# taz.de -- Prog-Rock aus Frankreich: Sie waren linksradikal und nicht auf der Suche nach Gott
> Mit „Synths, Sax & Situationists“ hat der australische Autor Ian Thompson
> ein Buch über den französischen Undergroundrock zwischen 1968 und 1978
> veröffentlicht.
(IMG) Bild: Die Band Gong erfand sich über die Jahrzehnte immer wieder neu (Foto um 1970)
Dass die französische (und bis zu einem gewissen Grad auch die
italienische) Prog-Musik spannender gewesen sei als der deutsche Krautrock,
vor allem aber, dass beide außerhalb ihrer Herkunftsländer weitgehend und
sträflich unentdeckt geblieben sind, habe ich auf diesen Seiten schon
häufiger gepredigt. Jetzt gibt mir endlich mal jemand recht. Der
australische Journalist Ian Thompson taperte vor ein paar Jahren in einen
Pariser Plattenladen und war auf der Suche nach einer raren Pressung der
Single „See Emily Play“, ein Frühwerk von Pink Floyd. Starker Grund für
einen Besuch an der Seine. Der gewünschte Fetisch fehlte, dafür gab es ein
Fach namens „French Prog“ – das veränderte das Leben dieses
Musikbegeisterten.
Jetzt gibt es sein Buch, das abgesehen von ein, zwei älteren Publikationen
(zum Beispiel Eric Drott, „Music and the Elusive Revolution: Cultural
Politics and Political Culture in France 1968–81“) tatsächlich eine Lücke
füllt. „Synths, Sax & Situationists“ nimmt sich die Jahre 1968–1978 vor und
unterscheidet dabei zwischen den politischen, jazzigen, lysergischen,
avantgardistischen und elektronischen französischen Bands. Dabei waren sie
eigentlich alle politisch, und eigentlich waren sie auch alle Avantgarde.
Jazz spielte in Frankreich insgesamt eine weit größere Rolle als in
Deutschland – und die nicht so zahlreichen Elektroniker waren auch
linksradikal und keine Gottsucher wie auf der anderen Rheinseite.
## Wenige Veröffentlichungen
Ein weiterer Anlass für die späte Bestandsaufnahme: Viele der
entscheidenden französischen Bands der frühen 1970er haben nie ein Album
aufgenommen oder ihre Aufnahmen veröffentlichen können. Ausführlich
gewürdigte Bands wie Contrepoint sind erst Jahrzehnte nach ihrem
Verschwinden durch posthume Liveveröffentlichungen oder Studioreste einem
größeren Publikum bekannt geworden.
Andere, wie La Fille qui mousse, blieben mit ihren raren Miniauflagen bis
zur Wiederveröffentlichung auf den mythischen Status beschränkt, den sie
der Aufnahme in die Nurse-With-Wound-Liste verdanken (dabei handelt es sich
um eine ebenfalls nicht unmythische und sehr geschmackssichere Liste von
1979 mit großartiger, aber seinerzeit extrem obskurer
Avantgarde-Popveröffentlichungen, zu großen Teil deutsch und französisch,
die die protosurrealistische britische Lärm-Dada-Free-Music-Band Nurse With
Wound auf ihrem Debütalbum zusammenkanonisiert hatte).
Eigentlich sind nur drei der hier behandelten französischen Gruppen über
die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden: [1][Heldon, die auch auf diesen
Seiten gewürdigt wurden], Magma, über die es Titelgeschichten auch im
deutschen Musikmagazin Sounds während der 1970er gab, und Gong, die
hartnäckig und überlebensklug Jahrzehnte in den verschiedensten Besetzungen
von Frankreich aus umherstreifenden semiaustralischen Hippies, deren
Ursprung ja das britische Canterbury war – alles andere ist im
angepasstesten Fall Prog-Rock eben jener Canterbury-Schule, meist geht es
weit darüber hinaus.
Es ist daher auch kein Wunder, dass Soft Machine, die oft in Frankreich
tourende Band, deren Urbesetzung jener Daevid Allen ja verließ, um Gong zu
gründen, mit am häufigsten als Vorbilder und Initialzündung genannt werden
und mit Abstand die meisten Registereintragungen einer nichtfranzösischen
Band ausweisen.
