# taz.de -- Angriff auf grüne Wahlhelfer:innen: Schläge fürs „Vaterland“
> Wegen lebensgefährlicher Körperverletzung steht ein polizeibekannter
> Hooligan vor dem Amtsgericht Delmenhorst. Er gibt sich unpolitisch.
(IMG) Bild: Können ungeahnte Aggressionen auslösen: Plakate der Grünen zur Bundestagswahl, hier in Osnabrück
Politik interessiere ihn nicht, sagt Felix S. und vielleicht stimmt das
sogar. Aber er benutzt sie offenbar, um seine Aggressionen auszuleben.
Deshalb muss er sich seit Dienstag vor dem Amtsgericht Delmenhorst
verantworten.
Angeklagt ist der 35-Jährige wegen lebensgefährlicher Körperverletzung,
Sachbeschädigung, Beleidigung und des Verwendens von Kennzeichen
verfassungswidriger Organisationen. Der Anlass: Drei ihm unbekannte
Personen, zwei Frauen und ein Mann, wollten vor der Bundestagswahl 2025 ein
Plakat der Grünen in der Nachbargemeinde [1][Ganderkesee] aufhängen.
Am 19. Januar 2025 um die Mittagszeit, so trägt es die Staatsanwältin vor,
soll er erst das Plakat zerstört haben, das die Wahlhelfer:innen an
einem Laternenpfahl anbringen wollten. Anschließend soll er unter Rufen von
„Ihr Scheiß Grünen, verpisst euch von hier“ und „Deutschland, den
Deutschen“ den Hitlergruß gezeigt, den Zeugen K. erst an der Lippe verletzt
und ihm kurz darauf auf den Kopf geschlagen haben, als dieser sich in ein
Auto geflüchtet hatte. Seine zwei Mitstreiterinnen soll er als „alte
Fotzen“ bezeichnet haben.
Der 41-Jährige K., der als Nebenkläger im Prozess auftritt, schildert, wie
er einen knappen Monat später am Schädel notoperiert werden musste.
Unbemerkt hatte sich ein Bluterguss gebildet, der Druck auf das Gehirn
ausübte – eine lebensgefährliche Situation, wie die Staatsanwältin aus dem
ärztlichen Gutachten zitiert. „Ich hatte so starke Kopfschmerzen, dass ich
mich immer wieder übergeben habe und gar nichts mehr machen konnte.“ Der
Hausarzt wies ihn direkt in die Klinik ein.
## Das Opfer leidet unter Kopfschmerzen und Ängsten
Ein halbes Jahr war der Verwaltungsangestellte nach dem Angriff
krankgeschrieben. Kopfschmerzen habe er seitdem immer mal wieder, zudem
Symptome einer Angststörung. Plakate werde er so schnell keine mehr
aufhängen, sagt er.
Der mutmaßliche Täter, Felix S., ein Elektriker, sagt, er erinnere sich
kaum an die Tat. „Es ist zu Beleidigungen und Handgreiflichkeiten
gekommen“, und dass er wohl mit dem Plakat „nicht einverstanden“ gewesen
sei, aber Details fielen ihm wenige ein. Er wisse, dass er K. mit der Faust
geschlagen habe, als der im Auto saß, in Schutzhaltung, wie dieser
berichtet hatte. Felix S., durchtrainiert, Glatze, sagt noch, er könne sich
die Tat nicht erklären: „Ich bin eigentlich ein freundlicher Mensch.“
Dagegen spricht ein Bericht der Nordwest-Zeitung, die mit
Anwohner:innen in Ganderkesee gesprochen hat. Die bescheinigen Felix S.
eine latente Gewaltbereitschaft. Eine der beiden als Zeugen geladenen
Polizist:innen sagt aus, der Angeklagte sei ihr aus vorherigen
Einsätzen bekannt gewesen und erwähnt einen Vorfall auf dem Schützenfest in
Bookholzberg.
Dort soll er [2][laut Polizei] gemeinsam mit weiteren Männern drei
Jugendliche verfolgt und angegriffen haben, nachdem diese dem
Sicherheitsdienst berichtet hatten, Felix S. habe den Hitlergruß gezeigt
und nationalsozialistische Parolen gebrüllt. Das Ermittlungsverfahren
stellte die Staatsanwaltschaft im März 2025 nach Paragraf 154 der
Strafprozessordnung ein, weil die Verurteilung wegen des Angriffs auf die
Wahlhelfer zwei Monate zuvor absehbar ein höheres Strafmaß nach sich ziehen
würde.
