aufs Handwerk
> an.
(IMG) Bild: Tanit Koch arbeitet anders: Ihre Beiträge verwenden deutlich stärker Studien, Zahlen und Expert*innenstimmen
Immer mal wieder schlägt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Vorwurf
entgegen, er sei „links-grün versifft“. Bei dem Versuch, diesem Narrativ
etwas entgegenzusetzen, scheiterte der NDR bereits 2025: Nach drei
Pilotfolgen zu Reizthemen wie gewalttätigen Migranten, Bauernprotesten und
Corona wurde das TV-Reportagemagazin „Klar“ mitsamt Moderatorin Julia Ruhs
[1][nicht weitergeführt.]
Laut einem Brief an die Zeitung Welt distanzierten sich circa 250
Journalist*innen des NDR von der Sendung, da diese weder
journalistische Grundsätze noch den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen
erfülle. Ruhs sprach sich öffentlich gegen die Entscheidung aus und warf
dem NDR „Cancel Culture“ vor.
Seit dem 15. April ist das Format zurück als Crossover-Experiment zwischen
dem Norddeutschen und dem Bayerischen Rundfunk. Im Zweiwochentakt wechseln
sich Ruhs, diesmal für den BR, und die ehemalige Welt-Chefredakteurin
[2][Tanit Koch] für den NDR ab.
Das Versprechen: gründliche Recherchen und Fakten-Checks zu den „großen
Streitthemen unserer Gesellschaft“. Diesmal lässt sich direkt zwischen Koch
und Ruhs vergleichen, wie sich konservative Themen im Rahmen des
öffentlich-rechtlichen Auftrags umsetzen lassen. Die ersten beiden Folgen
unterscheiden sich hier sichtlich in ihrer Herangehensweise.
## „Wir wechseln heute aber mal die Perspektive“
Den Start macht Tanit Koch. Es geht um [3][Gewalt gegen Polizist*innen.]
„Bei Berichten über Polizeibeamte geht es regelmäßig um den Vorwurf, sie
würden unverhältnismäßige oder exzessive Gewalt ausüben. Und solche Fälle
gibt es. Wir wechseln heute aber mal die Perspektive und blicken auf Gewalt
und Respektlosigkeit gegen die Polizei“, startet Koch in die Moderation.
Die Folge wechselt zwischen erzählerischen Szenen, Perspektiven von
betroffenen Polizisten, bestimmten Vorfällen, aber auch
Expert*inneninterviews und faktischer Einordnung. Beispielsweise wird
zu Beginn der Folge ein Polizist gezeigt, dessen Arm so verletzt wurde,
dass er beinahe nicht mehr arbeitsfähig war. Er erzählt seine
Leidensgeschichte, darauf folgt die Einordnung in Zahlen: wie viel
körperliche Gewalt es gibt, wie viel verbale Gewalt und wie der
Gewaltbegriff gefasst wird.
Im Weiteren werden Motive für Gewalt gegen die Polizei beleuchtet, vor
allem aus linken, propalästinensischen und Fußballgruppen. Hierzu werden
Extremismus- und Polizeiforscher*innen befragt. Dabei fehlt die Rolle
der Dynamik, die nur einmal kurz von Polizeiforscherin Daniela Hunold aus
dem Off zitiert wird: Es gebe durchaus Praktiken „wie vereinzelte
übermäßige Gewalt von Polizisten“, die die Gewalt des Gegenübers befeuern
würden.
Doch der Fokus bleibt, wie im Vorhinein angekündigt, bei der Gewalt gegen
Polizist*innen. Dennoch sorgt der Wechsel zwischen emotionalisierenden
Szenen und analytischer Einordnung dafür, dass die gezeigten Fälle nicht
bloß für sich stehen bleiben, sondern in einen größeren Zusammenhang
eingeordnet werden.
## An den Grenzen der Demokratie
Ruhs begibt sich in der Folge: [4][„Wo Islamisten Deutschland
unterwandern“] vom 29. April auf die „Spuren des Islamismus in
Deutschland“. Zu Beginn erklärt eine Stimme aus dem Off: „Islamismus:
Mitten in Deutschland, eine gefährliche Ideologie, auch im Unterricht
Drohungen, Extremisten misshandeln Frauen, Demonstrationen werden von
Israel-Leugnern unterwandert.“
Zwar wird zwischen Islam und Islamismus unterschieden, Islamismus wird aber
lediglich einmal, unter Bezug auf das Bundesinnenministerium, als
extremistische Ideologie definiert, die sich gegen die
freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet. Konkrete
Erscheinungsformen, die Ausprägung in Zahlen, Studien oder
Forschungsperspektiven, die das Ausmaß des Problems einordnen könnten, sind
eher spärlich, auch im Vergleich zu Koch.
