# taz.de -- Nach den Wahlen in Großbritannien: Englands Mamdani
       
       > Zack Polanski und die britischen Grünen gehören zu den Gewinnern der
       > Kommunalwahlen. Warum sind die Reaktionen in Deutschland darauf so
       > verhalten?
       
 (IMG) Bild: So sehen Sieger aus: Zack Polanski mit Zoe Garbett (links), die im Londoner Bezirk Hackney zur Bürgermeisterin gewählt wurde
       
       Jüdisch, schwul, bekennender Veganer und mit einer auffälligen Zahnlücke
       ausgestattet: Der britische Grünen-Parteichef Zack Polanski wirkt wie ein
       unwahrscheinlicher Wahlsieger. Doch er und seine Partei, die Grünen, sind
       die großen Gewinner der jüngsten [1][Kommunal- und Regionalwahlen in
       Großbritannien]. Während fast alle anderen Parteien im Vergleich zur
       letzten Kommunalwahl-Runde vor einem Jahr an Stimmen verloren, haben die
       Grünen um sieben Prozent zugelegt und sich damit fast verdoppelt.
       
       Der größte Wahlgewinner sind zwar [2][die Rechtspopulisten von Reform UK]:
       Sie konnten landesweit eine Rekordzahl von über 1.300 neuen Sitzen in
       Stadt- und Gemeinderäten erobern, während die regierende Labour-Partei
       nahezu die gleiche Anzahl verlor. Auf der anderen Seite machten Labour aber
       die Grünen erfolgreich von links Konkurrenz.
       
       Das klassische Zweiparteiensystem in Großbritannien scheint am Ende. Zwar
       benachteiligt das britische Mehrheitswahlrecht mit seinem
       The-winner-takes-it-all-Prinzip traditionell die kleineren Parteien. Aber
       wie überall in Europa, werden inzwischen auch in Großbritannien die
       etablierten Parteien [3][zwischen den linken und rechten Polen zerrieben].
       Denn neben Labour haben auch die Konservativen wieder ein Debakel erlitten.
       
       Ihren Erfolg verdanken die britischen Grünen zum großen Teil dem
       schillernden Mann an ihrer Spitze. Der 43-jährige Polanski ist so etwas wie
       Englands [4][Zohran Mamdani], das britische Pendant zum neuen, linken und
       charismatischen Bürgermeister von New York. Der Sohn einer Schauspielerin
       und eines Angestellten kam erst spät zur Politik: Nach Theater-Studium,
       ersten Schritten als Schauspieler und als Hypnotherapeut in London, worüber
       sich die britischen Boulevardblätter gerne lustig machen, wechselte er nach
       einer kurzen Phase bei den Liberaldemokraten 2017 zu den Grünen.
       
       ## Hoffnungsträger im Trenchcoat
       
       Seit 2021 sitzt er für sie in der Londoner Stadtversammlung. [5][Im
       September 2025 löste er die bis dahin amtierende Doppelspitze der Partei
       ab] und wurde ihr alleiniger Vorsitzender. In kurzer Zeit hat er das Profil
       der Grünen geschärft und die Popularität der Partei gesteigert. Mit
       Dreitagebart, Kurzhaarschnitt und Trenchcoat verströmt er in flotten Videos
       auf TikTok und Instagram lässige Eleganz und erschließt den Grünen ein
       neues Publikum.
       
       Unter Polanski hat sich die Zahl der Parteimitglieder von 50.000 im
       vergangenen Juni auf über 227.000 mehr als vervierfacht. Über die sozialen
       Medien erreicht er junge und urbane Wählergruppen. Für Rückenwind sorgt der
       linke Journalist und Guardian-Kolumnist Owen Jones.
       
       Mit Zohran Mamdani teilt Polanski aber auch das Schicksal, [6][aufgrund
       seiner Herkunft angefeindet] zu werden. So bemühen sich die Gegner
       einerseits, seine jüdische Identität kleinzureden, um ihn aufgrund seiner
       scharfen Kritik an Israel besser des Antisemitismus bezichtigen zu können.
       Auf der anderen Seite attackieren ihn britische Boulevardblätter mit
       Karikaturen, die in Sachen Antisemitismus dem Stürmer kaum nachstehen.
       