## Soft Machine als Bezugspunkt
Wenn die zahlreichen Musiker, die Thompson interviewt hat, ihre kreativen
Urszenen erinnern, spielt immer ein Stadium der Softs zwischen 1968 und 73
eine entscheidende Rolle: Schade nur, dass von deren zahlreichen
französischen Kindern Thompson nur den soundähnlichen Contrepoint, nicht
der süßlich-eleganten Weiterentwicklung Travelling oder den wirklich
brillanten Perception Platz einräumt.
Thompsons Interviewpartner sind oft sehr eloquent, etwa Dominique Grimaud
von Camizole (selbst Autor eines Buches über den französischen
Underground), der den Weg vom hochinspirierten Chaotiker zum
Klaus-Schulze-Fan zurücklegte, oder Jean Jacques Birgé von Un Drame Musical
Instantané. Sie schildern Umschwünge vom dadaistischen Kommunetheater zur
strengen Elektronik, von fröhlichem Dilettantengeklopfe zu komplexistischen
Free-Jazz-Rock-Hybriden. Neben Soft Machine gab es noch zwei weitere
Initialzündungen: Die eine wäre Zappa und mit ihm ein entwickelter Sinn für
Präsentation und Theater, eine Art Rock-Fluxus, der sich durch die ersten
Jahre zieht; die zweite, noch wichtigere ist der Aufenthalt von einigen
Dutzend afroamerikanischen Free-Jazz-Musikern, die nach dem
panafrikanischen Festival in Algiers im Jahr 1969 in Paris geblieben waren.
Neben Archie Shepp und dem mehrere Jahre in Paris produktiven [2][Art
Ensemble of Chicago], waren das noch zahlreiche weitere, damals weniger
bekannte Künstler wie Clifford Thornton, Arthur Jones, Sunny Murray,
Jacques Coursil, Andrew Cyrille, Sonny Sharrock, der von vielen
Free-Franzosen als Vorbild genannt wird.
Sie alle nahmen innerhalb weniger Wochen circa 50 Alben für das vom Pariser
Zeitgeistmagazin actuel mitgetragene Label byg auf, das zugleich eine der
ersten Infrastrukturen für den neuen Underground bildete: Nicht nur Gong
und erste psychedelische Rockbands wie Ame Son veröffentlichten in dieser
Reihe, sondern auch verschiedene Projekte des zwischen neuer Musik, Free
Jazz und Filmmusik pendelnden Michel Portal, das avantgardistische Acting
Trio und MEV, Musica Elettronica Viva – das berühmte, eigentlich
US-amerikanische Kollektiv aus linken Komponisten neuer Musik (Richard
Teitelbaum – im Buch ganz unsäglich falsch geschrieben –, Alvin Curran,
Frederic Rzewski und anderen). In Italien ansässig, begann MEV ein zweites
Leben als Hippie-Kommune mit zeitweilig ganz anderen Mitgliedern und
entwickelte einen ebenfalls starken Einfluss auf den französischen
Underground.
## Fluxus und Zappa
Der unbekümmerte Ideenreichtum, die Radikalität und Nutzung jedes
Instruments und jeder denkbaren Klangquelle etwa bei genialen
Experimentatoren wie Horde Catalytique pour la fin („Wir wollen […] ein
Zersetzen des Gehörs, einen restlosen Abbau aller Rücklagen“) wurde in
letzter Zeit immer wieder mit Post-Punk und Genialen Dilettanten
verglichen, worauf eine andere Band im Gespräch mit Thompson
sympathischerweise nicht nur erwidert, mehr mit Fluxus und Zappa zu tun
gehabt zu haben, sondern: „Das Einzige, was [3][wir mit Punk gemeinsam
hatten], war, dass wir nicht spielen konnten.“
Wir fassen zusammen: Canterbury Sound, ein aus neuer Musik hervorgegangenes
Hippiekollektiv, Dada und Fluxus, und eine linksradikal politisierte
Musikkultur mit Bands wie Komintern und Red Noise, die alle weder klangen
wie die Scherben noch wie Floh de Cologne, sondern wie eine Mischung aus
Free Rock, Ye-Ye-Sprengsel und Noise mit Theatereinlagen, trafen auf eine
Szene, in der Figuren wie Patrick Vian das Sagen hatten: der freigeistige
Sohn des 50er Jahre Heroes, Autors, Jazzers und Erz-Bohemians Boris Vian,
oder die von vollmundiger High-Energy-Protestfolklore zu Free Jazz
übergelaufene Black-Panther-Unterstützerin Colette Magny. Das waren krasse
Konstellationen, die es in der BRD nicht gab und in deren Abwesenheit die
kosmische Disposition der Deutschen, die Dominanz von
paraanthroposophischer Esoterik und die Früchte der Hermann-Hesse-Lektüre
einsickern konnte.
