# taz.de -- Walisische Nationalpartei löst Labour ab: Der Drache ist nicht mehr rot
       
       > In Wales hat die britische Labour Party ihre Wurzeln. Nun löst die
       > Nationalpartei Plaid Cymru sie ab und bietet eine alternative linke
       > Erzählung an.
       
 (IMG) Bild: Eine Kohlegrube nahe Aberdare, 1928. Als Rohstofflieferant für England hat Wales längst ausgedient
       
       Wales beginnt dort, wo England aufhört. Das grüne Mittelengland wird nach
       Westen hin immer üppiger, stille Flüsse mäandern durch tiefgrüne Wiesen,
       jahrtausendealte Wälder und beschauliche Kleinstädte. Dann ragen düstere
       Hügel auf, und auf einmal verdrängen kahle Berge das Grün, die Landschaft
       wird karg und leer. Man kann zwischen endlosen Steinmauern bis zum Meer
       fahren und nur noch Schafherden und Stauseen zu Gesicht bekommen.
       
       Am 7. Mai hat die walisische Nationalpartei Plaid Cymru (Partei für Wales)
       [1][die Regionalwahlen in Wales gewonnen]. Das ist ein historischer Bruch.
       Anders als Schottland war Wales nie ein eigener moderner Staat, der
       wiederzuentdecken wäre. Wales ist, so das geflügelte Wort, kein „State“,
       sondern ein „State of Mind“.
       
       Von England aus gesehen war Wales, dieses verregnete Land mit
       schiefergrauen Mauern und einem roten Drachen als Wappentier, immer der
       Inbegriff des anderen. Als englisches Kind lernte man drüben, auf der
       walisischen Seite, im Schatten militärischer Sperrgebiete Bergwandern ohne
       Wege und Survival ohne Landkarten. Waliser galten als härter und
       ausdrucksstärker, sie waren die besseren Rugbyspieler und konnten besser
       singen.
       
       Man las in der Schule [2][den großen zeitgenössischen Dichter Dylan Thomas]
       und bewunderte die Kraft seiner Sprache, aber dass er Waliser war, blieb
       irrelevant, und über Wales an sich lernte man nichts. Das Walisische ist
       gelebte Identität, aber es verbirgt sich, nicht zuletzt hinter der Sprache.
       Schon „Cymru“ richtig auszusprechen, den walisischen Namen für Wales,
       überfordert viele Nichtwaliser. Wie gehen sie wohl mit Rhun ap Iorwerth um,
       dem neuen Regierungschef von der Partei Plaid Cymru?
       
       ## Eine Ära geht zu Ende
       
       Plaid Genedlaethol Cymru, wie die Nationale Partei von Wales bei ihrer
       Gründung 1925 mit vollem Namen hieß, löst jetzt die britische Labour-Partei
       ab, [3][die Wales politisch seit über einem Jahrhundert dominierte]. Eine
       Ära geht zu Ende. Denn als parlamentarische Vertretung der britischen
       Arbeiterbewegung entstand Labour einst in den Kohlerevieren von Südwales,
       das einst größte Bergbaugebiet der britischen Inseln, wo heute keine Kohle
       mehr gefördert wird, aber sich immer noch endlos geduckte
       Reihenhaussiedlungen die schmalen Täler zwischen den Hügeln entlangziehen:
       Taff Valley, Ebbw Valley, Cynon Valley und wie sie alle heißen.
       
       Dass weite andere Teile von Wales so menschenleer erscheinen, liegt auch
       daran, dass die Bevölkerung im 19. Jahrhundert in die neuen Minen- und
       Hafenstädte abwanderte. Eine Tradition der gemeinschaftlichen
       Selbstorganisation entstand dort, maßgeblich getragen von den
       protestantischen Freikirchen, den sogenannten Nonkonformisten, damals ein
       wichtiger kultureller Organisator der Arbeiterschaft. Sie predigten die
       Integrität des Individuums, was mit rigiden Moralvorstellungen einhergehen
       kann, aber auch mit dem Streben nach einer besseren Welt.
       
