# taz.de -- Adrian Sherwood auf Tour: Alles könnte kollabieren
> Das Genre Dubreggae hat der britische Produzent Adrian Sherwood
> nachhaltig verändert. Mit dem Album „The Collapse of Everything“ kommt er
> nun auf Tour.
(IMG) Bild: Dub-Superhirn am Puls der Zeit: Adrian Sherwood in London
„Zentral für meine musikalische Entwicklung ist Lee ‚Scratch‘ Perry“,
bekundet Adrian Sherwood im Interview für das Fanbuch „I feel everything
you say, I feel everything you hear“. Perry, der 2021 verstorbene
jamaikanische Produzent, ist der einzige Superstar am Mischpult, den der
Dubreggae je hervorgebracht hat.
Inzwischen wäre es durchaus angemessen, Adrian Sherwood diese Krone
aufzusetzen. Nicht nur, weil der 1958 in London geborene und seit Ende der
1970er aktive britische Produzent, Toningenieur und Betreiber des Labels
On-U Sound – wie Perry – ebenfalls globale Geltung erreicht hat. Ohnehin
hat Sherwood mehrere Perry-Alben für On-U Sound produziert und dem Madman
aus Jamaika mit „Rainford“ und dessen Dubversion „Heavy Rain“ (2019) auch
zu einem würdigen Karrierefazit verholfen.
Adrian Sherwoods eigenes Profil zeichnet sich durch eine Sensibilität für
die Umwelt aus, auch das vergleichbar mit seinem Vorbild. [1][Waren es für
Perry Geräusche aus dem Dschungel und seiner üppigen Natur], die er oft in
die Musik eingebettet hat, ist es bei Sherwood ein (post-)industrielles
SciFi-Klangbild aus dem Londoner Habitat.
Sherwood pflegt eine Liebe zu tiefen Bassfrequenzen, er hat ein
modulatorisches Verständnis von der prinzipiellen Veränderbarkeit jedweden
bestehenden Klangs. [2][Und er setzt auf die sensationslüsterne, zugleich
elaborierte Klangsprache der Soundeffekte.]
## Studio abgefackelt
Dem Dub-Wahnsinn im Black-Ark-Tonstudio auf Jamaika hatte Lee Perry schon
Ende der 1970er Jahre abgeschworen und das Studiogebäude abgefackelt.
Seitdem war der Jamaikaner weltweit als Ideengeber und Wortakrobat am
Mikrofon unterwegs und hatte anderen Produzenten den Vorzug am Mischpult
gegeben. Und so war Adrian Sherwood bald zur Stelle und kreierte für Perry
das On-U-Sound-Album „Time Boom X De Devil Dead“ (1987); weitere
Perry-Sherwood-Kollaborationen sollten folgen.
Die große „Punky Reggae Party“, das Zusammenwirken der rebellischen
Punkszene mit Dubreggae, seinem experimentierfreudigen Produktionsstil und
der Soundsystemkultur, wie sie Ende der 1970er Jahre in London gefeiert
wurde, [3][war gewissermaßen Geburtshelfer für Adrian Sherwoods eigenes
Label On-U Sound]. Schon zuvor hatte er auf Kleinstlabels zeitgenössischen
Reggae veröffentlicht.
In jener Zeit stieß er auch transatlantische Kooperationen an, etwa mit der
ambitionierten Serie „Cry Tuff Dub Encounter“. Durch Starthilfe [4][von
erfahrenen Produzenten wie Dennis Bovell] etablierte sich Sherwood zu
Beginn der 1980er als treibende Kraft [5][bei der Fusion von Reggae und
Postpunk]. Nach Sherwoods Arbeit am Experimentalalbum „Starship Africa“ von
Creation Rebel wurde On-U Sound für die nächsten 15 Jahre zur
Cutting-Edge-Adresse zwischen Dub, Reggae und Avantgarde, World Music,
Industrial, Electro, Blues und HipHop.
## Dub Syndicate war erste Dub-Live-Band in Europa
In vielen Werken fanden sich Bestandteile all dieser Genres in der
Soundsuppe. Die On-U-Sound-Band African Head Charge frönt einem markanten
Stil, der als Blaupause des psychedelischen Afro-Futurismus gilt. Mit Dub
Syndicate lancierte Sherwood auch die erste Dub-Liveband in Europa.
