# taz.de -- Album von Lee Perry und Mouse On Mars: Lees letztes Hosianna
       
       > Noch vor seinem Tod nahm die Dubikone Lee Perry mit dem Duo Mouse On Mars
       > das Album „Spatial, no Problem.“ auf: Krautelektro trifft auf karibischen
       > Spuk.
       
 (IMG) Bild: Gute gelaunte Tonmeister außerirdischer Musik: Jan St. Werner, Lee Perry und Andi Toma
       
       Lee „Scratch“ Perry (1936–2021) [1][war einer der bedeutendsten Innovatoren
       des Reggae, erfand das Genre Dub und gilt daher auch als einer der
       Wegbereiter für Techno]. Dass Perry nun – fünf Jahre nach seinem Tod – auf
       einem Krautrockbeat des Berliner Duos Mouse On Mars durch die Prärie
       reitet, damit konnte keiner rechnen.
       
       So durcheinander die Musik auf „Rockcurry“, dem ersten Stück des nun
       erschienenen fulminanten Albums „Spatial, No Problem“, auch klingen mag, so
       auffallend stimmig klingt der Song, der mit einem Motorikbeat daherkommt,
       wie man ihn von Klaus Dinger und Jaki Liebezeit kennt.
       
       Perry, zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 2019 schon jenseits der 80,
       scheint hier auf einem elektrischen Bullen zu sitzen. Auf dem schnaufenden
       Koloss galoppiert der bis zuletzt geckenhaft auftretende Perry durch einen
       atemlosen Track.
       
       Die Musik klingt so gar nicht wie die hanfbefeuerten Dubklassiker, für die
       der als Rainford Hugh Perry geborene jamaikanische Musiker und Produzent
       berühmt wurde. Stattdessen rappelt es gewaltig im Gebälk: Hyperaktiv
       fliegen Soundeffektkometen, Synthiewolken und stotterndes Gefleusch durch
       die Songkulisse, die auf dem Ritt in die Jagdgründe gestreift wird.
       
       ## Zwischen Rastafari und Cut-Up
       
       Perry selbst bleibt da nur das textliche Mäandern. Zwischen
       Rastafari-Anbetung und Dada-Cut-up beschreibt es eine metaphorische
       Weltreise: New York, London, Babylon, Berlin. Perry singt die eigenen
       Harmonien hoch, croont, rappt und hosiannat virtuos. Sein breites
       Ausdruckspektrum von Brabbeln bis zu mit fester Stimme vorgetragenem Gesang
       bestimmt „Spatial, No Problem“, sein letztes zu Lebzeiten entstandenes
       Werk.
       
       Das Eröffnungsstück ist die Blaupause für die sieben weiteren Songs, die
       Perry und [2][die Elektronikpop-Avantgardisten von Mouse On Mars] in deren
       Berliner Studio aufgenommen haben. Eins war im Vorhinein klar: Eine
       Dubplatte sollte „Spatial, No Problem.“ nicht werden.
       
       In „Spatialee“ lassen sich äthiopische Jazzspuren erkennen – was angesichts
       der spirituellen Verehrung des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie
       durch die jamaikanische Rastafaribewegung nicht abwegig scheint. Selbst da,
       wo der Track „Fire Dali“ und das Finale „State of Emergency“ einem dubbigen
       Beat nahekommen, wehren sie sich gegen Dubklischees.
       
       Typisch für das Duo Mouse On Mouse ([3][Andi Toma] und [4][Jan St. Werner])
       unterlaufen die Stücke Erwartungen, der Sound morpht mit viel
       elektronischer Magie zu vielgesichtigen Hybriden, die sich vom großen Tisch
       der Musikgeschichte zwischen hawaiianischer Folklore und Techno bedienen.
       
       ## Simple Musik mit komplizierten Mitteln
       
       Der Kölner Autor Felix Klopotek schrieb einst, dass Mouse On Mars „mit den
       kompliziertesten Mitteln die einfachste Musik“ produzieren, was sich
       exemplarisch auf der eigens zur Veröffentlichung eingerichteten Insta-Seite
       zeigt: In kurzen, lustvollen Dokuschnipseln berichten Toma und Werner vom
       Produktionsprozess – dabei scheint das Duo selbst von den eigenen Taten
       verwirrt: „Das ist Obscurium von Sugabytes. Nein. Das ist C15.“
       
       Besonders interessant wirkt es, wenn sie über „To The Rescue“ sprechen, dem
       vorletzten Stück des Albums. Hier trifft eine mehr als 20 Jahre alte
       Liveaufnahme auf die neue Studioversion; Perry kommentiert quasi in
       Echtzeit diesen alten Call-&-Response-Chant, der länger schon zum
       Standardrepertoire gehörte. Eine Zeitreise von vielen auf „Spatial, No
       Problem.“, denn auch die beiden Mouse On Mars’ler scheinen nochmal in die
       Vergangenheit zu blicken: Sucht man einen klanglichen Vorgänger für das
       neue Album, muss man zu den Anfangstagen des Duos reisen.
       
       Besonders deutlich ist die Nähe zu „Iaora Tahiti“ von 1995, dem zweiten
       Werk des damals noch in Köln und Düsseldorf angesiedelten Duos. Bezüge zum
       rheinischen Krautrock, das leicht karnevaleske Spiel aus Ernst und
       Frohsinn, Schlager, Folk und avantgardistischer Elektronik finden sich nun
       wieder.
       
       „Economic Train“ etwa, von Saxofon und Posaune unterstützt, erinnert an die
       empowernden Mardi-Gras-Blaskapellenumzüge, die man mit New Orleans
       verbindet. Oder, wenn man so will, an den kölschen Geisterzug, einer sub-
       und gegenkulturell getragenen Antithese zum Rosenmontagszug. Für „Iaora
       Tahiti“ nahm Mouse On Mars den Schlager von Jack White und Tony Marshall
       aufs Korn, deren Hit „Schöne Maid“ dreist von einer obskuren Maoriplatte
       namens „Iaora Tahiti“ geklaut war.
       
       ## Hofnarr oder Trickster?
       
       Solcherlei intertextueller Karnevalesken bedarf es bei „Spatial, No
       Problem.“ gar nicht, hat man doch in Lee „Scratch“ Perry selbst einen der
       leidenschaftlichsten Hofnarren der Musikgeschichte an Bord. Schon seit den
       1960ern sorgte Perry für kreatives Chaos in der jamaikanischen Musikszene.
       
       Und bis zuletzt, so zeigen die teilweise an Kinderreime erinnernden
       Improvisationen, versteckte Perry in den vermeintlich banalsten Reimen
       Botschaften großer Bedeutung: „To the Rescue / Here I come“ – für euch
       spiele ich gerne den Superhelden, aber wer weiß, was das bringt? Das
       sanfte, leicht beschwippste, von einer Hawaiigitarre getragene Instrumental
       unterstreicht das dezent sinnfreie Hoffen auf einen messianischen Erlöser
       in der Situation.
       
       Perry selbst machte sich bald nach den Aufnahmen auf seine eigene Reise in
       die Unendlichkeit. Sein Vermächtnis ist dieses Album, das uns eine Warnung
       hinterlässt: „State of Emergency“, ein Trauermarsch mit Blaskapelle
       vorgetragen.
       
       5 Jun 2026
       
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 (DIR) Lars Fleischmann
       
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