# taz.de -- Nationaler Wiederherstellungsplan: Forschende wollen Landwirtschaft und Naturschutz versöhnen
> Eine EU-Verordnung soll den Zustand von Gewässern und Wäldern verbessern.
> Nun veröffentlichen Berater des Agrarministeriums Vorschläge für eine
> naturgemäße Landwirtschaft.
(IMG) Bild: Renaturierungsmaßnahmen mit Flutungen und Aushebungen an den Uferbereichen des Flusses „ Gülper Havel „
Wer sich für Naturschutz interessiert, hat wahrscheinlich in diesen Wochen
schon einmal auf der Website des Bundesumweltministeriums herumgeklickt.
Dort lässt sich nämlich seit Ende April und noch [1][gut sechs Wochen lang
der Nationale Wiederherstellungsplan kommentieren]. Mit dieser
Umsetzungsmaßnahme der EU-Wiederherstellungsverordnung sollen Europas
Moore, Wiesen, Wälder, Flüsse und Meere in einen gesünderen Zustand
versetzt werden.
Ein Beispiel: Der Artikel 9 des EU-Gesetzes regelt die Wiederherstellung
der natürlichen Vernetzung von Flüssen und der natürlichen Funktionen damit
verbundener Auen. Bund und Länder wollen dazu in Deutschland Feuchtgebiete
und Auen an Flüssen wieder vernässen und zum Beispiel nicht mehr benötigte
Entwässerungsgräben oder Staumauern entfernen oder umbauen. Nasse Wiesen
statt satte Äcker? Was Klima- und Artenschutz dient, ist Land- und
Forstwirten allerdings ein Dorn im Auge.
Deshalb ist die Gesetzgebung aus Brüssel hochumstritten. So fordert der
Deutsche Bauernverband eine grundlegende Überarbeitung mit „realistischeren
Zielen, einer verlässlichen Finanzierung sowie einer stärkeren Ausrichtung
auf freiwillige und kooperative Maßnahmen“. Die Arbeitsgemeinschaft
Deutscher Waldbesitzerverbände warnt „vor einer weiteren Verschärfung des
Naturschutzrechts durch das Zusammenwirken der europäischen
Wiederherstellungsverordnung mit dem geplanten Gesetz zur Stärkung der
natürlichen Infrastruktur“. Es entstünden neue Nutzungskonflikte und
wachsende Belastungen für Investitionen und langfristige Planungen.
[2][Nun hat der Wissenschaftliche Beirat für Biodiversität und Genetische
Ressourcen eine Stellungnahme veröffentlicht], in der er fordert, die
Forschende wollen Landwirtschaft und Naturschutz versöhnen und die
Wiederherstellungsverordnung zusammenzudenken – soll heißen: Agrarpolitik
und -förderung sowie Naturschutzpolitik sollten sich künftig ergänzen und
sich nicht widersprechen. Ohne die aktive Unterstützung durch Landwirtinnen
und Landwirte ließen sich die degradierten Ökosysteme der Agrarlandschaften
nicht in einen guten ökologischen Zustand überführen, begründet der Beirat
seinen Vorschlag.
## Zwölf Handlungsempfehlungen
Zudem stehe eine zukunftsfähige landwirtschaftliche Produktion „in direktem
Zusammenhang mit der biologischen Vielfalt und den an sie gekoppelten
Ökosystemfunktionen und -leistungen“, schreibt der Beirat weiter.
Bestäubung, Schädlingsregulation sowie Nährstoff- und Wasserkreisläufe
seien für die Nahrungsmittelproduktion und damit für die
Ernährungssicherung sowie für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
landwirtschaftlicher Betriebe von entscheidender Bedeutung.
Um Naturschutz und Agrarpolitik zu versöhnen, gibt der Beirat zwölf
Handlungsempfehlungen. So sollen die Wiederherstellungsverordnung nicht als
Belastung empfunden werden; sie könne eine Modernisierungschance für
Landwirtschaft und Naturschutz sein. Dazu müsse die EU-Agrarförderung, die
derzeit für den Zeitraum von 2028 bis 2034 geplant wird, stärker an den
Anforderungen und Bedürfnissen des Biodiversitätschutzes ausgerichtet
werden. Förderprogramme sollen einfacher, verständlicher und praxisnäher
werden.
Für die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur/Küstenschutz fordern die
Wissenschaftler mehr Mittel und Instrumente für Biodiversität und
Wiederherstellung, insgesamt sei es erforderlich, dass statt vieler
Einzelmaßnahmen regionale Gesamtkonzepte entwickelt würden. Neben einem
vielfältigen Ackerbau mit mehr Feldfrüchten, weniger Dünger und Pestiziden
sei vor allem die Weidewirtschaft mit artenreichen Wiesen zu fördern.
Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) begrüßte die
Stellungnahme des Beirats: „Die Landwirtschaft steht im Ruf, auf Kosten der
Artenvielfalt und des Klimas zu wirtschaften“, sagt Tina Andres,
Vorstandsvorsitzende des Verbands, „sie steht bei vielen Menschen für
Tierleid und gefährliche Rückstände.“ Das dürfe nicht so bleiben.
Auch der Naturschutzverband Nabu lobte die Stellungnahme der
Wissenschaftler: Sie zeige „Lösungsansätze auf, wie die
Wiederherstellungsverordnung in der Agrarlandschaft erfolgreich umgesetzt
werden kann“. [3][Jetzt liege es beim Bundesagrarminister Alois Rainer,
sich in Brüssel für ein verlässliches Mindestbudget für Umweltmaßnahmen in
der Landwirtschaft einzusetzen]“, sagt Laura Henningson, stellvertretende
Nabu-Teamleiterin Landnutzung.
Die Agrarwissenschaftlerin Dorothea Bellingrath-Kimura vom Leibniz-Zentrum
für Agrarlandschaftsforschung hält mehr Naturschutz in der Fläche und damit
die EU- Wiederherstellungsverordnung zwar für sinnvoll. Zugleich mahnt sie
aber mehr Pragmatismus von allen Beteiligten an: Bessere Ergebnisse als
bürokratische, engmaschige Vorgaben für alle brächten erfolgsorientierte
Maßnahmen in Verantwortung der Landwirte.
Sie wüssten meist gut, wo Hecken angepflanzt oder kleine Tümpel auf Äckern
als Heimat von Fröschen umfahren werden sollten. „Wichtig wäre, Ökologie
mehr in die Ausbildung von Landwirten zu integrieren“, sagt
Bellingrath-Kimura, „wir wissen inzwischen sehr viel über nachhaltige und
zugleich effiziente Landwirtschaft, aber es mangelt am Transfer in die
Praxis.“
14 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://beteiligung.bundesumweltministerium.de/de/nationaler-wiederherstellungsplan
(DIR) [2] https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ministerium/Beiraete/biodiversitaet/zukunftsfaehige-landwirtschaft.pdf?__blob=publicationFile&v=2
(DIR) [3] /Agrarminister-gegen-Naturschutzgesetz/!6116000
## AUTOREN
(DIR) Heike Holdinghausen
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