# taz.de -- Konferenz gegen Tech-Konzerne: „Muss es wirklich künstliche Intelligenz sein?“
       
       > Julia Kloiber ist Mitgründerin des feministischen Tech-Kollektivs Superrr
       > Lab. Hier spricht sie über Macht, Mythen und Missverständnisse rund um
       > KI.
       
 (IMG) Bild: Bunt und kritisch: das Kollektiv Superrr
       
       taz: Frau Kloiber, Ihr Kollektiv Superrr versucht mit der
       Veranstaltungsreihe in Berliner Bibliotheken mit KI-Mythen aufzuräumen.
       Warum? 
       
       Julia Kloiber: Es braucht grundsätzlich einen breiteren gesellschaftlichen
       Diskurs zu neuen Technologien. Wir sehen in vielen Bereichen, welchen
       Einfluss Technologien wie KI auf die Gesellschaft nehmen können. Wir finden
       es wichtig, Menschen zu ermutigen, sich damit auseinanderzusetzen. Um zum
       Beispiel zu sagen: Wir wollen keine biometrische Massenüberwachung in
       unserer Nachbarschaft. Die schadet uns als Gesellschaft mehr, als sie uns
       bringt.
       
       taz: Warum ausgerechnet so analoge Orte wie Bibliotheken? 
       
       Kloiber: Bibliotheken sind Orte des Wissens und der Begegnung. Sie
       erreichen Menschen jeden Alters, von technikaffin bis unerfahren. Für uns
       war es besonders wichtig, mit einer möglichst vielfältigen Gruppe ins
       Gespräch zu kommen und gemeinsam hinter populäre Erzählungen rund um KI zu
       blicken.
       
       taz: Was ist der größte Mythos um künstliche Intelligenz für Sie? 
       
       Kloiber: Dass KI unvermeidlich ist. Die Erzählung dazu lautet: Wir müssen
       im Wettrennen zwischen USA und China Schritt halten. Und: Wenn wir den
       technologischen Fortschritt hinterfragen, bleiben wir zurück, dann werden
       wir abgehängt.
       
       taz: KI entwickelt sich rasant. Haben wir überhaupt eine Atempause, um da
       gegenzusteuern? 
       
       Kloiber: Die Unternehmen hinter den KI-Tools, hinter Sprachmodellen wie
       ChatGPT, Claude, Gemini schreiben keine schwarzen Zahlen. Deshalb bringen
       sie immer neue Marketing-Narrative heraus, neue Tools, neue Verbesserungen.
       Das führt dazu, dass wir das Gefühl bekommen, alles entwickelt sich rasant
       weiter, und wir kommen nicht mehr hinterher. Dabei ist es gerade jetzt
       wichtig, KI gut zu regulieren.
       
       taz: In Berlin gibt es eine Debatte über den Einsatz von KI-gestützter
       Videoüberwachung an „kriminalitätsbelasteten“ Orten wie dem Görlitzer Park
       und als Objektschutz. Bringen diese Technologien Sicherheit oder ist das
       auch nur ein Mythos? 
       
       Kloiber: Die Studienlage ist extrem dünn, es gibt keine Belege dafür, dass
       der Einsatz solcher Technologien zu mehr Sicherheit führt. Ich finde das
       äußerst bedenklich. Die Argumentation ist am Anfang immer, dass diese
       Systeme nur an bestimmten Orten in abgesteckten Bereichen eingesetzt werden
       sollen. Die Gefahr ist, dass sie dadurch normalisiert werden und der
       Einsatz ausgeweitet wird. Außerdem: Muss es wirklich die überkandidelte KI
       sein, oder gibt es andere Stellschrauben wie Präventions- und Sozialarbeit,
       bevor wir in solch sensible Bereiche vordringen?
       
       taz: Wie demokratisch sind die neuen KI-Technologien? 
       
       Kloiber: Wir beobachten eine Machtkonzentration in den Händen weniger
       Konzerne. Mit demokratischen Prinzipien ist das schwer vereinbar. Die CEOs
       hinter den US-Tech-Konzernen waren bei Trumps Inauguration anwesend. Einige
       von ihnen haben sich nun als Antidemokraten herausgestellt. Zum Beispiel
       Peter Thiel, einer der Gründer des Unternehmens Palantir. Er glaubt nicht,
       dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind und hat großen
       Einfluss auf die Tech-Elite in den USA.
       
       taz: Inwiefern kann das Auswirkungen auf die Repräsentation von bestimmte
       Gruppen und Minderheiten haben? 
       
       Kloiber: Wenn Strukturen hinter der KI demokratie- und
       minderheitenverachtend sind, hat das Auswirkungen auf die KI-Tools. Solange
       Gesellschaften rassistisch, sexistisch, homophob sind, werden Sprachmodelle
       auch mit solchen Daten trainiert. Wichtig ist es zu verstehen, dass man
       diese Probleme nur bedingt auf der technischen Ebene mit Debiasing lösen
       kann, denn es sind strukturelle gesellschaftliche Herausforderungen.
       
       taz: Debiasing? 
       
       Kloiber: Debiasing ist der Versuch, Verzerrungen und Diskriminierungen in
       KI-Modellen gegenzusteuern. KI-Modelle werden zu stark mit Datensätzen aus
       bestimmten Regionen wie den USA trainiert. Dadurch gibt es Lücken und
       Verzerrungen in den Daten. Bei Bildgeneratoren etwa hat man versucht
       gegenzusteuern, dass KI immer nur weiße männliche Ärzteteams erstellt. Das
       ist ein plakatives Beispiel für Debiasing.
       
       taz: Was kann ich als User gegen die gefühlte Unvermeidlichkeit der KI tun? 
       
       Kloiber: Ich bin immer skeptisch, wenn der Fokus zu sehr auf den
       Nutzer:innen liegt. Ich finde es wichtig, sich zu informieren, sich
       politisch einzubringen, gegen bestimmte Dinge zu protestieren und von der
       Politik zu fordern, dass der Einsatz von KI in Hochrisikobereichen streng
       reglementiert wird. Wie zum Beispiel beim Recruiting, wo algorithmische
       Verzerrung zu Diskriminierung führen kann und Entscheidungen oft
       intransparent sind.
       
       8 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sirko Salka
       
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