Der Rechtsanwalt von Felix K., Bernd Idselis, bestätigt vor Gericht
indirekt, dass dieser zur gewaltbereiten und rechtsextremistischen
[3][Hooligan]-Szene gehört. Aus dieser wolle er aussteigen, teilt der
Anwalt mit und legt eine Bescheinigung des niedersächsischen
Innenministeriums vor. Demzufolge nimmt Felix S. seit Juli vergangenen
Jahres am Aussteigerprogramm des Landes Niedersachsens für Rechtsextreme
teil.
## Mitglied der Hooligan-Gruppe „Block H“
Allerdings beantwortet er keine Fragen des Nebenklage-Anwalts Jan Sürig zur
Teilnahme an dem Programm, etwa danach, ob er sich einschlägige
Tätowierungen habe entfernen lassen, die ihn als Mitglied einer bestimmten
Hooligan-Gruppe, dem „Block H“, ausweisen. Diese soll sich laut Sürig auf
dem Arm befinden.
Vor Gericht behält Felix S. trotz der Wärme seinen langärmligen Pullover
an. Während der Befragung hat er seine Hände vor sich auf dem Tisch
gefaltet, sein Oberkörper wippt immer wieder ruckhaft beim Einatmen nach
hinten, auch sein Blick wirkt unruhig. Er ist schwer zu verstehen, redet
schnell und undeutlich.
Bei der Frage des Strafmaßes wird auch eine Rolle spielen, inwiefern seine
Schuldfähigkeit aufgrund von Alkoholisierung herabgesetzt war. Er sei nach
einem Frühschoppen auf dem Weg zu seiner damaligen Freundin gewesen, habe
dort Korn und Bier getrunken, sagt er. Gemessen wurden 2,4 Promille im Atem
– bei vielen Menschen ohne regelmäßigen Alkoholkonsum setzen in diesem
Stadium Lähmungserscheinungen und Bewusstseinstrübungen ein.
Felix S. hingegen wirkte auf die Zeugen lediglich angetrunken. Und er war
in der Lage, einen gezielten Schlag auf den Kopf zu platzieren. Das zeigt
eine Videoaufnahme, die eine Anwohnerin von ihrem Balkon aus aufgenommen
hatte. Sie war durch Hilfeschreie auf das Geschehen vor ihrem Haus – einem
Parkplatz vor einer Bäckerei – aufmerksam geworden. Felix S. habe gerufen:
„Ihr zerstört mein Vaterland.“
Abgelassen hatte er von K., nachdem ihn eine der beiden anderen
Wahlhelferinnen mit einem Schrubber auf den Rücken geschlagen hatte. Den
hätten sie für das Anbringen der Plakate benutzt, erzählt die zierliche
68-Jährige im Zeugenstand. Als die Polizei eintraf, bedrohte er den Zeugen
zufolge K.: „Wenn du das anzeigst, passiert dir was!“
Der Prozess soll am 18. Juni fortgesetzt werden.
4 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ausflug-zum-Nazi-Erbe/!5946458
(DIR) [2] https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/68438/5818183
(DIR) [3] /Werder-Bremen-gegen-Rechts/!5930561
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
## TAGS
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Nazi
(DIR) Wahlkampf
(DIR) Delmenhorst
(DIR) Hooligans
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Kolumne Der rechte Rand
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Anschläge auf Parteibüros in Flensburg: Brandstifter von rechts außen
Nach Brandanschlägen auf Parteibüros in Flensburg nimmt die Polizei einen
Verdächtigen fest. Er soll erst kürzlich der AfD beigetreten sein.
(DIR) AfD im Visier?: Und wir denken an Walter Lübcke
Die AfD instrumentalisiert Kriminalstatistiken, um sich als Hauptopfer
politisch motivierter Gewalt zu inszenieren. Doch die Rolle steht ihr nicht
zu.
(DIR) Ausflug zum Nazi-Erbe: Mit Kind und Kegel zur Kultstätte
Rechtsextreme festigen ihren Zusammenhalt mit gemeinsamen Wanderungen.
Jüngstes Ziel war eine Thingstätte der Nazis.