Die große Schwäche der französischen Szene war hingegen die abwesende
Infrastruktur: Es gab zwar abenteuerlustige Label wie Futura, des schon zu
Zeiten des französischen Free-Jazz-Underground umtriebigen Produzenten
Gérard Terronès, wo neben Drogenmusik und kommunistischen Popsymphonien
auch Archie Shepp, Sam Rivers und die französische Free-Jazz-Elite um Leute
wie Jef Gilson oder Raymond Boni veröffentlichte; und das ebenfalls schon
länger einschlägige Saravah-Label, wo sich radikalisierte YeYe- und
Chansongrößen wie Brigitte Fontaine mit den Popprojekten des Art Ensemble
trafen.
## Gigs in französischen Jugendzentren
Aber das war’s, die Majors packten es nicht. Auf einen kurzen Boom, der
1971 zu gut zwei Dutzend Debütalben führte, folgten 1972 nur noch
einstellige Veröffentlichungszahlen und keine zweiten LPs. Das
Infrastrukturproblem bei Livekonzerten löste immerhin der umtriebige
ehemalige Yardbirds-Manager, Magma- und Gong-Unterstützer Giorgio Gomelsky,
indem er ein Netzwerk französischer Jugendzentren für Gigs mobilisierte.
Thompson lässt bei der jazzigen Flanke der Bewegung vieles aus (Dharma
Quintet, Maschi Oui etc.), ebenso die experimentelle Entwicklung späterer
Jahre: Ghedalia Tazartés, aber auch der gerade verstorbene Partner von
Brigitte Fontaine, Areski, kommen gar nicht, Pascale Comelade kommt nur am
Rande vor. Dafür wird aber ein weiß Gott verdienter und bis heute
unerschöpflich einfallsreicher und gewitzter Charakter wie Jac Berrocal,
der mit all diesen Leuten viel gemacht hat, ausgiebig gewürdigt.
Der Australier hat ein immens informatives Buch mit anregender Disko- und
Bibliografie gewuchtet, bei dessen Lektüre man über die große offene Frage,
ob und wie Rock-Underground nicht insgesamt auch in ganz andere Richtungen
sich hätte entwickeln können, mit viel Material, etwa den fantastisch
spröden Mahagony Brain im Ohr, nachdenken kann. Thompson hat keine Thesen
zu seinem Material, außer den hier referierten, und auch das Versprechen,
situationistische Connections offenzulegen, bleibt weitgehend unerfüllt. Er
lässt die Leute reden – und das ist ein Anfang bei einer Entdeckungsreise,
[4][die ansonsten von der Wiederveröffentlichungspolitik von Labels wie
Souffle Continue] angetrieben wird.
18 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Cooler-linker-Musiker-Richard-Pinhas/!6101290
(DIR) [2] /Klassiker-von-Art-Ensemble-of-Chicago/!6188076
(DIR) [3] /Ausstellung-im-Aros-Museum-Aarhus-Die-Aktualitaet-der-Punk-Aesthetik/!6192411
(DIR) [4] /Jazzconnection-Madagaskar--Frankreich/!5796902
## AUTOREN
(DIR) Diedrich Diederichsen
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Musik
(DIR) Buch
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) wochentaz
(DIR) Krautrock
(DIR) Popmusik
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Album von Lee Perry und Mouse On Mars: Lees letztes Hosianna
Noch vor seinem Tod nahm die Dubikone Lee Perry mit dem Duo Mouse On Mars
das Album „Spatial, no Problem.“ auf: Krautelektro trifft auf karibischen
Spuk.
(DIR) Werkschau der Synth-Pioniere Popol Vuh: Tiefseehöhlen und Klangdome zwischen Hosianna und Mantra
Die Münchner Band Popol Vuh gehört zur kosmischen Krautrock-Fraktion. Als
Pioniere des Moog-Synthesizers erkundeten sie analoge Elektronik in
epischer Breite. Das Label Cherry Red veröffentlicht nun die Werkschau.
(DIR) Cooler linker Musiker Richard Pinhas: Hier steppt und zuckt der Cyborg
Zwischen Programmierung und Empfindung: Das musikalische Universum des
Musikers Richard Pinhas und seiner Band Heldon wird neu entdeckt.