# taz.de -- Werner Herzog und Cannes: Zu viele Schwestern suchen die Liebe
       
       > Werner Herzog reist nicht nach Cannes: Er wurde nicht in die Hauptsektion
       > eingeladen. Dabei hätte er sich für „kleine“ Filme starkmachen können.
       
 (IMG) Bild: Werner Herzog in Cannes, eine Chance für mehr kleine Produktionen
       
       Manche Menschen muss man zum Jagen tragen. Werner Herzog anscheinend auch.
       Der 83-Jährige, dessen Œuvre aus über 70 Spiel- und Dokumentarfilmen
       besteht und der neuerdings [1][auf Social Media zuweilen entschleunigt
       Fleischstücke über dem Grill brät,] hat eine Einladung zum
       prestigeträchtigsten aller A-Festivals ausgeschlagen: Herzog, vermeldete
       die internationale Presse letzten Montag schnappatmig, will nicht nach
       Cannes. Für seinen Film „Bucking Fastard“ mit Rooney und Kate Mara und
       Orlando Bloom habe es zwar eine Einladung an die Croisette gegeben. Doch
       nicht in die Wettbewerbssektion. Und darunter macht der bayerische
       Filmemacher es nicht.
       
       Das muss man vielleicht ausführen: Bei Festivals gibt es mehrere Sektionen.
       Dabei sind die Filme, die nicht in der Wettbewerbs-, sondern in anderen
       Reihen laufen, selbstverständlich ebenso leidenschaftlich, filmverliebt und
       kompetent kuratiert und – noch selbstverständlicher – ebenso sehenswert wie
       sämtliche andere des Fests. Jedenfalls auf einem A-Festival: Die
       Kurator:innen von Cannes, Venedig, oder Toronto können vor
       Einreichungen kaum aus den Augen gucken und müssen sich nicht über
       mangelnde Qualität beschweren.
       
       Im Gegenteil. Weil die Slots begrenzt sind, in Cannes laufen etwa im
       Wettbewerb 22 Filme, kann man nie alles Großartige einladen, das man
       gesehen hat. (Disclaimer: Ich arbeite für die Auswahlkommission eines
       A-Festivals und schluchze regelmäßig, weil Filme es nicht ins Programm
       schaffen, obwohl sie es verdient hätten.) Und es ist mitnichten so, dass
       Einreichungen automatisch in einer anderen Reihe landen, dafür sind die
       Profile der Sektionen zu unterschiedlich. Manchmal passt das, oft aber
       nicht.
       
       Dass Herzog nicht in den Wettbewerb eingeladen wurde, kann mannigfaltige
       Gründe haben, nur einer davon ist, dass der Film dem Cannes-Kuratorium
       eventuell nicht genug gefiel – und auch das hängt von vielem ab, unter
       anderem der Mischung, die man präsentieren möchte. Denn vielleicht, das
       könnte ich aber erst nach Festivalende am Sonntag berichten, hatte der
       diesjährige Cannes-Wettbewerb schlichtweg zu viele oder bessere Geschichten
       über Schwestern, die die Liebe suchen (darum geht es in „Bucking Fastard“).
       
       ## Prestige und Schampuskonsum
       
       Neben dem künstlerischen kann auch der ökonomische Aspekt zählen:
       Wettbewerbe versprechen, wie der Name schon sagt, dass ein (bei A-Festivals
       mitunter amtlicher) Geldpreis winkt, Nebenreihen bieten eher keine oder
       weniger hochdotierte Preise. Die Cannes-Palme bedeutet allerdings vor allem
       Prestige – auf den Herzog, bescheiden, wie er ist, vielleicht spekuliert
       hat, und die den Aufwand inklusive Schampuskonsum für ihn erst rentabel
       machen würde.
       
       Ein dritter Grund, und über den ärgere ich mich Tag und Nacht, hängt mit
       meinem Beruf zusammen: Über den Wettbewerb wird am meisten berichtet. In
       vielen hiesigen Medien bleibt die Berichterstattung gar komplett darauf
       beschränkt. Die anderen ausgesuchten Produktionen sind für die Presse
       uninteressant beziehungsweise werden von den Redaktionen größtenteils
       ignoriert (nicht von den Journalist:innen – aber die können nur
       liefern, was beauftragt wird).
       
       Was wiederum nicht daran liegt, dass in den Redaktionen nur
       Ignorant:innen sitzen, sondern dass der Platz für Kultur mittlerweile
       extrem eingeschränkt ist. Für den Film in einer Nebenreihe bedeutet das,
       dass die Publicity und damit seine mögliche Zukunft als Kinoerfolg ebenso
       eingeschränkt sein könnte.
       
       Als Publikum kann man also nur eines tun: Die „kleinen“ Filme im Kino
       schauen, und damit rückmelden, dass man nicht Publicity, sondern gute Filme
       liebt, dass man bereit ist, dafür Tickets zu kaufen und somit der Industrie
       die Rückfinanzierung zu garantieren, dass man sich weniger um Filmpreise,
       sondern um Inhalte packt. Hätte Herzog sein Werk uneitel in einer
       „Nebenreihe“ gezeigt, dann hätte er genau das alles unterstützt. Zumal sein
       Name dem Film eh aus jeder Reihe in die erste katapultieren würde. Aber nun
       ja.
       
       17 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Werner-Herzog-hat-jetzt-ein-Handy/!6116421
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jenni Zylka
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Werner Herzog
 (DIR) Kolumne Cultural Appreciation
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Beginn des Wettbewerbs in Cannes: Liebe mit Hindernissen aller Art
       
       Körper und Körperflüssigkeiten: Bei den Filmfestspielen von Cannes dreht
       sich zum Auftakt alles um die Liebe – und was sie erschwert.
       
 (DIR) Auftakt in Cannes: Leiter der Filmfestspiele vergleicht KI mit Radfahren
       
       Bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Filmfestspiele von Cannes zeigt
       sich der Leiter Thierry Frémaux für Fragen zu KI und Politik sehr wach.
       
 (DIR) Filmfestspiele von Cannes beginnen: Travolta statt Mandalorian
       
       An diesem Dienstag beginnen die Filmfestspiele von Cannes. Es gibt viel
       Autorenkino aus Europa und weniger Hollywoodspektakel als sonst.