       Die Grünen profitieren von der Unzufriedenheit mit der Regierung unter Keir
       Starmer. Mit ihrem Sparkurs, ihrer Law-and-Order-Politik und einer
       [7][harten Haltung in Migrationsfragen] hat die Labour-Regierung linke
       Wählerinnen und Wähler enttäuscht. Polanski spricht offen davon, Labour als
       linke Kraft ablösen zu wollen. Als Hauptgegner hat er jedoch die
       [8][rechtspopulistische, rassistische und wirtschaftsliberale „Reform
       UK“-Partei von Nigel Farage] ausgemacht.
       
       ## Symbolträchtige Siege in ganz England
       
       Zwar blieben die Grünen hinter den eigenen, hochgesteckten Erwartungen
       zurück, was mit an [9][fragwürdigen Standpunkten] zu Israel und Palästina
       lag, die von der britischen Boulevardpresse ausgiebig skandalisiert wurden.
       Doch sie fuhren symbolträchtige Siege ein. Sie gewannen Sitze in den
       nordenglischen Ballungszentren Manchester, Sheffield und Leeds sowie den
       Universitätsstädten Oxford, Cambridge und Exeter.
       
       Und in London: [10][Im nordöstlichen Stadtteil Hackney], in dem Polanski
       mit seinem Partner lebt, schlug seine Parteifreundin Zoë Garbett ihren
       Konkurrenten von der Labour-Partei, und auch im benachbarten Waltham Forest
       errang die Partei eine Mehrheit. In Hackney und im südlich der Themse
       gelegenen Lewisham stellen die Grünen nun ihre ersten beiden Bürgermeister
       jemals.
       
       Früher hätten [11][die deutschen Grünen] ihrer britischen Schwesterpartei
       zu so einem Erfolg euphorisch gratuliert, doch sie halten sich mit
       Glückwünschen zurück. Denn sie [12][ähnelt programmatisch eher der
       deutschen Linkspartei], weil sie ökologische mit linken sozialpolitischen
       Forderungen verbindet. Polanski fordert höhere Steuern für Milliardäre und
       will den Kampf für Klimaziele sozialverträglich gestalten, er bezeichnet
       sich selbst als „Öko-Populisten“.
       
       Maßnahmen gegen hohe Mieten sind für ihn genauso wichtig wie der Ausstieg
       aus der Atomenergie, die Legalisierung von Cannabis und eine liberale
       Flüchtlingspolitik. Im Wahlkampf besuchte er die französische Hafenstadt
       Calais, von der aus regelmäßige Flüchtlinge mit Booten über den Ärmelkanal
       ablegen, und prangerte dort die britische Asylpolitik an.
       
       Außenpolitisch kritisierte er die [13][Haltung der Starmer-Regierung zum
       Krieg im Gazastreifen], den er als Genozid bezeichnet. Zuletzt kokettierte
       er mit einem Austritt Großbritanniens aus der Nato. Sein Erfolg weist
       Parallelen zum Comeback der deutschen Linkspartei auf, die dennoch wenig
       Grund hat, seinen Erfolg zu feiern. Denn die britischen Grünen gehören
       immer noch zur grünen Parteienfamilie und saßen bis zum Brexit mit ihr im
       EU-Parlament, nicht in der linken Fraktion.
       
       Die nächsten Wahlen zum britischen Unterhaus stehen regulär erst 2029 an,
       also in drei Jahren. Doch Polanski gibt jetzt schon selbstbewusst die
       Devise aus, das Zweiparteiensystem sei „tot und begraben“, und die „neue
       Politik“ der Wettstreit zwischen den Grünen und Reform UK. Für diesen
       Wettstreit hat er nun eine Basis geschaffen, auf der die Partei aufbauen
       kann.
       
       17 May 2026
       
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