# taz.de -- Britische Kommunal- und Regionalwahlen: Labour verliert an rechts und an links
       
       > Reform UK und Grüne sind die großen Gewinner der Kommunalwahlen in
       > England. In Wales übernehmen die Nationalisten die Macht.
       
 (IMG) Bild: Labour wurde aus den Regionalparlamenten gefegt. Ein Arbeiter putzt in der Downing Street
       
       Sunderland ist eine typische Labour-Hochburg. Seit dem Zweiten Weltkrieg
       hat die knapp 300.000 Einwohner zählende Industrie- und Hafenstadt im
       Nordosten Englands ausschließlich Labour-Abgeordnete ins Unterhaus gewählt.
       Seit Einrichtung des Stadtrats für Sunderland im Jahr 1974 dominierte
       Labour auch die Kommunalpolitik, zuletzt mit 49 der 75 Sitze im
       Gemeinderat.
       
       Jetzt ist das vorbei. Bei den Neuwahlen am vergangenen Donnerstag eroberten
       die Rechtspopulisten die Stadt. Nach einer kommunal unüblich hohen
       Wahlbeteiligung von 40 Prozent hält Reform UK jetzt 58 von 75 Mandaten.
       „Die Leute sind unglücklich“, [1][erklärte Reform-Anführer Paul Donaghy],
       ein ehemaliger Konservativer. „Wir machen uns keine Illusionen: Unsere
       Aufgabe ist riesig.“
       
       Die Partei von Nigel Farage gewann auch weitere Großstädte in der Region,
       die wie keine andere in England für die Abkehr der Arbeitsklasse von Labour
       steht. Erst stimmten sie 2016 massiv für den Brexit, später massiv für
       Boris Johnsons Konservative. Nun lassen sie sich in ihren Gemeinden von der
       aufstrebenden rechten Kraft regieren.
       
       Das Debakel der in Großbritannien regierenden Labour-Partei bei den
       [2][englischen Kommunalwahlen], bei denen über rund 40 Prozent aller
       gewählten Mandate landesweit abgestimmt wurde, ist historisch. Reform UK
       wird aus dem Stand mit Abstand stärkste Kraft. Labour verliert über die
       Hälfte seiner Mandate.
       
       ## Einbußen für die Konservativen
       
       Die Konservativen, seit 2024 in Großbritannien in der Opposition und
       gegenüber Reform UK in der Defensive, verzeichnen starke Einbußen. Neben
       den Rechtspopulisten gewinnen auch die Liberaldemokraten leicht hinzu, die
       Grünen deutlich stärker – sie ziehen vor allem großstädtische Jungwähler
       an.
       
       Im Londoner Innenstadtbezirk [3][Hackney] fahren die Grünen mit 42 von 57
       Mandaten einen Erdrutschsieg ein, Labour schrumpft von bisher 44 auf jetzt
       9 – die restlichen sechs Mandate bleiben unverändert bei den Konservativen.
       „Das Zweiparteiensystem stirbt nicht bloß, es ist tot und unter der Erde“,
       [4][jubelte Grünen-Parteichef Zack Polanskl] danach. „Ob hier, wo Labour
       verloren hat, oder landesweit, ist es sehr klar, dass die neue Politik
       Grüne gegen Reform heißt.“
       
       Reform-Chef [5][Nigel Farage bejubelte seinerseits] einen „historischen
       Wandel in der britischen Politik“. Die alte Rechts-links-Spaltung sei tot,
       denn seine Partei scheffele „schwindelerregende Stimmenanteile in
       traditionellen alten Labour-Gebieten“. Reform UK sei jetzt auf Kurs für
       einen Sieg bei den nächsten britischen Parlamentswahlen, ist er sich
       sicher.
       
       Die stehen spätestens 2029 an. Bei Labour breitet sich nun die Gewissheit
       aus, dass ein Festhalten an Regierungs- und Parteichef Keir Starmer als
       Labour-Spitzenkandidat den Wahlsieg für Nigel Farage sicher machen würde.
       Noch sperrt Starmer sich aber gegen eine Auswechslung.
       
       ## Wem nützt Labours Krise?
       
       Die Stimmanteile vom Donnerstag sind deutlich: 26 Prozent für Reform UK, 18
       Prozent für die Grünen, gefolgt von je 17 Prozent für Labour und
       Konservative. Ob Labours Krise mehr den Rechten oder den Linken nützt,
       stellen Analysten unterschiedlich dar. Reform UK hat aus dem Stand viel
       mehr Stimmen dazugewonnen, aber die für Labour gefährlichere direkte
       Wahlwanderung geht zu den Grünen.
       
