# taz.de -- Grüne Abstimmungspanne in Sachsen: Die Mühen der Brandmauer lohnen sich – immer noch
> Ein Antrag der sächsischen Grünen ist mit den Stimmen der AfD
> durchgekommen – und so zu einem hässlichen Erfolg geworden. Was lässt
> sich daraus lernen?
(IMG) Bild: Unübersichtliche Verhältnisse: Der Landtag von Sachsen
In der Theorie klingt die Brandmauer nach einer eindeutigen Sache: Rechts
von ihr steht die AfD, links von ihr stehen die demokratischen Parteien.
Bleiben sie unter sich, machen sie alles richtig. Bricht jemand ein Loch in
die Mauer hinein und reicht die Hand, ist das falsch.
Die Praxis ist ambivalenter. Richtig und falsch gibt es zwar tatsächlich.
Aber dazwischen, das haben die verschiedenen Durchbrüche der vergangenen
Jahre gezeigt, finden sich zig Abstufungen. Daher reichen auch drei Sätze
nicht aus, [1][um den Abstimmungserfolg zu bewerten, den die Grünen am
Mittwoch im sächsischen Landtag erlitten haben]. Dafür braucht es zumindest
neun Absätze.
Um die Geschehnisse noch mal zusammenfassen: Die oppositionellen Grünen
hatten einen Antrag zur Unterstützung kleiner Schlachthöfe eingereicht und
mit dessen Ablehnung gerechnet, da sie die in Sachsen regierende
schwarz-rote Minderheitskoalition ebenso gegen sich wähnten wie BSW und
AfD. Bei CDU und SPD fehlten aber Abgeordnete und die anderen beiden
Fraktionen stimmten wider Erwarten zu. Mit einer grün-lila-braunen Mehrheit
ging der Antrag zum Entsetzen der Antragsteller durch.
In einer rasch veröffentlichten Erklärung machen es sich die Grünen
hinterher an einer Stelle zu einfach. AfD und BSW haben die Grünen demnach
in eine Falle gelockt, indem sie erst Ablehnung signalisierten und dann
hinterrücks mit Ja stimmten. Für die Wagenknecht-Partei gilt das höchstens
teilweise: [2][Deren Redner in der Landtagsdebatte] hatte dem Grünen-Antrag
im Kern zugestimmt, ihn nur als zu unkonkret kritisiert und mit der
Aufforderung geschlossen, über „Schatten und auch über Mauern zu springen“.
Man hätte es also kommen sehen können.
## Angemessene Zerknirschung
Abgesehen davon zeigen sich die sächsischen Grünen [3][in ihrer Erklärung]
jedoch angemessen zerknirscht: Man wolle solche Mehrheiten noch nicht mal
aus Versehen erzielen, habe seit Beginn der Legislatur alles gegen solche
Resultate getan und werde sich in Zukunft noch mehr Mühe geben.
Damit zeigt die Fraktion mehr Problembewusstsein als im Januar die Spitze
der Linkspartei. Im EU-Parlament hatte ein Antrag zum
Mercosur-Freihandelsabkommen eine Mehrheit bekommen – [4][unter anderem
durch Stimmen deutscher Linker, deutscher Grüner und der AfD]. Die Linke
bedauerte das hinterher ausdrücklich nicht. Sie habe nicht mit den Rechten
zusammengearbeitet und sich nicht um deren Stimmen bemüht, von einem Bruch
der Brandmauer könnte also keine Rede sein.
Damit wiederum machte es sich die Linke zu einfach. Es macht zwar in der
Tat einen Unterschied, ob man aus Fahrlässigkeit zu Mehrheiten mit der AfD
kommt (wie jetzt in Sachsen), deren Stimmen bewusst einkalkuliert (wie die
Union kurz vor der letzten Wahl im Bundestag bei einem Abschiebeantrag)
oder gar aktiv mit ihnen verhandelt (wie die EVP im Europaparlament).
Konservative rütteln stärker an der Brandmauer als andere. Sie können aber
linke und grüne Zufallsmehrheiten mit der AfD argumentativ nutzen und
behaupten: Machen die doch auch.
Schon deshalb sollten alle penibel auf die Brandmauer achten. Das ist,
zugegeben, kompliziert. Vor allem in Parlamenten mit wechselnden
Mehrheiten. Dazu zählen das Europaparlament, Sachsen wegen seiner
Minderheitsregierung und aus dem gleichen Grund [5][ab dem Herbst womöglich
auch Sachsen-Anhalt]. Für klarere Verhältnisse könnte dort die CDU sorgen,
indem sie sich für eine Notkoalition einschließlich der Linken öffnet. Wird
sie aber nicht.
## Aufwendiges Prozedere
Daher bleibt die Brandmauer aufwendig. Die demokratischen Fraktionen müssen
sich ununterbrochen absprechen, Strichlisten über Anwesenheiten und
Stimmverhalten führen. Das bindet Kapazitäten und bietet trotzdem keine
Garantie vor gelegentlichen Pannen.
Lohnt es sich dann überhaupt noch? Die Frage liegt nahe, für die Antwort
empfiehlt sich allerdings ein Blick auf die sächsische AfD. Feixend
stellten sich ihre Abgeordneten am Mittwoch hin, nachdem sie den
Schlachthof-Antrag durchgebracht hatten, den sie inhaltlich doch eigentlich
ablehnten: Die Brandmauer ist gefallen, danke an die Grünen!
Über dieses Triumphgeheul kann man sich nun grämen, genauso gut kann man
sich aber auch darüber freuen: Im Umkehrschluss zeigt es doch, wie sehr es
die AfD trifft, dass die Brandmauer in der großen Mehrzahl der Fälle doch
noch hält – zumindest jenseits der Kommunen. Die Rechtsextremen mögen
Diskursmacht gewonnen haben. Aber sie leiden darunter, dass sie an vielen
Stellen weiterhin keinen direkten Zugriff auf staatliche Entscheidungen
haben. Die Mühen der Brandmauer lohnen sich deswegen immer noch.
16 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Brandmauer-in-Sachsen-hintergangen/!6179085
(DIR) [2] https://www.landtag.sachsen.de/de/mediathek-und-publikationen/videos/plenarvideos/videoeinzelbeitrag/2026051333689
(DIR) [3] https://www.gruene-fraktion-sachsen.de/presse/pressemitteilungen/2026/erklaerung-abstimmungsverhalten/
(DIR) [4] /Mercosur-Abstimmung-im-EU-Parlament/!6148325
(DIR) [5] /Landtagswahl-in-Sachsen-Anhalt/!6178992
## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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