Und zusammen mit Doug Wimbish, Keith Le Blanc und Skip McDonald, eigentlich
Backingmusiker des Pionier-Raplabels Sugar Hill Records aus New York,
gründete er Mitte der 1980er Jahre schließlich das
Funk-Dub-Industrial-Konglomerat Tackhead – um nur die wichtigsten
On-U-Sound-Projekte zu nennen.
Dadurch avancierte Sherwood auch jenseits von Dub zum gefragten Produzenten
und schuf Remixe für Mainstreambands wie Depeche Mode und Nine Inch Nails.
Seine Arbeit am Mischpult für Reggaekünstler wie Bim Sherman ging indes
weiter. Shermans tolles Album „Ghetto Dub“ (1988) wird gerade vom Kölner
Label Week-End Records wiederveröffentlicht. Die Archivpflege von Dubreggae
begann freilich in London, wo Adrian Sherwood Mitte der 1990er das
Reggae-Reissue-Label Pressure Sounds mitangeschoben hat.
Erst im neuen Jahrtausend widmet sich der rastlose britische
Maschinenstürmer seiner Solokarriere. Bis jetzt hat er vier Alben unter
eigenem Namen veröffentlicht. Ob Drummachines, digitale Software und
Computer-Tools – Sherwood bleibt technologisch am Puls der Zeit und
musikalisch offen für Einflüsse von Globalpop über Filmmusik bis zu
Dancefloor. In Japan landete er mit „Animal Magic“ 2006 sogar einen
veritablen Hit, ein niedliches Stück Breakbeat-Pop, in dem er wieder mal
Lee „Scratch“ Perry Tribut zollt.
## Land of 1.000 Dances
Seit den zehner Jahren reist Sherwood durchs Land der tausend Tänze: Macht
Mixe für den Jungle-Künstler Congo Natty, kooperiert mit Dubstep-Produzent
Pinch und verfeinert den warmen Rootsreggae und Rocksteady-Sound von
US-Soulcrooner Jeb Loy Nichols („To Be Rich Should Be a Crime“).
Das von Sherwood produzierte Album „Midnight Rockers“ (samt Dubversion
„Midnight Scorchers“) bescherte Altmeister Horace Andy 2022 ein spätes
Meisterwerk. Darüber hinaus produziert Sherwood – nun stets mit dem jungen
Toningenieur Matthew Smyth – viel beachtete Dubalben für das Duo Panda Bear
und Sonic Boom sowie für die US-Indierockband Spoon.
Sein jüngstes Soloalbum „The Collapse of Everything“, veröffentlicht 2025,
darf getrost als Titel des Jahres bezeichnet werden. Es ist Sherwoods
ambitioniertestes Werk. In seiner Soundsignatur klingt eine Ästhetik der
Überraschung und Zergliederung an. Reggae-Elemente spielen nur Nebenrollen,
prägnanter wirken harsche Beats und klebrige Synthie-Flächen, orientalische
Melodien und heimelige Bläser, E-Gitarren-Lärm und Italo-Western-Echos.
## Vom Remix zur Produktionsmethode
Alles ist äußerst filmisch und atmosphärisch dicht inszeniert: Musik als
Klanglandschaft, für die Sherwood schon vor Langem den Begriff „Designer
Dub“ prägte. Ausgangsmaterial sind dabei nicht mehr Originale, die von ihm
zu alternativen Versionen geremixt werden. Stattdessen entstehen Tracks,
die im Zuge ihrer Kreation mit Dubtechniken wie Hall, Echo und Delay
garniert werden. Auf diese Weise ist Dub vom Remix zur Produktionsmethode
geworden.
Dank Software und Plug-ins ist das Mischpult zum Instrument geworden, mit
dem Klänge aller Art geschichtet und collagiert, konstruiert und zerlegt
werden können. Und genau dies passiert auch bei Konzerten.
Von bewusstseinserweiternden Visuals des langjährigen On-U-Mitstreiters
Peter Harris begleitet, erleben wir bei Sherwoods Live-Dub-Show, wie der
Meister in Echtzeit Dub-Mixe direkt aus originalen Multitracks erzeugt. Das
wird spannend zu hören sein, denn prinzipiell steht ihm dabei das gesamte
On-U-Sound-Archiv zur Verfügung. Es könnte durch sein Zutun alles
kollabieren und gleichzeitig Neues entstehen.
Auch für Adrian Sherwood selbst werden die Auftritte zur Herausforderung:
„Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte,
aber jetzt fühle ich mich auf der Bühne wohl. Ich katapultiere mich mit
Sound aus meiner Komfortzone.“
7 Feb 2026
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