# taz.de -- AfD im Visier?: Und wir denken an Walter Lübcke
> Die AfD instrumentalisiert Kriminalstatistiken, um sich als Hauptopfer
> politisch motivierter Gewalt zu inszenieren. Doch die Rolle steht ihr
> nicht zu.
(IMG) Bild: Das Haus von Walter Lübcke, auf dessen Terrasse der Kassler Regierungspräsident am 1. Juni 2019 ermordet wurde
Was die Zuschauer*innen zur deutschesten aller Sendezeiten – in den
20-Uhr-Nachrichten der „Tagesschau“ – letzten Dienstag präsentiert bekamen,
klang heftig: Die Nachricht war grafisch mit einem Balkendiagramm
aufbereitet, Überschrift: „Angriffe auf Parteimitglieder“. Und die meisten
davon gab es 2025 auf die AfD, nämlich 1.852, mit deutlichem Abstand
gefolgt von CDU (1.171), Grünen (1.005), SPD (804) und Linker (273).
Tatsächlich ist die Zahl der Delikte gegen Parteien und Politiker im
Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent gestiegen. Die Daten stammen aus der
Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion. Die Deutsche
Presse-Agentur hatte exklusiv über die Zahlen berichtet. Vor allem aber die
[1][verkürzende „Tagesschau“-Meldung] wirkte, als hätte es fast 2.000
Gewalttaten allein gegen AfD-Mitglieder gegeben – also 150 pro Monat und
fünf pro Tag?
Mitnichten. Was man auf dem eingeblendeten Balkendiagramm und bei
verkürzten Überschriften zur Meldung auf den ersten Blick nicht erkennt:
Die Daten sind mit Vorsicht zu genießen, darunter befinden sich keineswegs
nur gewaltsame Angriffe, sondern überwiegend „Äußerungsdelikte“ wie
Beleidigungen, Bedrohungen, Verleumdungen, Nötigungen und
Sachbeschädigungen an Parteibüros.
Gewaltdelikte sind nicht zu relativieren, auch sie sind angestiegen,
allerdings auf einem viel niedrigeren Niveau. Auch hier ist laut Statistik
am häufigsten die AfD betroffen: 121-mal, gefolgt von der Linken (16), den
Grünen (13), CDU (12), SPD (12) und FDP (9).
Der erneute besorgniserregende Anstieg erklärt sich auch damit, dass das
Jahr 2025 keineswegs der Normalzustand war – angesichts des
Bundestagswahlkampfs inklusive Großdemos für die Brandmauer zur AfD,
nachdem der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz [2][mit den Rechtsextremen
im Bundestag gemeinsam abgestimmt hatte.]
## Aggressive Kommunikation
Hinzu kommt: Wie bei allen Polizeistatistiken handelt es sich um eine
sogenannte Eingangsstatistik, das heißt, jedes angezeigte Delikt wird
abgebildet. Ob es tatsächlich stattgefunden hat, aufgeklärt wurde oder es
gar zu einer Verurteilung gekommen ist? Unklar.
Das heißt auch: Wer mehr anzeigt, führt am Ende die Statistik an. Und hier
sollte man vor allem mit Blick auf die AfD noch vorsichtiger werden – denn
die Opfererzählung gehört zur Lebenslüge extrem rechter Parteien weltweit.
Der mächtigste Mann der Welt, Donald Trump, betont selbst als US-Präsident
noch, dass er ein Opfer einer Hexenjagd seiner übermächtigen Feinde sei,
und verklagt trotz persönlicher Milliardengewinne in seinem ersten
Präsidentschaftsjahr die Steuerbehörde, um einen [3][Opferfonds für die
Kapitolstürmer von 2021 zu erwirken].
Die eigene aggressive Kommunikation und rassistische Diskriminierungen
lassen radikal rechte bis protofaschistische Formierungen dabei gerne unter
der Tisch fallen. Dabei führt gerade Hetze gegen Minderheiten hierzulande
zu rechter Gewalt, die [4][um ein Vielfaches höher und tödlicher ist als
linke Gewalt]. Der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke ging
wochenlange Hetze aus der AfD-Bubble voraus. Ein AfD-Wahlhelfer schritt
schließlich zur Tat. Man nennt das stochastischen Terrorismus.
