# taz.de -- KI und CO₂-Steuer: Mit künstlicher Intelligenz in eine nachhaltige Wirtschaft
       
       > KI verdrängt Arbeit und beschleunigt den Ressourcenverbrauch. Eine
       > Energiesteuer könnte Renten sichern und die klimafreundliche Ökonomie
       > vorantreiben.
       
 (IMG) Bild: Je erfolgreicher Arbeitskräfte durch Software und Robotik ersetzt werden, desto stärker gerät das Sozialsystem unter Druck
       
       Die Debatte über künstliche Intelligenz wird geführt, als würde die
       Entwicklung allein durch die Technologie festgelegt werden. Selten wird
       gefragt, welche Möglichkeiten wir haben, um diese Entwicklung sinnvoll zu
       steuern. Denn die KI-Revolution trifft auf eine Gesellschaft, die bereits
       jetzt die planetaren Grenzen überschritten hat. Eine Gesellschaft, deren
       Sozialsystem über den Faktor Arbeit finanziert wird, was ihn aus
       ökonomischer Sicht überflüssig und zum Ballast gemacht hat, und der
       deswegen wegrationalisiert wird.
       
       Je erfolgreicher Arbeitskräfte durch Software und Robotik ersetzt werden,
       desto stärker gerät das Sozialsystem unter Druck. Die [1][demografische
       Krise] verschärft dies: Immer weniger Erwerbstätige sollen für immer mehr
       Rentnerinnen und Rentner aufkommen. Zwei Drittel aller Steuern und Abgaben
       in Deutschland werden vom Faktor Arbeit getragen. Der Faktor Energie trägt
       weniger als fünf Prozent zum Steueraufkommen bei.
       
       Gleichzeitig fehlt ein Instrument zur Reduzierung des [2][viel zu hohen
       Ressourcenverbrauchs]. Das war schon früher ein Konstruktionsfehler. Im
       Zeitalter der KI-Revolution rückt die Frage nach einer Alternative zu
       diesem Finanzmodell endlich ins Zentrum der Diskussion. Die bisherigen
       Antworten blenden wesentliche Fragen aus. Mehr [3][Kapitaldeckung] bindet
       die Alterssicherung noch stärker an ein System, das auf weiteres Wachstum
       setzt.
       
       Ökologische und soziale Kriterien sind meist sekundär. Arbeitnehmer geraten
       so in eine absurde Lage. Beispiel USA: Eine Senkung der
       Unternehmenssteuern, die vornehmlich den Reichen zugutekam, wurde auch von
       Geringverdienern begrüßt, da deren Altersvorsorge essenziell vom
       Aktienmarkt abhängt.
       
       ## Verlagerung der Abgabenlast
       
       Das [4][bedingungslose Grundeinkommen] (BGE) scheint eine Lösung zu sein:
       Wenn Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen, könnte ein Grundeinkommen für
       alle eingeführt werden, das aus Steuern auf steigende Produktivitätsgewinne
       finanziert wird. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ein tragfähiges BGE
       bräuchte eine hohe und dauerhaft verlässliche Steuerbasis. Unternehmen
       könnten in Länder mit weniger Steuerlasten ausweichen. Vermutlich würden
       wir dann bei einem geringen Mindesteinkommen landen.
       
       Und die Frage der planetaren Grenzen würde weiterhin ungelöst im Raum
       stehen. Das Modell der dark factories, Produktionsstätten, in denen die
       Fertigung so weit automatisiert ist, dass sie ohne Licht, Heizung oder
       Klimaanlagen betrieben werden können, macht es möglich: hochautomatisierte
       Fabriken, die rund um die Uhr mit minimalem Personaleinsatz arbeiten und
       sich bevorzugt dort ansiedeln, wo Energie billig, stabil und in großen
       Mengen verfügbar ist. Dark factories weisen auf den blinden Fleck des
       grünen Wachstums.
       