       Nicht trinken, keine Schulden machen, den heiligen Sonntag achten
       einerseits – Ablehnung von Unrecht und Wucher, Verachtung arroganter und
       verschwenderischer Eliten andererseits. Individuelle und kollektive
       Rechtschaffenheit predigte man wortgewaltig in den grauen Steinkapellen von
       Wales. Das, mehr als jede politische Ideologie, war die Wurzel der
       organisierten Arbeiterbewegung Großbritanniens, die 1893 mit der Gründung
       der Independent Labour Party (ILP) begann und im Kohlerevier von Wales den
       Schritt zur modernen Massenpartei tat.
       
       ## Die Arbeiter müssen ins Parlament
       
       In Merthyr Tydfil am oberen Ende des Taff Valley stellte das Labour
       Representation Commitee, ein gemeinsamer Ausschuss von ILP, linken Zirkeln
       und Gewerkschaften, 1900 erstmals einen Parlamentskandidaten auf.
       ILP-Gründer Keir Hardie, ein aus Schottland zugewanderter Bergmann, wurde
       so der erste Labour-Abgeordnete im britischen Unterhaus.
       
       Ein Eisenbahnerstreik in Taff Valley erregte zugleich Aufsehen: Das
       Oberhaus in London verurteilte 1901 als letzte Instanz eine streikende
       Eisenbahnergewerkschaft zu Schadenersatz an die Arbeitgeber.
       Gewerkschaften, so die Begründung, seien als zugelassene Vereinigungen
       haftbar. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar: Die Arbeiter müssen ins
       Parlament.
       
       So wurde 1906 aus dem losen Bündnis des Labour Representation Committee die
       Labour Party. Ab 1922 hielt sie die Mehrheit aller Wahlkreise in Wales,
       ununterbrochen bis heute. Großbritanniens erster Labour-Premier Ramsay
       MacDonald vertrat im britischen Parlament einen walisischen Wahlkreis,
       ebenso der letzte Labour-Premierminister vor der Thatcher-Ära, James
       Callaghan. Die größte Errungenschaft Labours in Großbritannien, die
       Gründung des kostenlosen staatlichen Gesundheitsdienstes NHS nach dem
       Zweiten Weltkrieg, ging auf Gesundheitsminister Nye Bevan zurück, einen
       walisischen Bergmann. Und als Wales 1999 ein eigenes Regionalparlament in
       Cardiff bekam, am unteren Ende des Taff Valley, stellte Labour dort
       selbstverständlich die Regierung.
       
       ## Jenseits der Apparate von Labour
       
       Es war wie ein Naturgesetz. Jahrzehntelang. Bis zur Niederlage in diesem
       Jahr. Wobei die Labour-Hochburgen von Wales sich anders als die in England
       nicht [4][massiv den Rechtspopulisten von Reform UK zuwenden].
       
       Reform-Chef Nigel Farage weiß um die Bedeutung von Wales. In Merthyr Tydfil
       stellte er vor den britischen Parlamentswahlen 2024 das Wahlprogramm seiner
       Partei vor. Bei den Regionalwahlen 2026 holte Reform UK trotzdem nur zwei
       der sechs Sitze des örtlichen Wahlkreises. Plaid Cymru bekam drei. Labour
       gerade mal einen.
       
       Tritt Plaid Cymru nun langfristig an Labours Stelle als die Partei, die den
       walisischen „State of Mind“ vertritt?
       
       Labours Perspektive ist gesamtbritisch. Man wählt Labour, um Zugriff auf
       die Hebel der Macht in London zu erhalten. Doch die undogmatische Linke hat
       schon immer auch eine andere linke Erzählung gesucht, jenseits der Apparate
       von Labour und den Gewerkschaften.
       
       ## Die widerborstige Dimension walisischer Identität
       
       Der Waliser Raymond Williams prägte als Vordenker der britischen Neuen
       Linken der 1960er Jahre einen noch heute einflussreichen progressiven
       Begriff von Kultur. Er verstand sie weder als Hochkultur noch als Folklore,
       sondern als Gesamtheit der „sozialen Erfahrung“. Williams besann sich spät
       seiner walisischen Wurzeln. Aus dem fernen Cambridge heraus entwarf er
       Grundsätze der gemeinschaftlichen Selbstorganisation, betrieb
       Erwachsenenbildung und unterstützte Plaid Cymru.
       
