# taz.de -- Nachhaltiges Bauen in Berlin: „Dann ginge es auch viel schneller“
> Zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen leer. Bezahlbarer Wohnraum
> aber fehlt. Ob Umnutzung die Antwort ist, erklärt Architekt Eike
> Roswag-Klinge.
(IMG) Bild: Vorzeigeprojekt: Mit dem Hausprojekt Wilma 19 in Lichtenberg hat eine Genossenschaft ein Bürogebäude in ein Wohnhaus umgewandelt
taz: Herr Roswag-Klinge, Sie sind Architekt und seit April Vizepräsident
für Campusentwicklung und Nachhaltigkeit an der TU Berlin, wo Sie auch
forschen und lehren. Nachhaltigkeit und Bauen, das klingt nach einem
Widerspruch in sich. Schließlich verbraucht Bauen immer Ressourcen. Wie
lässt sich das vereinbaren?
[1][Eike Roswag-Klinge][2][[Link auf
https://de.wikipedia.org/wiki/Eike_Roswag-Klinge]]: Das ist in erster Linie
eine Konsumfrage. Wenn man sich länger mit dem Thema beschäftigt, wird
klar, dass man eigentlich im Bestand arbeiten und auch effizienter mit den
Beständen umgehen muss. Das heißt, wir müssen weniger Flächen nutzen. Dann
brauchen wir eigentlich nicht mehr viel Neubau, sondern konzentrieren uns
auf Leerstände. Das ist das Wichtigste, um den großen ökologischen
Fußabdruck von Gebäuden zu reduzieren. Und das bringt uns zu der Frage: Wie
nutzen wir diese Leerstände auch für andere Zwecke?
taz: [3][In Berlin mangelt es stark an bezahlbarem Wohnraum, während viele
ehemalige Bürogebäude leer stehen]. Ist die Umnutzung von Bestandsgebäuden
in Wohnraum die Lösung des Problems?
Roswag-Klinge: Im Bürobereich ist es ganz offensichtlich. Wir haben in
Berlin zwei Millionen Quadratmeter Leerstand. Und wenn dann der Schuh im
Bereich des Wohnens drückt, könnte man da Entlastung schaffen. Also diesen
Raum in anderen Bereichen nutzen, wo wir gerade einen Bedarf haben.
taz: Wie viele von den zwei Millionen Quadratmetern ungenutzter Bürofläche
eignen sich als Wohnraum?
Roswag-Klinge: Das hängt sehr stark von den baulichen Strukturen ab.
Sicherlich kann man 50 bis 60 Prozent der Fläche relativ einfach nutzen.
Bürogebäude sind meist Skelettbauten, die sich recht einfach zu
Wohngebäuden umnutzen lassen. Da gibt es schöne einzelne Projekte, wie das
[4][Wilma 19 in Lichtenberg]. Dort hat sich eine Gruppe zusammengefunden
und eine Genossenschaft gebildet, die dann sehr günstig ein Bürogebäude in
ein wunderbares Wohnhaus umgewandelt hat. Das ist eines der schönsten
Beispiele, das wir in der Stadt haben.
taz: Häufig heißt es dennoch, dass so ein Umbau sehr teuer sei. Lohnt sich
das wirtschaftlich?
Roswag-Klinge: Am Projekt Wilma 19 sieht man, es geht durchaus auch
günstig. Da sehe ich kein Problem. Wenn man sich den Grundriss anguckt,
wurden nur ein paar Wände rausgenommen und wenige Durchbrüche verändert.
Dadurch haben sie schon sehr gute Wohngrundrisse erzeugen können. Man muss
natürlich sehr, sehr stark am Original bleiben. Es wird dann teuer, wenn
wir Gebäude bis auf den Rohbau zurückführen. Aber günstigen Wohnraum kann
man in Bürogebäuden mit einfachen Mitteln durchaus auch einrichten.
taz: Was ist bei einem solchen Umbau konkret zu beachten?
Roswag-Klinge: Man wird sicherlich in dem einen oder anderen Gebäude
zusätzliche Stränge einbauen müssen, um Bäder und Toiletten einzubauen. Es
werden auch nicht immer die Raumgrößen so richtig gut passen. Ich würde
aber versuchen, möglichst wenig zu verändern. Studierende unserer
Hochschule haben ein Institutsgebäude mit mobilen Duschen und Badstationen
ausgestattet. Das haben sie einfach in den Bestand reingestellt. Damit wäre
es auch möglich gewesen, dort zu wohnen. [5][Das Projekt „Campus as
Commons]“ war eigentlich super attraktiv für Studierende. Gerade so ein
studentisches Wohnen, wo vielleicht auch nicht jedes Zimmer ein eigenes Bad
braucht, sondern vielleicht eher ein Gemeinschaftsbad, kann man ganz
einfach auf solchen großen Flächen unterbringen.
taz: Oft hört man auch, dass viele Investoren eben nicht so günstig planen,
weil sie am Ende Apartments zum Kurzzeitwohnen anbieten wollen. Was muss
denn passieren, damit wirklich sozialer Wohnraum entsteht und nicht etwa
weitere Airbnbs oder Ferienwohnungen?