Stattdessen arbeitet die Folge vor allem mit einzelnen Fallbeispielen. Als
zentrale Expertin tritt die Politikwissenschaftlerin [5][Gülden Hennemann]
auf, die gemeinsam mit Ruhs nach Berlin-Neukölln fährt, unter anderem an
den Hermannplatz, der im Beitrag als Ort beschrieben wird, an dem die
Demokratie teilweise an ihre Grenzen stoße, so Hennemann.
Im weiteren Verlauf thematisiert die Folge Konflikte an einer Neuköllner
Grundschule während des Ramadans. Muslimische Schüler sollen anderen
Kindern das Essen verboten und Pausenbrote weggenommen haben. Der Beitrag
deutet diesen Vorfall als Ausdruck religiöser Intoleranz und somit
möglichen Nährboden für Islamismus. Eine breitere pädagogische,
psychologische oder sozialwissenschaftliche Einordnung bleibt aus.
## Emotionalisierende Verdichtung
Nach der Ausstrahlung gaben einzelne Eltern der Schule gegenüber der
Wochenzeitung Freitag an, sich instrumentalisiert zu fühlen. Im Nachhinein
wurden einige Szenen aus dem Beitrag [6][entfernt.]
Ähnlich geht es weiter. Islamistische Drohungen, religiöse Influencer,
Halal-Zertifizierungsorganisationen oder häusliche Gewalt im Zusammenhang
mit religiösem Fundamentalismus – die Beispiele stehen weitgehend
unverbunden nebeneinander; systematische Kriterien für ihre Auswahl oder
Gewichtung werden nicht transparent gemacht. Dadurch entsteht weniger eine
analytische Untersuchung als vielmehr eine emotionalisierende Verdichtung
unterschiedlicher Verdachtsmomente.
Tanit Koch arbeitet anders: Ihre Beiträge verwenden deutlich stärker
Studien, Zahlen und Expert*innenstimmen, wodurch Einzelgeschichten nicht
isoliert stehen bleiben.
Im Gesamten bleibt der Eindruck, dass Ruhs dem selbst formulierten Anspruch
gründlicher Recherche und faktenbasierter Einordnung nur begrenzt gerecht
wird. Die Vorwürfe einiger Eltern, ihre Kinder seien inszeniert und
instrumentalisiert worden, werfen zusätzlich Fragen auf.
Politisch aufgeladene Themen lassen sich sehr wohl im
öffentlich-rechtlichen Rahmen thematisieren. Die Frage ist eher, was
erreicht werden soll: Bestätigung von ohnehin schon feststehenden Meinungen
mit Mitteln der Emotionalisierung, sodass sich eine eventuell verloren
gegangene Zielgruppe wieder an Bord ziehen lässt – oder wirkliche
Bildungsarbeit, welche diese Themen aufnimmt, faktisch und ganzheitlich
angeht und sich somit in der Berichterstattung von rechten Medien
unterscheidet.
28 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /NDR-Entscheidung-zu-Klar/!6111195
(DIR) [2] /Tanit-Koch-beim-NDR/!6111331
(DIR) [3] https://www.ardmediathek.de/video/klar/zielscheibe-polizei-poebeln-hass-gewalt/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9wcm9wbGFuXzE5NjM4NjQ0M19nYW56ZVNlbmR1bmc
(DIR) [4] https://www.ardmediathek.de/video/klar/wo-islamisten-deutschland-unterwandern/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNldPMDAwMjM0QTA
(DIR) [5] https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/extremismus/islamismus-und-salafismus/bkis/bkis-node.html?gcp_21274318=8
(DIR) [6] https://www.ardmediathek.de/video/klar/wo-islamisten-deutschland-unterwandern/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNldPMDAwMjM0QTA#:~:text=Anmerkung%20der%20Redaktion,Schule%20erhalten%20bleiben.
## AUTOREN
(DIR) Viktoria Isfort
## TAGS
(DIR) Medienkritik
(DIR) Polizei
(DIR) Islamismus
(DIR) Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk
(DIR) Konservatismus
(DIR) Konservative
(DIR) Bayerischer Rundfunk
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) WDR
(DIR) Mannheim
(DIR) Schule
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) 40 Jahre „Junge Freiheit“: Außen bürgerlich, innen radikal
Zum Jubiläum zeigt sich, wo die neurechte Zeitung steht: zwischen
politischem Kulturkampf, Angriffen auf Feminismus und strategischer
Radikalisierung.
(DIR) Kritik am ÖRR: Das Sprachrohr der Konservativen
CDU-Politiker kritisieren die Entscheidung, Moderatorin Ruhs zu ersetzen.
Doch der ÖRR sollte weder rechts noch links sein, sondern machtkritisch.
(DIR) Gedenken an getöteten Polizisten: „Blutiger Terrorakt“
Bundespräsident Steinmeier legt Blumen am Tatort in Mannheim ab. Mit
Hunderten Menschen erinnert er an den getöteten Polizisten Rouven Laur.
(DIR) Ramadan im Schulalltag: Eiscreme kann warten
An einer Berliner Schule gehört der Ramadan zum Schulalltag. Anderswo haben
es muslimische Schüler*innen schwerer.