Täter-Opfer-Umkehr hat bei der AfD System: Während sie ihre eigene Hetze
gegen politische Gegner bagatellisiert und Robert Habeck sich nicht so
anstellen sollte, erstattete Alice Weidel in Hunderten Fällen Strafanzeige
wegen Beleidigung, [5][hat das Anzeigen sogar an Mitarbeiter delegiert].
## Klare Schwalbe!
Zum Gesamtbild von Angriffen auf AfD-Politiker gehören daher unbedingt auch
gleich mehrere Einzelfälle allein aus den letzten paar Monaten: Erst im
März brannte das Auto eines bayerischen AfD-Mitglieds. Die Partei
[6][sprach sofort von einem „feigen Anschlag“].
Bei Polizeiermittlungen kam heraus: Der AfD-Mann hatte sein Auto selbst
angezündet und dann „Linke“ beschuldigt. Er hatte sogar einen Drohbrief
gegen sich selbst verfasst, wie er schließlich [7][der Polizei gegenüber
einräumte]. Sein Landeschef Stephan Protschka erklärte das umgehend zu
einem „Einzelfall“.
Derselbe Protschka hatte über Gegenproteste gegen den AfD-Parteitag in
Gießen dreist gelogen, dass Linksradikale ein Polizeipferd getötet hätten.
Dabei war die Reiterin nebst Tier ohne Fremdeinwirkung die Böschung
heruntergefallen, wie die Polizei klarstellte. Und apropos Gießen: Über die
Gegenproteste verbreitete sich die Meldung, dass der AfD-Abgeordnete Julian
Schmidt zusammengeschlagen worden sei.
Zur Wahrheit gehört: Der AfDler hatte selbst ausgeteilt, die Aggression
soll sogar von seiner Gruppe ausgegangen sein, wie fünf Zeug*innen der taz
berichteten – die selbst wiederum [8][keine Anzeigen bei der Polizei]
stellten. Der Videobeweis zeigt bei der AfD am Ende häufig: [9][klare
Schwalbe].
Das Muster zieht sich durch: ob nun Parteigründer Bernd Lucke einen
Schubser [10][zum Messerangriff hochstilisiert], Alice Weidel auf Mallorca
chillt, anstatt sich im [11][Safe House zu verstecken], oder Tino Chrupalla
über einen [12][angeblichen Giftanschlag spekuliert]. Und auch deswegen
hält man es mit den Opfererzählungen der AfD am besten so wie mit den
Lottozahlen nach der „Tagesschau“: Die Angaben sind ohne Gewähr.
22 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.volksverpetzer.de/faktencheck/statistik-tagesschau-afd-angriffe/
(DIR) [2] /Merz-Tabubruch-im-Bundestag/!6066154
(DIR) [3] /Trump-will-Entschaedigungsfonds-fuer-angebliche-Opfer-der-Biden-Justiz-auflegen/!6180220
(DIR) [4] /Bilanz-rechtsextremer-Straftaten/!6174993
(DIR) [5] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_100734052/alice-weidel-afd-chefin-stellt-strafantraege-wegen-beleidigung-.html
(DIR) [6] https://www.volksverpetzer.de/aktuelles/afd-auto-angezuendet-fake/
(DIR) [7] https://www.polizei.bayern.de/aktuelles/pressemitteilungen/100151/index.html
(DIR) [8] /Pruegelei-beim-AfD-Treffen-in-Giessen/!6139896
(DIR) [9] /Kommunalwahl-in-Bayern/!6159860
(DIR) [10] /AfD-Propaganda-vor-Gericht-entlarvt/!5488925
(DIR) [11] /Nach-den-Wahlen-in-Bayern-und-Hessen/!5964429
(DIR) [12] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/chrupalla-beschwerde-zurueckgewiesen-100.html
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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