# taz.de -- Hausbesetzung in Potsdam: Keine bösen Linken
       
       > Die Tornowstraße 40 in Potsdam steht seit Jahren leer. Jetzt haben
       > Aktivist:innen sie besetzt und erhalten viel Zuspruch – die Räumung
       > ist aber nicht vom Tisch.
       
 (IMG) Bild: Von der Stadt geduldet: Aktivist:innen auf dem Hof der besetzten Tornowstraße 40 in Potsdam
       
       Um zur alten Fahrradwerkstatt auf dem Potsdamer Hermannswerder zu kommen,
       muss man zahlreiche Boote und Kleingärten passieren. Am Ende einer
       Sackgasse liegt das einstöckige Gebäude in einem kleinen Waldstück. Geht
       man durchs Tor, wird man von einem Kreis aus Sesseln und Stühlen begrüßt,
       inklusive der Menschen, die das Gebäude in der Tornowstraße 40 [1][seit
       Freitag besetzt halten]. „Die Häuser denen, die sie brauchen“, steht auf
       einem orangefarben meterhohen Banner, das in den Bäumen dahinter hängt.
       
       Seit 2023 steht das Gebäude des Kommunalen Immobilien Services leer.
       Beheizt werde es, wie zwei weitere Gebäude auf dem Werder, im Winter
       dennoch. „Bezugsfertig“ also, sagt Besetzer Andreas.
       
       Viel tun mussten sie für den Einzug erst mal nicht: Das Tor sowie einige
       Fenster hätten offen gestanden. Seitdem wird gewerkelt, drinnen wie
       draußen. Ein Gemüse- und Blumenbeet ist schon angelegt, Wohnzimmer und
       Küche zumindest für das nutzbar, für das sie vorgesehen sind. „Hier sind
       die Toiletten, eine All Gender, eine für Flinta“, erklärt Besetzerin Toni.
       Die Duschen werden gerade repariert.
       
       „Als wir eingezogen sind, war hier alles voller Spinnweben und Rattenkot“,
       erklärt Besetzerin Toni. Nach drei Tagen ist davon nichts mehr zu sehen.
       Nur ein paar Bretter, die in der Küche an die Wand gelehnt sind, und das
       JVA-Grün an den Wänden im Flur zeugen davon, dass es noch
       Renovierungsbedarf gibt.
       
       Sicherheit und Barrierefreiheit hingegen haben die Besetzer:innen schon
       gewährleistet: Ein Architekt habe die Statik des Gebäudes geprüft und eine
       Baumpflegerin hat gefährliche Äste der umstehenden Bäume entfernt – der
       verwachsene Rollstuhlzugang wurde ebenfalls freigeschnitten.
       
       Die Möbel und Baustoffe seien Spenden von Nachbar:innen und Menschen aus
       der ganzen Stadt. Während wir sprechen, sind zwei weitere Möbeltouren
       unterwegs, sagt Andreas. Als Nächstes sollen noch mehrere Wände gezogen
       werden, das sei aber bereits mit einem Handwerker geklärt.
       
       ## Renovieren statt feiern
       
       Am Ende soll hier Wohnraum für 10 bis 15 Menschen entstehen. „Wir sind
       keine bösen Linken, die nur Partys feiern und vandalieren. Wir wollen
       herrichten, wir renovieren“, sagt Andreas. Aus diesem Grund hängen in jedem
       Raum Zettel an den Wänden, die auf das Stickerverbot hinweisen. Der Fokus
       der Besetzer:innen liegt auf der [2][Schaffung von neuem Wohnraum].
       
       Ausschließlich uneigennützig ist das nicht. „Ich habe länger in einem Auto
       gelebt, weil ich keine Wohnung gefunden habe“, erzählt Toni. Andere
       erzählen von Mietangeboten, bei denen zehn Quadratmeter für 800 Euro zu
       haben sind.
       
       Potsdam ist eine der teuersten Städte der Bundesrepublik und in
       Ostdeutschland Spitzenreiterin. Damit die Potsdamer Lebensrealität in
       diesem kleinen Idyll nicht in Vergessenheit gerät, erinnert eine
       Ausstellung im Flur daran: An den Wänden hängen Ausdrucke von Wohnungs- und
       Zimmerangeboten der gängigen Plattformen. Eine Dreizimmerwohnung am
       Stadtrand wird etwa von Vonovia für über 1.900 Euro warm angeboten.
       