       Auch wenn sie mit erneuerbarem Strom laufen, heben sie die planetaren
       Grenzen nicht auf. Sie mögen zwar den Bedarf an Beleuchtungs- und
       Heizenergie reduzieren. Sie ändern aber nichts an dem für Rechenleistung,
       Robotik, Netze und Speicher notwendigen Ressourcenverbrauch. Ausgeblendet
       wird auch, dass sich die milliardenschweren Investitionen nur bei einer
       Erhöhung des Produktionsausstoßes rechnen. Was wiederum nur Sinn ergibt,
       wenn die Aufnahmefähigkeit des globalen Marktes steigt.
       
       Eine schrittweise Verlagerung der Abgabenlast von der Arbeit auf den
       Energieverbrauch hätte eine doppelte Wirkung. Sie würde erstens die
       Rentenfinanzierung zu einem großen Teil von der menschlichen Erwerbsarbeit
       entkoppeln. Und wir hätten zweitens endlich den dringend gesuchten Hebel
       zur Reduzierung des Ressourcenverbrauchs. Sämtliche Prozesse der
       Ressourcennutzung sind mit einem massiven Verbrauch von Energie verbunden –
       von der Erschließung über die Verarbeitung bis zum Recycling.
       
       ## Langlebigkeit statt Wegwerfartikel
       
       Nicht zufällig werden die Branchen der Grund- oder Rohstoffindustrie als
       „energieintensive Branchen“ bezeichnet. Ressourcenintensive
       Massenproduktion und Wegwerfartikel würden teurer. Langlebigkeit,
       Reparierbarkeit und modulare Bauweise würden betriebswirtschaftlich
       sinnvoll. KI würde damit nicht verhindert, aber in eine andere Richtung
       gelenkt: vom Brandbeschleuniger eines blinden Wirtschaftswachstums zu einem
       hocheffizienten Diener in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft.
       
       Wobei die Einnahmen aus der Energiesteuer an Wirtschaft und Verbraucher
       möglichst vollständig zurückgegeben werden sollten, um wirksame Steuersätze
       politikfähig zu machen. An die Wirtschaft über eine Absenkung von
       Sozialabgaben. An die Verbraucher über ein Energiegeld pro Kopf der
       Bevölkerung. Würden hohe Energiekosten nicht zur Abwanderung führen oder zu
       einer Flut von Billigimporten auf den europäischen Markt?
       
       Wer den Energieverbrauch verteuert, muss unseren Markt gegen Unterbietung
       absichern. Nötig wäre ein Energiezoll analog zum Klimazoll. Ein solcher
       Schutzmechanismus wäre die Voraussetzung dafür, dass ein nachhaltiger Kurs
       politisch durchgehalten werden kann. Eine nachhaltige Wirtschaft würde
       zudem den europäischen Markt stärken. Europa wäre groß genug, als
       Absatzmarkt wie als Rohstofflieferant. Der Kampf um knappe Rohstoffe könnte
       so im Ansatz entschärft werden.
       
       Die zentrale Frage bei der Nutzung von KI lautet: Wir müssen entscheiden,
       wie wir leben wollen und welche Aufgaben die KI dabei übernehmen soll. Geht
       es um eine blinde Beschleunigung oder um eine gezielte Steuerung im Ansatz?
       Eine solche Entwicklung könnte zu einer wirtschafts- und
       sozialverträglichen Entschleunigung führen, den Ressourcenverbrauch senken,
       den Druck auf Lieferketten und Rohstoffkonkurrenz mindern und so
       langfristig auch die Voraussetzungen für eine friedlichere Weltordnung
       verbessern.
       
       Genau hier finden wir übrigens die eigentliche Messlatte für Europa. Die
       zentrale Aufgabe ist die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftsmodells,
       welches von Schwellen- und Entwicklungsländern, die bisher unserem
       wachstumsorientierten Modell folgen, übernommen werden könnte. Es ginge
       dann nicht um eine chaotische Rücknahme der Globalisierung, sondern um ihre
       nachhaltige wie sozial verträgliche Neuordnung.
       
       30 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gerhard Hübener
       
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