Roswag-Klinge: Genau das ist natürlich ein Problem. Diese Sonderformen sind
sehr hochpreisig. Meistens werden solche Projekte auch Studierendenwohnen
genannt. Diesen Begriff sollte man schon verbieten für private Investoren.
Studierende können sich das überhaupt nicht leisten. Das ist eine
Ausbeutung der Not. Und auch da müsste man einen Mietendeckel einführen und
sagen: Okay, es gibt einen gewissen Zuschlag, wenn Gebäude mit Service,
also mit Möbeln ausgestattet sind. Aber das kann auf keinen Fall eine
Verdopplung der Miete bedeuten.
taz: Ein Großteil des Leerstands befindet sich in Gewerbegebieten. Ist
dieser Standort überhaupt attraktiv für Mieter:innen?
Roswag-Klinge: Wir haben in Berlin wenige wirklich schwere
Industriegebiete, die sich gar nicht zum Wohnen eignen. Das sind eher
Gebiete, die gemischt sind, was Büronutzung und Gewerbliches angeht. Ein
modernes Gewerbe ist auch sauber. Was ich mir außerdem vorstellen kann:
Warum sollte ein Betrieb, der leer stehende Büroflächen im Industriegebiet
hat, nicht auch für seine Mitarbeitenden Wohnungen herstellen? Das wäre
doch super.
taz: Was sind die größten Hürden für solche Umbauprojekte? Ist Zeit ein
Faktor?
Roswag-Klinge: Das Wichtigste ist wohl die bauplanungsrechtliche Frage,
also was der Staat auf den entsprechenden Flächen genehmigt. Da müsste man
öfter die Funktion des Mischgebietes anwenden. Soll heißen, dass Wohnen und
Arbeiten in einer Fläche zulässig sind. Wenn der Senat ein Gesetz erlassen
würde, das grundsätzlich die Mischung von Gewerbe und Wohnen erlaubt, dann
ginge es auch viel schneller, eine Umnutzung zu planen und umzusetzen. Ein
Neubau braucht in der Regel viel mehr Planung und Vorlauf als das Bauen im
Bestand.
taz: Gibt es noch weitere Stolpersteine?
Roswag-Klinge: Was mich immer ein bisschen stört: Durch die Umnutzung
wollen wir auch einen Abriss vorbeugen. Wenn man im Bestand baut, muss man
andere Erfahrungen mitbringen. Man muss diese Gebäude und die Fragen, die
da entstehen, kennen. Das heißt, da brauchen die Investoren genauso
Expertise, wie auch die Architekt:innen und Ingenieur:innen, die in dem
Bereich arbeiten. Und dazu haben sie immer wenig Lust. Alles, wofür man
investieren will, findet besser auf der grünen Wiese statt. Und dann wird
erst mal Tabula rasa gemacht.
taz: Seit letztem Jahr sind Sie Präsident der [6][Architektenkammer
Berlin]. Die Kammer kümmert sich vor allem um die berufliche
Selbstverwaltung von Architekt:innen. Welche Rolle spielt sie mit Blick auf
das nachhaltige Bauen?
Roswag-Klinge: Architekt:innen haben einen geschützten Beruf. Dabei
funktioniert die Kammer als Zulassungsorgan. Sie hat den Auftrag, Baukultur
und Architektur zukunftsfähig zu halten. Darunter fällt am Ende auch die
Ressourcenfrage, weil wir natürlich beachten müssen, wohin sich die
Architektur entwickeln muss, um dieser gesellschaftlichen Aufgabe gerecht
zu werden. Deswegen beraten wir auch die Politik: Die Architektenkammer
soll diese wichtigen Themen in die Gesetzgebung und in unser Handeln
übertragen.
taz: Seit Anfang Juli fördert das Bundesbauministerium den Umbau von Büros
zu Wohnungen unter dem Programm [7][„Gewerbe zu Wohnen“] mit 300 Millionen
Euro. Pro Einheit sollte jede:r Antragsteller:in bis zu 30.000 Euro
Zuschuss erhalten. Denken Sie, dass dieses Programm helfen wird,
Umbauprojekte zu beschleunigen?
Roswag-Klinge: Ich glaube schon, dass das sehr hilft. Da wir in diesem
Bereich am Anfang stehen, kann es etwas teurer werden. Es wird dann
günstiger, wenn solche Projekte öfter umgesetzt werden. Zweitens wird damit
auch eine politische Richtung vorgegeben. Das zeigt, das ist ein wichtiges
Thema, das wollen wir angehen. Allein, dass es diese Förderung gibt,
erzeugt ein Umdenken. Von daher sind solche Programme in zwei Richtungen
sehr gut. Einerseits der Diskurs, andererseits aber auch die faktische
Förderung.
10 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Eike_Roswag-Klinge
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Eike_Roswag-Klinge
(DIR) [3] /Berliner-Stadtplanung/!6160503
(DIR) [4] https://wilma19.de/
(DIR) [5] /Mathematikgebaeude-der-TU-Berlin/!6157038
(DIR) [6] https://www.ak-berlin.de/
(DIR) [7] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/gewerbe-zu-wohnen-2419270
## AUTOREN
(DIR) Martha Lippert
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