       ## In Potsdam wird noch privatisiert
       
       Besuch hatten die Besetzer:innen schon von Isabelle Vandre,
       Bundestagsabgeordnete der Potsdamer Linken. Der taz sagt sie: „Das sind
       junge Menschen, die sehr frustriert darüber sind, dass sie auf dem
       Wohnungsmarkt keine Perspektive haben und die kein Verständnis dafür
       aufbringen, dass Leerstand nicht effektiv genutzt wird.“ Vandre fordert
       eine langfristige Duldung der Besetzung: „Ich erwarte von der Stadt, dass
       sie gemeinsam mit den jungen Menschen versucht, einen Weg zu finden, das
       Haus nutzbar zu machen.“
       
       Die ehemalige Stadtverordnete kritisiert grundsätzlich, dass Potsdam trotz
       akuter Mietenkrise und Wohnungsmangel weiterhin Grundstücke und Gebäude
       veräußert. „Dadurch werden Handlungs- und Gestaltungsspielräume auf Dauer
       verbaut“, so Vandre. Allein auf der Halbinsel Hermannswerder stünden
       derzeit mehrere Häuser durch den landeseigenen Kommunalen Immobilien
       Service zum Verkauf, auch das kommunale Wohnungsbauunternehmen ProPotsdam
       veräußere immer wieder Immobilien, obwohl dies seit Jahren in der
       Stadtverordnetenversammlung kritisiert werde.
       
       [3][Potsdams Wohnungsmarkt gilt als extrem angespannt]. Im vergangenen Jahr
       betrug die durchschnittliche Nettokaltmiete bei Wiedervermietungen 10,80
       Euro pro Quadratmeter und lag damit höher als in Berlin; in zentralen Lagen
       werden auch schnell mehr als 15 Euro fällig. Laut Analyse des
       Immobilienverbands Deutschlands verschärften sich die Probleme angesichts
       der Baukrise einerseits und der hohen Anziehungskraft Potsdams
       andererseits.
       
       Erst jüngst hatten [4][in Potsdam die Sperrmüllbanditen] für Aufregung
       gesorgt, junge Menschen, die nachts Mobiliar in der Innenstadt aufstellen,
       um gegen die Wohnungskrise zu protestieren. Der Kampf um Wohnraum prägt die
       Stadt seit der Wiedervereinigung. Anfang der 1990er Jahre gab es 70
       Hausbesetzungen, mitunter 30 parallele, gemessen an der Einwohnerzahl die
       meisten bundesweit, wie aus einer Studie des Historikers Jakob Warnecke
       hervorgeht.
       
       Ein Großteil der Besetzungen wurde in den Jahren darauf allerdings geräumt,
       nur einige bekamen Nutzungsverträge oder Ausweichquartiere. Ein letzter
       Besetzungsversuch 2019 in einem Wohnhaus in der Brandenburger Vorstadt war
       [5][nach wenigen Stunden geräumt] worden.
       
       ## Vorerst keine Räumung
       
       Um dieses Schicksal scheinen die Aktivist:innen der Tornowstraße 40
       erst einmal herumzukommen. Eine formelle Duldung gibt es bisher nicht, es
       wurde sich bisher aber auch nicht für eine Räumung entschieden.
       [6][Oberbürgermeisterin Noosha Aubel] (parteilos) ist sogar direkt am
       Freitagabend zum Gespräch vorbeigekommen. Für die Bestzer:innen ein
       positives Zeichen: „[7][Wir wollen dauerhaft hier wohnen] und sind über die
       offenen Gespräche sehr dankbar“, sagt Toni.
       
       Wenn es nach den Nachbar:innen geht, ist die Besetzung der Tornow40 ein
       Schritt in die richtige Richtung. Beim Nachbarschaftsfest am Sonntag gab es
       viel Besuch, auch viel Hilfe von Anwohnenden habe es gegeben. So stamme
       etwa das Saatgut für die Gemüsebeete von einer Nachbarin. Umgekehrt helfen
       die Aktivist:innen aber auch: In der Garage soll unter anderem eine
       Fahrradwerkstatt entstehen.
       
       Micke Guckelsberger lebt seit fast zehn Jahren direkt gegenüber der alten
       Fahrradwerkstatt. „Seit Jahren verfällt das Gebäude, obwohl dort Leute
       wohnen könnten“, sagt sie der taz. Die Besetzung finde sie aber nicht nur
       der netten Menschen wegen gut: „Wir haben hier krasse Wohnraumprobleme.
       [8][Durch die Besetzung] bekommt es auch endlich jemand mit.“
       
       Wie mit der Tornowstraße 40 weiter verfahren wird, soll noch diese Woche
       besprochen werden, teilt die Potsdamer Stadtverwaltung der taz mit. „Eine
       illegale Hausbesetzung ist keine Lösung, um bezahlbaren Wohnraum für junge
       Menschen zu schaffen“, hieß es weiter. Die Verwaltung stehe mit den
       Besetzer:innen im Gespräch, schließt aber eine Räumung nicht aus.
       
       18 May 2026
       
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