       Gegründet wurde die walisische Partei 1925 von einem Baptistenprediger zur
       Förderung [5][der walisischen Sprache]. Manche empfanden das zunächst als
       zu unpolitisch und verlangten eine sofortige Unabhängigkeit – ein
       Randthema, vergleichbar mit dem militanten baskischen Separatismus,
       Anschläge auf Ferienhäuser im Besitz von Engländern inklusive. Dazu gehört
       die Erinnerung an den walisischen Widerstandskämpfer des 14. Jahrhunderts
       gegen die englische Eroberung, Owen Glendower – Glyn Dwr auf Walisisch –
       den noch Kubas Fidel Castro als Vorbild des Guerillakriegs rühmte.
       
       Ausdruck findet diese widerborstige Dimension walisischer Identität bei dem
       Poeten R. S. Thomas, einem grimmigen Prediger, der auf Englisch schrieb,
       aber Walisisch dachte. In seinem „Welsh Testament“, einem Manifest der
       Abgrenzung, tritt Thomas dem Wohlfühl-England entgegen: „Du bist Waliser,
       sagten sie / Sprich zu uns, halte deine Felder frei / Vom Benzingeruch, vom
       lauten Rattern / Heißer Traktoren: wir brauchen Frieden / Und Ruhe. / Ist
       ein Museum / Frieden? fragte ich. Bin ich der Hüter / Der Relikte des
       Herzens, Staub blasend / In meine eigenen Augen? Ich bin ein Mensch / Ich
       wollte nie die eintönige Rolle / Die das Leben mir zuschrieb“.
       
       ## Wo die Wirtschaft für die Menschen arbeitet
       
       All das ist neben der gemeinschaftlichen Selbstorganisation die zweite
       Wurzel des lang verschütteten Nationalgefühls, mit dem Wales nun aus seiner
       „eintönigen Rolle“ ausbricht. Plaid Cymru steht programmatisch gar nicht so
       weit von Labour entfernt, aber die Partei entwickelt ihre Politik für
       Wales, nicht für die Londoner politische Bühne. Als Rohstofflieferant für
       England hat Wales ausgedient, jetzt geht es um „Wertschöpfung, die in
       unseren Gemeinschaften bleibt, statt aus Wales abzufließen“, steht im
       aktuellen Parteiprogramm – ein Wales, wo „die Wirtschaft für unsere
       Menschen und unsere Gemeinschaften arbeitet, nicht umgekehrt“.
       
       Plaid Cymru dümpelte jahrzehntelang dahin, im Londoner Parlament stellt die
       Partei bis heute nur vier Abgeordnete. Aber in Wales bildete sie seit
       Entstehen des Regionalparlaments 1999 stets die Hauptopposition zu Labour.
       Je mehr Labour sich von seinen Wurzeln in der Arbeiterbewegung löste und
       auch die alten Arbeitermilieus verschwanden, desto mehr fasste Plaid Cymru
       auch in alten Labour-Hochburgen Fuß und nahm die alten Impulse auf, für die
       einst Labour gegründet wurde und für die Labour jetzt ausgedient hat. Dass
       im autonomen Wales offiziell Zweisprachigkeit herrscht, hat ohnehin die
       Verfechter des Walisischen in den Mainstream geholt.
       
       Jetzt ist es geschafft. Am Dienstag hat das Regionalparlament in Cardiff
       den Wahlsieger Rhun ap Iorwerth zum „First Minister“ von Wales gewählt.
       Seine Antrittsrede begann der Plaid-Cymru-Chef auf Walisisch. Die Nation zu
       führen, „die mir so viel bedeutet“, sei „die größte Ehre meines Lebens“,
       sagte der 53-Jährige, der seinen Nachnamen mit dem letzten
       mittelalterlichen Fürsten von Gwynedd in Nordwales teilt. „Es hat sich
       etwas bewegt in der Seele von Wales“, befand Iorwerth schließlich auf
       Englisch: „Ein neues Selbstvertrauen, eine neue Hoffnung, ein neuer,
       weiterer Horizont.“ Wenn Wales ein „State of Mind“ ist, dann hat soeben
       eine Bewusstseinserweiterung stattgefunden.
       
       16 May 2026
       
       ## LINKS
       
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