# taz.de -- Neue Online-Arbeitsteilung: Echtheitsfilter Mensch
       
       > Das Playback, früher Eingeständnis fehlender Echtheit, könnte zur
       > wichtigen Kulturtechnik werden. Die KI produziert Content, und wir
       > liefern die Glaubwürdigkeit.
       
 (IMG) Bild: Rührend, peinlich, komisch, schön oder irgendwie wahr erscheinen: Der Mensch verleiht dem Maschinen-Output die Unberechenbarkeit
       
       Der zurückliegende Monat stand Feed-technisch eindeutig im Zeichen [1][des
       gestrandeten Wals], der je nach – ja was eigentlich? Gesinnung? Milieu?
       Plattform? – entweder „Timmy“ oder „Hope“ oder „Timmy Hope“ genannt wurde.
       Etwas vom eigenen Feed preiszugeben, heißt immer auch etwas von sich selbst
       preiszugeben, und ich gebe gerne und nicht ohne ein Fünkchen Stolz zu, dass
       ich relativ spät und erst über die traditionellen Medien mitbekommen habe,
       welche Wellen das Tier im Netz bereits geschlagen hatte.
       
       Einmal angeschaut, hat sich mir dem Algorithmus sei Dank eine ganz neue
       Content-Welt eröffnet, allen voran KI-generierte Schlagermusikvideo-artige
       TikToks, die wiederum vielfach süffisant in Reaction Videos und Feuilletons
       [2][kommentiert] wurden. Vieles daran ist interessant und über noch mehr
       wurde bereits geschrieben. Aber ein Aspekt hat mein besonderes Interesse
       geweckt, und er geht weit über den spezifischen Wal-Content hinaus. Es geht
       um das in vielen Videos praktizierte Playback.
       
       ## Text und Video in gerade mal fünf Minuten
       
       Um mir nicht nur vorstellen zu müssen, wie ein solches Video entsteht, habe
       ich mich selbst daran versucht. Was soll ich sagen? In insgesamt fünf
       Minuten war nicht nur der Songtext mit [3][Chat GPT] erstellt, sondern auch
       die dazugehörige Schlagervertonung mit Suno. Man braucht nicht einmal einen
       geraden Satz, äh, Prompt zu formulieren. Dann muss der Song eigentlich nur
       noch per Playback performt werden – Filter aka Maske aufs Gesicht, Kamera
       an und den Emotionen freien Lauf lassen: „Er hat sich das nicht
       ausgesucht!“
       
       Eine bemerkenswerte neue Arbeitsteilung zeichnet sich hier ab. [4][Die KI
       produziert Text, Stimme, Melodie und Gefühlsanlass]. Wir Menschen liefern
       Gesicht, Körper, Tränen und Glaubwürdigkeit. Wir gestalten das Video nicht
       unbedingt inhaltlich oder formal, sondern zertifizieren es. Das gute alte
       Playback, früher ein Eingeständnis mangelnden Könnens und Ausdruck
       fehlender Echtheit, könnte sich zu einer wichtigen Kulturtechnik der
       kommenden Netzjahre entwickeln. Nicht nur, wenn es um Musik geht.
       
       Dabei wird es nicht mehr darum gehen, etwas selbst zu schreiben, zu singen,
       sich auszudenken, sondern es herstellen zu lassen und dann zu verkörpern.
       Bestenfalls kann die neue Arbeitsteilung zu interessanten Formen von
       Kollaboration führen. Schlimmstenfalls entsteht eine austauschbare Vorlage
       mit einem Namen drauf.
       
       In jedem Fall wird der Mensch aber zum Echtheitsfilter der Maschine,
       verleiht ihrem Output jene Unberechenbarkeit, die es braucht, um im Feed
       nicht nur als maschinell-generisch, sondern als rührend, peinlich, komisch,
       schön oder irgendwie wahr zu erscheinen. Wobei das durchaus herausfordernd
       sein kann, die Gefühle, die die KI zum Beispiel in den Schlagertext gelegt
       hat, so auszudrücken, als wären es die eigenen. Selbst dann, wenn man sie
       gar nicht ähnlich intensiv empfindet.
       
       Interessant wird es dort, wo nicht mehr nur ein Song, sondern Alltag
       performt wird. Neulich sah ich das Video einer [5][Tradwife], die sich von
       der KI ihren Monat planen ließ. Was wird wann gekocht, eingekauft, geputzt?
       Die KI textet hier das Drehbuch eines gut organisierten Familienlebens, die
       Influencerin verkörpert und verifiziert es.
       
       ## Delegieren in die falsche Richtung
       
       Verstehen Sie mich nicht falsch: [6][Es ist absolut verständlich, dass man
       KI konsultiert]. Sie verspricht Arbeitserleichterung, lässt einen sich
       professionell fühlen, als jemand, der Aufgaben abgibt. Allerdings in die
       falsche Richtung. Normalerweise delegiert man nach unten, an jemanden,
       [7][der ausführt, was man selbst entschieden hat]. Hier aber wird nach oben
       delegiert, an eine Instanz, die das Denken übernimmt, während ich ausführe.
       
       Die Geste des Delegierens, sonst ein Zeichen von Status, tarnt also das
       Gegenteil. Wer ist da eigentlich Herr und wer Knecht? Assistiert die KI
       mir, oder ich ihr? Im neuen Gefühl, ein High Performer zu sein, steckt
       jedenfalls ziemlich viel Potential zur Selbstaufgabe.
       
       14 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Meeressaeuger/!t5222994
 (DIR) [2] https://www.watson.de/leben/analyse/810490522-tiktok-trend-ki-generierte-schlagerlieder-sind-voller-sexismus
 (DIR) [3] /ChatGPT/!t6046295
 (DIR) [4] /Empoerung-ueber-KI-generierte-Popmusik-Die-Schlacht-ist-nicht-mehr-zu-gewinnen/!6142281
 (DIR) [5] /Roman-Heimat-von-Hannah-Luehmann/!6107466
 (DIR) [6] /KI-und-Journalismus/!6173754
 (DIR) [7] /Bot-Treffpunkt-Moltbook/!6154428
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annekathrin Kohout
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Social Media
 (DIR) Kolumne Feed Interrupted
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Wale
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Lesestück Interview
 (DIR) Musik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Rap-Duo aus Vorpommern: „Also es gibt wirklich keine gute rechte Musik“
       
       Hilft linker Rap gegen rechte Jugendkultur? Und müssen junge Männer
       wirklich hart sein? Ein Gespräch mit der Hinterlandgang.
       
 (DIR) Neues Album von Lola Young: Bis das Bett zerbricht
       
       Die junge britische Popsängerin Lola Young kämpft auch auf ihrem neuen
       Album „I'm only f**cking myself“ mit ihren Dämonen. Die Fans mögen sie
       genau deshalb.
       
 (DIR) Affe Punch erobert Social Media: Je suis Monkey
       
       Das Internet solidarisiert sich mit Makakenbaby Punch. Das Kindchenschema
       kickt und Affenkuscheltiere boomen. Aber die Baby-Haltbarkeit ist begrenzt.