# taz.de -- Beginn des Wettbewerbs in Cannes: Liebe mit Hindernissen aller Art
       
       > Körper und Körperflüssigkeiten: Bei den Filmfestspielen von Cannes dreht
       > sich zum Auftakt alles um die Liebe – und was sie erschwert.
       
 (IMG) Bild: Die Künstlerin und ihr Model: Yoriko (Takako Matsu) und Yuri (Shizuka Ishibashi) in „Nagi Notes“
       
       An der Croisette hat der Rummel kaum begonnen, da ist man schon fast
       erschöpft von den auf sehr unterschiedliche Weise heftigen Liebesdramen,
       die einem der erste „richtige“ Tag der Filmfestspiele von Cannes geboten
       hat. Dabei begann es zunächst alles ruhig. In „Nagi Notes“, mit dem der
       [1][japanische Regisseur Koji Fukada nach „Love Life“ von 2022] zum zweiten
       Mal im Wettbewerb vertreten ist, reist die Architektin Yuri (Shizuka
       Ishibashi) von Tokio in die ländliche Kleinstadt Nagi, um einige Tage bei
       ihrer ehemaligen Schwägerin Yoriko (Takako Matsu) zu verbringen.
       
       Yuri will Yoriko, einer Bildhauerin, für eine Skulptur Modell sitzen.
       Fukada hält ihre Begegnung in statischen Einstellungen und klaren Bildern
       mit leicht kalten Farben fest. Yoriko führt Yuri durch den Ort und dessen
       scheinbar unberührte Landschaften. Allein ein regelmäßiges Knallen im
       Hintergrund erinnert daran, dass in der Gegend ein Militärstützpunkt liegt.
       Einige der Ortsbewohner arbeiten als Soldaten.
       
       Die Gespräche von Yuri und Yoriko drehen sich viel um Beziehungen,
       gescheiterte wie bei Yuri, die sich von ihrem Mann getrennt hat, und
       unerfüllte wie bei Yoriko, die heimlich die inzwischen gestorbene Frau
       eines Mannes im Ort liebte. Sie sprechen auch über zwei Jungen, die zu den
       Kunstschülern Yorikos gehören, Haruki und Keita, von denen der eine großes
       Talent zeigt und der andere vor allem durch seltsames Verhalten auffällt.
       
       Aus dieser übersichtlichen Konstellation, in der zudem Harukis Vater eine
       Rolle spielen wird, schafft Fukada ein komplexes Geflecht aus unterdrückten
       oder anderweitig unausgelebten Gefühlen. Den ruhigen Rhythmus unterbricht
       er hier und da durch gezielte Überraschungen oder abrupte Schnitte. Obwohl
       er Distanz zu seinen Figuren hält, kommt man ihnen erstaunlich nahe.
       
       ## Leben in Dauerbewegung
       
       Keine Distanz aufkommen lässt hingegen [2][Charline Bourgeois-Tacquet] im
       Wettbewerbsfilm „La vie d’une femme“. Die titelgebende Frau wird gespielt
       von Léa Drucker, ihre Gabrielle ist eine Gesichtschirurgin, die an einer
       Pariser Klinik als leitende Ärztin arbeitet. Ihre Arbeit fordert sie
       maximal, mit ihrem Mann und dessen Kindern aus erster Ehe pflegt sie
       komplizierten Umgang. Im Zweifel gehen die Patienten vor.
       
       Charline Bourgeois-Tacquet teilt diese Lebensbeschreibung in zehn Kapitel,
       in denen stets neue Personen für Gabrielle wichtig werden. Da ist ihr
       Kollege Kamyar (Laurent Capelluto), der ihr zwischenzeitig näher steht als
       ihr Mann, oder die Schriftstellerin Frida (Mélanie Thierry), die Gabrielle
       auf ihrer Station für ein Buchprojekt begleitet. Die Nähe zu Frida wird in
       der zweiten Hälfte des Films bestimmend. Bis dahin inszeniert
       Bourgeois-Tacquet das Leben Gabrielles als hektische Dauerbewegung, bei der
       sie mit dem Smartphone in der einen Hand oft parallel Gespräche am Festnetz
       führt oder durch ihren Alltag wirbelt, die Kamera dicht auf ihrer Spur.
       
       Sobald Gabrielle dann ihre Liebe zu Frida entdeckt, nimmt der Film
       jegliches Tempo aus Handlung und Bild, ohne die gewonnene Zeit nennenswert
       zu füllen. So als wüsste Gabrielle mit ihrem Glück nichts anzufangen,
       verliert sich der Film zusehends im bitter Betulichen.
       
       ## Spritzige Slasher-Parodie
       
       Wie es um die Relevanz steht, ist bei [3][Jane Schoenbruns Spielfilm]
       „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“, mit dem die Nebenreihe „Un certain
       regard“ eröffnete, eher Sache des Geschmacks. Die junge Filmemacherin Kris
       (Hannah Einbinder) reist darin zu einem verlassenen Camp, das in den
       Achtzigern der Drehort für den Slasher-Film „Camp Miasma“ (Betonung auf
       „camp“) war. Dort lebt der ehemalige Star des Films, Billy Presley (Gillian
       Anderson), völlig zurückgezogen. Sie hat seitdem keinen Film mehr gedreht.
       
       Kris will die Kultreihe, die aus „Camp Miasma“ entstanden ist,
       weiterführen, mit Billy als Darstellerin. Schoenbrun geht diese
       Slasher-Parodie mit reichlich theoretischem Witz an. So heißt der
       Serienmörder des Films „Little Death“, in Anspielung an den „kleinen Tod“
       als Bezeichnung für einen Orgasmus. Der penetriert seine Opfer denn auch
       mit einem langen Speer, und das Blut schießt wie rotes Ejakulat aus den
       Opfern. Ein sehr direkter Kurzschluss zwischen Körper, Kino und den
       zugehörigen Fantasien. Betonung auf Kurzschluss.
       
       14 May 2026
       
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