# taz.de -- Regierungskrise in Großbritannien: Augen zu und durch
       
       > Premier Keir Starmer kündigt in seiner Regierungserklärung einen riesigen
       > Haufen Vorhaben an. Derweil bringen sich seine Labour-Gegner in Stellung.
       
 (IMG) Bild: Last Exit King’s Speech – Keir Starmer will einfach weitermachen
       
       Eigentlich sollte an diesem Mittwoch in London nur die prunkvolle Eröffnung
       der neuen Sitzungsperiode des britischen Parlaments Schlagzeilen machen.
       Bei dieser feierlichen Gelegenheit verliest traditionell der König vor
       beiden Parlamentskammern die legislativen Pläne der Regierung für das
       kommende Jahr.
       
       Doch der Tag begann anders: mit einem unangekündigten Besuch von
       [1][Gesundheitsminister Wes Streeting] bei Labour-Premierminister Keir
       Starmer in dessen Amtssitz in 10 Downing Street. Streeting gehört zum
       Blair-nahen rechten Flügel der Labour-Partei und ist neben Andy Burnham,
       derzeit Bürgermeister von Manchester, einer der meistgenannten potenziellen
       Anwärter auf Keir Starmers Nachfolge, sollte es einen Kampf um den Posten
       geben.
       
       Denn die Forderungen nach einem Auswechseln des Parteichefs und damit des
       Regierungschefs übertönen seit [2][Labours Niederlage bei den Kommunal- und
       Regionalwahlen vergangene Woche] alles andere. Nicht dass 10 Downing Street
       den entsprechenden Forderungen von inzwischen um die 90 Labourabgeordneten
       – mehr als nötig, um eine Kampfabstimmung zu erzwingen – nachgegeben hätte.
       Im Gegenteil: Es gäbe keinen Herausforderer, posaunten Starmer-treue
       Kabinettsmitglieder am Dienstag vor den Kameras nach der Kabinettsitzung.
       Keir Starmer und seine Regierung würden weiter die Herausforderungen und
       Prioritäten des Landes angehen, wie schon [3][am Montag verkündet].
       Business as usual also.
       
       Das war eine verdeckte Aufforderung an Starmers Gegner, endlich aus der
       Deckung zu kommen. Immerhin vier Staatssekretär:innen sind bereits aus
       Protest gegen Starmers Verbleib im Amt zurückgetreten, darunter die weithin
       geachtete [4][Jess Phillips], die bisher für den Schutz von Frauen
       zuständig war.
       
       ## Noch gibt es keine Einigkeit, wer antreten soll
       
       Doch die Gegnerfront braucht ein Gesicht. Erst wenn die 90 Abgeordneten,
       die eine Neuwahl der Parteiführung wollen, gemeinsam einen Namen
       vorschlagen, muss die Abstimmung angesetzt werden. Unter ihnen gibt es aber
       keine Einigkeit.
       
       Der oft zitierte Lieblingskandidat [5][Andy Burnham] erfüllt nicht die
       Grundvoraussetzung, da er kein Parlamentsabgeordneter ist. Um das zu
       ändern, müsste ein Labour-Abgeordneter zurücktreten, eine Nachwahl
       erzwingen und Burnham diese gewinnen, was bei den derzeitigen Umfragewerten
       waghalsig ist und außerdem eine Neuwahl des Bürgermeisterpostens in
       Manchester auslösen würde, wo sowohl Reform UK und Grüne Labour in
       Bedrängnis bringen können.
       
       Die ehemalige stellvertretende Parteichefin [6][Angela Rayne]r, die manche
       als linke Kandidatin vorschlagen, hat derzeit noch ein Verfahren wegen
       Steuerhinterziehung am Hals. Energieminister [7][Ed Miliband], eine weitere
       Option des linken Flügels, verlor bereits die britischen Parlamentswahlen
       2015.
       
       In Ermangelung einer klaren Strategie des linken Flügels könnte also der
       rechte Flügel mit Wes Streeting vorpreschen. Wenn er kandidiert, würde es
       sicher auch eine linke Gegenkandidatur geben, das Rennen wäre eröffnet.
       Weithin wurde am Mittwoch für möglich gehalten, dass Streeting am
       Donnerstag seinen Rücktritt als Gesundheitsminister erklären und Starmer
       nun doch zum Duell herausfordern könnte. Könnte, wohlgemerkt. Sicher ist
       noch nichts.
       
       Doch der Druck steigt. Am Mittwoch stellten bereits die elf Gewerkschaften,
       die Labour finanziell unterstützen und mit der Partei verbunden sind, ein
       Ultimatum. Es müsse einen Wechsel an der Spitze geben, forderten sie. Auf
       der anderen Seite unterzeichneten 111 der derzeit 403 Labourabgeordneten im
       Unterhaus eine Erklärung, wonach sie Starmer unterstützen. Mehrere auf der
       veröffentlichten Liste erklärten hinterher jedoch, sie seien gar nicht
       gefragt worden.
       
       ## Die Welt ist schwer, die Krone auch
       
       Starmer versucht, die Wogen des Missmuts mit Inhalten zu glätten. König
       Charles III begann [8][die Regierungserklärung] am Mittwoch mit dem Hinweis
       auf die zunehmend gefährliche und unberechenbare Weltlage. Es sei eine
       schwere Prüfung für die britische Energieversorgung, Verteidigung und
       Wirtschaft. „Meine Regierung wird sich dieser Welt mit Stärke stellen und
       als Ziel ein Land haben, das fair für alle ist“, verkündete der König, die
       schwere Krone auf dem Kopf.
       
       Der Regierung, fügte er hinzu, gehe es um die Förderung der britischen
       Werte von Anstand, Toleranz und Respekt unter der gemeinsamen Fahne.
       Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus, für innere Sicherheit,
       Stabilität und Kontrolle der Lebenshaltungskosten wurden erwähnt. Man werde
       investieren und mit Unternehmen arbeiten, alles im Zeichen des
       Wirtschaftswachstums und eines „fairen Deals für arbeitende Menschen“. Dazu
       gehörten Verbesserungen der Beziehung zu internationalen Handelspartnern,
       insbesondere der EU.
       
       Reformen der Polizei und des Gesundheitssystems, Verschärfungen des Asyl-
       und Einwanderungsrechts, Wasserschutz, die Teilverstaatlichung der Bahn,
       den Ausbau sauberer Energie, die Ausweitung von Ausbildungsangeboten,
       Arbeit gegen Frauengewalt, mehr sozialen Wohnungsbau und Sanierung von
       Wohnungen, Reform des Wohneigentums – all das will die Regierung jetzt
       anpacken. Wichtig war in der Erklärung auch ein Gesetzesvorhaben, das
       Staatsbeamt:innen zu Wahrheit, Innovation, Verantwortlichkeit und
       Produktivität verpflichtet.
       
       Mit der Rede deckt Starmer viele Themen ab, bei denen Labour im Wahlkampf
       Untätigkeit vorgeworfen worden war. Doch sind es alles erst Ankündigungen.
       Nur tatsächliche Veränderungen können Starmer retten.
       
       13 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Wes_Streeting
 (DIR) [2] /Britische-Kommunal--und-Regionalwahlen/!6177671
 (DIR) [3] /Nach-Kommunalwahl-in-Grossbritannien/!6177991
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Jess_Phillips
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Andy_Burnham
 (DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Angela_Rayner
 (DIR) [7] https://en.wikipedia.org/wiki/Ed_Miliband
 (DIR) [8] https://www.gov.uk/government/speeches/the-kings-speech-2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
       
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