       „Durchschnittlich hat Labour 18 Prozentpunkte weniger als 2022“,
       [6][schreibt der Wahlforscher John Curtice] und bezieht sich auf die letzte
       vergleichbare Kommunalwahl – in England werden jedes Jahr ein Teil der
       Kommunalvertretungen im Wechsel neu gewählt. „Der Rückgang ist besonders
       hoch dort, wo die Partei früher am stärksten war, und in vielen
       Wahlbezirken, wo viele Menschen sich als Muslime identifizieren“.
       
       Letztere wandern in großer Zahl zu den Grünen ab, deren jüdischer
       Parteichef Polanski ein scharfer Kritiker Israels ist und der linken
       Palästina-Solidarität eine neue politische Heimat bietet. In Richmond,
       Londons reichster Bezirk und auch der mit dem größten jüdischen
       Bevölkerungsanteil, verloren die Grünen deswegen alle ihre fünf Mandate.
       
       In Lambeth, eine traditionelle Londoner Labour-Hochburg, gibt es nun mit
       Saiqa Ali eine grüne Kommunalrätin, die erst vor zwei Jahren ein Bild von
       der [7][Erde im Würgegriff einer in die Flagge Israels gehüllten Schlange]
       gepostet haben soll und während ihres Wahlkampfs unter dem Vorwurf von
       Rassenhass [8][festgenommen] wurde.
       
       Bei Reform UK finden sich unter den Wahlsiegern ebenfalls dubiose Figuren.
       Zu den neu gewählten Reform-Stadträten in Sunderland zählt Glenn Gibbins,
       der vor zwei Jahren [9][auf X schrieb:] „Unglaublich, die Anzahl von
       Nigerianern in der Stadt, sollte man alle einschmelzen und damit
       Schlaglöcher füllen.“ Er wurde jetzt von der Partei [10][suspendiert]. Ein
       anderer gewählter Reform-Stadtrat in Sunderland, [11][David Barker], wurde
       2019 zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, nachdem er seine
       Ex-Partnerin verprügelt hatte.
       
       Außerhalb Englands, wo die Regionalparlamente von Schottland und Wales
       neugewählt wurden, ergeben sich ähnliche Konstellationen: starke Verluste
       für Labour und die Konservativen, deutliche Zugewinne für Reform UK und
       leichte für die Grünen. Die in Schottland regierende Schottische
       Nationalpartei (SNP) bleibt an der Macht, mit Stimmenverlusten.
       
       ## Machtübernahme in Wales
       
       In Wales erringen die Nationalisten der Partei Plaid Cymru (Partei von
       Wales) einen historischen Sieg: Sie holen 43 der 96 Sitze im
       Regionalparlament und übernehmen die Regierung. Die Labour-Partei, die
       Wales bisher ununterbrochen regiert hat, hält nur noch gut 10 Prozent.
       
       Das Wahlergebnis in Wales ist ein Erfolg für Kräfte, die den Aufstieg der
       Rechten bremsen wollen. Vor Monaten noch hatte sich Reform UK Hoffnungen
       auf eine Machtübernahme in Wales gemacht, vor allem da in den kriselnden
       ehemaligen Stahl- und Kohlerevieren Labour seine Wählerbasis verloren hat.
       Die Rechtspopulisten holen nun einen starken zweiten Platz, aber Plaid
       Cymru konnte offenbar mehr überzeugen.
       
       „Die Leute haben sich uns zugewandt, damit wir verhindern, dass die
       populistische Rechte Fuß fasst, und damit wir die Stimme für Wales sind,
       die Labour nicht sein kann“, [12][sagte Spitzenkandidat Rhun ap Iorwerth.]
       Am Dienstag will er sich in Cardiff zum neuen Ministerpräsidenten von Wales
       wählen lassen – während die Labour-Krise in London wohl ihrem Höhepunkt
       entgegenstrebt.
       
       10 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bbc.com/news/articles/c5yr661y6y4o
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_United_Kingdom_local_elections
 (DIR) [3] /Kommunalwahlen-in-Grossbritannien/!6176287
 (DIR) [4] https://www.bbc.com/news/articles/c4g08e97523o
 (DIR) [5] https://www.standard.co.uk/news/politics/nigel-farage-reform-win-general-election-b1281509.html
 (DIR) [6] https://www.bbc.com/news/articles/ce8p4yn448vo
 (DIR) [7] https://x.com/mragilligan/status/2047017187165008264/photo/1
 (DIR) [8] https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/30/green-party-candidates-arrested-over-racial-hatred/
 (DIR) [9] https://hopenothate.org.uk/2026/05/01/melt-them-all-down-and-fill-in-the-potholes-the-bizarre-racist-rant-from-sunderland-reform-candidate/
 (DIR) [10] https://www.bbc.com/news/articles/cm2pyy6ngz0o
 (DIR) [11] https://www.thecanary.co/uk/analysis/2026/05/08/reform-councillor-david-barker/
 (DIR) [12] https://www.bbc.com/news/articles/c62rnglzv2eo
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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