# taz.de -- Wim Wenders und die Nacktszenen: Es ist nicht kompliziert
       
       > Die Debatte über Wim Wenders’ Film „Falsche Bewegung“ ist einfacher
       > gelöst als gedacht. Nacktszenen mit Kindern sollte es damals wie heute
       > nicht geben.
       
 (IMG) Bild: Nastassia Kinski anlässlich der Verleihung des Womenland Excellence Award International, Rom, 2023
       
       Die menschliche Intuition funktioniert ganz gut. „Nastassja Kinski, Falsche
       Bewegung, Nacktszene“, gab ich in die Suchmaschine ein, um mir die
       Filmszene anzusehen, und merkte sofort, dass das falsch war. Einerseits,
       weil ich damit einen Inhalt zu finden versuchte, der ein Kind sexualisiert
       zeigt, andererseits, weil ich Kinski damit unrecht tat.
       
       [1][Kinski sagte in der Süddeutschen Zeitung,] dass sie den Regisseur Wim
       Wenders seit zehn Jahren darum bittet, die zweiminütige Szene aus dem Film
       „Falsche Bewegung“ zu entfernen. Man sieht die damals 13-Jährige in der
       Rolle der Mignon nur in Unterhose. Der 30-jährige Hauptdarsteller Rüdiger
       Vogler legt sich, ebenfalls Unterhose tragend, auf sie. Er ohrfeigt sie
       erst, streichelt sie dann.
       
       Entfernt hat Wenders die Szene nicht, den Film jedoch inzwischen
       zurückgezogen. Er ließ über seine Stiftung bekanntgeben, dass er ihn erst
       wieder veröffentliche, wenn er gemeinsam mit Kinski zu einer
       einvernehmlichen Lösung gekommen sei, wie der Film erscheinen solle.
       
       Beim Deutschen Filmpreis, wo Wenders den Preis für sein Lebenswerk bekam,
       fragte er: „Darf man? Kann man? Soll man vielleicht eine Szene schneiden,
       wenn es einer Schauspielerin, die ich sehr verehrt habe und verehre,
       wehtut?“ Es ist der Versuch, aus der simplen Frage, ob man eine unter
       fragwürdigen Umständen entstandene kinderpornografische Szene zeigen
       sollte, eine komplexe zu machen.
       
       Es gibt Stimmen, die, wie Wenders, darin einen Präzedenzfall sehen. Wenn
       man diesen Film schneidet, dann könnten wir bald in einer Welt leben, in
       der Filme, die moralisch fragwürdige Inhalte zeigen, beschnitten, zensiert,
       gelöscht werden. Jeder Film, so beschwören es jene, die diese Position
       vertreten, müsse dann an die heute geltenden Maßstäbe politischer
       Korrektheit angepasst werden. Und das wäre nicht nur kompliziert, das wäre
       fatal.
       
       In diesem Fall ist das nicht so. [2][In „Falsche Bewegung“ geht es nicht]
       um politische Korrektheit, sondern um den Schutz von Minderjährigen.
       
       Kinski war nicht darauf vorbereitet, sich auszuziehen, musste die Szene
       mehrfach abbrechen, fühlte sich unwohl und wurde von niemandem geschützt.
       „Taxi Driver“ nennt sie selbst als Beispiel dafür, wie man die Geschichte
       einer minderjährigen Person erzählt, die von älteren Männern sexualisiert
       wird, ohne dabei den unverzeihlichen Fehler zu begehen, den die Männer in
       diesen Geschichten machen.
       
       ## Passivität und Machtlosigkeit
       
       Das Kind nämlich tatsächlich zum Opfer sexualisierter Gewalt werden zu
       lassen, und das auch noch filmisch zu verbreiten.
       
       Er würde das heute nicht mehr so drehen, 1975, das war eine andere Zeit,
       betonte Wenders in seiner Rede. Das stimmt. [3][Zwei Jahre später
       unterschrieben französische Intellektuelle] wie Simone de Beauvoir, Gilles
       Deleuze, Jean-Paul Sartre oder Roland Barthes einen offenen Brief zur
       Entkriminalisierung pädophiler Handlungen. Ja, es war eine andere Zeit, und
       trotzdem: Dieser Brief war falsch. Und falsch war und ist es immer noch,
       Kinder sexualisiert darzustellen.
       
       Darf man also? Kann man? Sicher. Bloß wollte Wenders bisher offenkundig
       nicht. Noch 2016 sagte er in einem Brief an Kinski, dass er nicht wisse,
       was „unter einer Lösung des Problems (das es gar nicht gibt)“ zu verstehen
       sei. Deshalb muss aus einer ziemlich simplen Frage auch eine komplexe
       werden, die Revision der gesamten Filmgeschichte bedeuten könnte.
       
       Wenders hätte als Autorenfilmer, der die Macht über seine Werke hat,
       genauso gut sagen können: „Das ist mein Film, ich entscheide über ihn, hier
       hat niemand (außer etwa Kinski) mitzureden – und deswegen lösche ich die
       Szene.“ Die Frage nach außen zu kehren, das ist es doch erst, was den
       Anschein erwecken lässt, als könnte bald jeder Film zur Zensur offenstehen,
       wenn nur genug Menschen davon getriggert sind.
       
       Die Passivität, mit der er den Sachverhalt beim Filmpreis schildert,
       bezeugt diese inszenierte Machtlosigkeit. Er sagt: „Es gibt in dem Film
       eine Szene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski, die mit bloßem Oberkörper
       gefilmt wurde.“ – Nein, Sie, Wim Wenders, haben eine Nacktszene mit der
       13-jährigen Nastassja Kinski in den Film geschrieben, die es in der
       Buchvorlage nicht so gab, und die Szene aufgenommen.
       
       „Es gibt ein Aufbegehren, dass man eine Szene schneiden möge“, sagt er.
       Nein, die von ihnen „verehrte“ Nastassja Kinski, bittet Sie, Wim Wenders,
       die Szene zu löschen. Eine Szene in einem Film, über den Sie entscheiden
       können.
       
       Wenn der Fall „Falsche Bewegung“ bedeutet, dass Szenen, in denen schutzlose
       Kinder sexualisiert dargestellt werden, aus Filmen entfernt werden, dann
       sollen die Tore dafür weit offenstehen. Das ist nämlich keine Kunst, kein
       ästhetisches Gut und auch kein Mahnmal.
       
       Das sind Ausdrücke patriarchaler Perversion, die keine Denkmäler verdienen.
       Wir werden nicht verlernen, dass Pädophilie falsch ist oder dass Frauen
       Männern am Set ausgeliefert sind und waren, weil wir die 13-jährige Kinski
       nicht mehr nackt betrachten können.
       
       5 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.sueddeutsche.de/kultur/film-aus-1975-kinski-reagiert-auf-debatte-um-nacktszene-in-wenders-film-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260605-930-177036
 (DIR) [2] /Nacktszene-mit-minderjaehriger-Kinski/!6184282
 (DIR) [3] /Paedophilie-in-Frankreich/!5742700
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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