# taz.de -- Public Viewing bei der Weltmeisterschaft: Rudelgucken ist passé
       
       > In Berlin wird es wie in vielen anderen deutschen Städten diesmal keine
       > Fanmeile geben. Das macht es einfacher, die Fußball-WM links liegen zu
       > lassen.
       
 (IMG) Bild: So voll war das auf der Berliner Fanmeile bei der EM 2024 beim Spiel Deutschland–Spanien im Viertelfinale
       
       Deutschlands Sommermärchen vor zwanzig Jahren beflügelte sogar den einen
       oder anderen in der taz. „Gelegentlich fühlte sich die Fußball-WM wie eine
       ziemlich gelungene Fortführung der Love Parade an“, [1][wunderte sich ein
       Kolumnist über sich selbst] – und stand damit nicht allein.
       
       Im Sommermärchen 2006 feierten die Fans auf der Berliner Fanmeile nicht nur
       ihre Mannschaften in den jeweiligen Farben. Deutschland feierte während der
       Heim-WM auch sich selbst. Als ein Land, das viele wegen seiner Lebensfreude
       kaum wiedererkannten.
       
       Zur Fußball WM der Männer in den USA, Kanada und Mexiko vom 11. Juni bis
       zum 19. Juli fällt das Märchen aus. Die Berliner Fanmeile, die 2006 das
       Bild vom freundlichen Deutschland in die Welt sandte, wird nicht
       stattfinden.
       
       Das gab der Berliner Senat am Montag auf eine sehr berlinische Art und
       Weise bekannt. „Korrektur“ war die [2][Meldung auf berlin.de]
       überschrieben. Wochenlang war auf der offiziellen Berlin-Seite eine
       Fanmeile angekündigt gewesen. Doch die hatte – typisch Berlin – nie einer
       angemeldet.
       
       ## Zu späte Anstoßzeiten
       
       Das musste der Senat nun kleinlaut einräumen. Das private Eventunternehmen
       KIT Group, das auch die Fanmeile beim Sommermärchen 2006 veranstaltete, hat
       gekniffen. Zu späte Anstoßzeiten in den USA, Mexiko und Kanada, zu viel
       unternehmerisches Risiko. Ähnlich sieht es in Hamburg, Köln, Dortmund und
       München aus. Ausnahmen von der Regel machen lediglich [3][kleinere Städte
       wie Recklinghausen und Hückelhoven im Rheinland].
       
       Fast möchte man sich bei dieser Nachricht die Hände reiben. Denn zwanzig
       Jahre vergehen nicht eben so. 2006 gab es weder die AfD noch Donald Trump
       im Weißen Haus, Gianni Infantino, der Mafiaboss des internationalen
       Fußballs, war beim Weltfußballverband Fifa noch ein kleines Licht und
       Putins Russland hatte „nur“ in Tschetschenien Krieg geführt, was die
       Stimmung hierzulande nicht sonderlich trübte. Dass dabei, wie die WM nach
       Deutschland kam, nicht alles mit rechten Dingen zuging, kam erst später
       heraus.
       
       Zwanzig Jahre später ist die Welt eine andere und das wird auch auf die
       Stimmung drücken. Nicht nur in Deutschland fallen die Fanmeilen aus,
       sondern auch in anderen europäischen Ländern. Viele Fans schrecken davor
       zurück, in die USA zu reisen. Und wer weiß, welche Bilder von Razzien der
       Einwanderungsbehörde ICE es während der Spiele geben wird.
       
       So wenig Vorfreude auf eine WM war selten und die Absage der großen
       deutschen Fanmeilen könnte das noch verstärken. Das größte kommerzielle
       Sportspektakel der Welt wird (wenn auch aus kommerziellen Erwägungen) in
       den privaten und halbprivaten Raum des heimischen Fernsehers und des
       Biergartens verbannt.
       
       ## Keine Bühne für Mafiaspiele
       
       Möglichst wenig sichtbar sein, zumindest in Europa: Das ist, was die WM von
       US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino verdient. Den
       Mafiaspielen wird auf den großen Plätzen hierzulande keine Bühne gegeben.
       
       Das alles ist natürlich keine Garantie, dass nicht doch hier und da ein
       paar Märchen aufgeführt werden. In Berlin ist Public Viewing für alle
       Spiele erlaubt, die bis 22 Uhr angepfiffen werden. Beim ersten Spiel der
       deutschen Mannschaft dürften die Biergärten voll sein. Nach einem
       frühzeitigen Aus dürfte sich das schnell ändern.
       
       Vielleicht ist die Absage der Fanmeile auch ein kleiner Liebesdienst für
       Berlin. Was könnte da nicht alles schiefgehen? Stromausfall. Bahnausfall.
       Schlechte Verliererlaune. Sommeralbtraum.
       
       Die Chancen stehen also gut, dass der Sommer 2026 als erster WM-Sommer in
       die Geschichte eingeht, den selbst Fußballfans lieber am See als beim
       Rudelgucken verbringen.
       
       25 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gefuehlte-Zeichen-der-Nation/!407199
 (DIR) [2] https://www.berlin.de/kultur-und-tickets/tipps/public-viewing-berlin/2606075-2605827-berliner-fanmeile-zur-fussball-wm-2026.html
 (DIR) [3] https://www.stern.de/panorama/anstoss-in-der-nacht--gibt-es-public-viewing-bei-der-wm--37412238.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
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