# taz.de -- Grüne und CDU billigen Koalitionsvertrag: Cem Özdemirs Koalition im Ländle steht
> Die Zustimmung galt als reine Formsache: Grüne und CDU in
> Baden-Württemberg stimmen für den Koalitionsvertrag. Dazu kamen spannende
> Personalien ans Licht.
(IMG) Bild: Der Neue und der Alte: Özdemir dankt Amtsvorgänger Winfried Kretschmann
dpa | Grüne und CDU haben grünes Licht gegeben für eine Neuauflage der
grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg. Die Delegierten beider
Parteien stimmten dem [1][Koalitionsvertrag] bei Parteitagen in Stuttgart
und Korntal-Münchingen (Kreis Ludwigsburg) zu. Die beiden
Verhandlungsführer [2][Cem Özdemir (Grüne)] und Manuel Hagel (CDU) warben
für den Vertrag – und für einen politischen Kurs der Mitte. Während bei der
CDU eine inhaltliche Diskussion komplett ausblieb, kritisierte die Grüne
Jugend den Koalitionsvertrag als zu ambitionslos.
Bei den Grünen stimmten die Delegierten dem Vertrag mit großer Mehrheit zu.
Nur wenige Delegierte hoben die Hand gegen den Vertrag. Bei der CDU
erfolgte die Zustimmung unter den 286 stimmberechtigten Delegierten per
Handheben, ein Delegierter enthielt sich.
Die beiden Parteien regieren in Baden-Württemberg bereits seit 2016
gemeinsam. Bei der Landtagswahl am 8. März waren die Grünen mit 30,2
Prozent knapp stärkste Kraft geworden, dicht gefolgt von der CDU mit 29,7
Prozent. Im neuen Landtag verfügen jedoch beide Parteien über jeweils 56
Mandate – eine ungewöhnliche Pattsituation.
## Özdemir: „schmerzhafte Kompromisse“
Der designierte Ministerpräsident Özdemir warb bei seinen Grünen um
[3][Zustimmung zum Koalitionsvertrag] – und berichtete von zähen
Verhandlungen. Für die Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit der CDU habe man
„schmerzhafte Kompromisse“ eingehen müssen, räumte er ein – etwa, dass man
das Amt der Landtagspräsidentin sowie die Ministerien für Verkehr und
Bildung habe abgeben müssen.
Man habe hart gerungen mit Grünen, auch mal gestritten, betonte auch
CDU-Landeschef Hagel, der designierte Vize-Regierungschef. Grüne und CDU
blickten auf die gleichen Fragen mit unterschiedlichen Perspektiven – aber
aus Unterschieden könne etwas Neues, Gemeinsames geschaffen werden. „Wir
werden koalieren, aber nicht fusionieren.“ Hagel sagte, es gehe nicht um
Grüne oder Schwarze, sondern zuerst um Baden-Württemberg. Er kündigte einen
bodenständigen Regierungsstil der CDU in der neuen Landesregierung an.
„Keine Spektakel, keine Selbstinszenierung.“ Man wolle bei den Bürgerinnen
und Bürgern keine Erwartungen wecken, die man nicht halten könne.
## Überraschungspersonalie Andreas Jung
Özdemir und Hagel warben politisch für einen Kurs der Mitte. Özdemir
verteidigte seinen konservativen und pragmatischen Kurs im Wahlkampf. Sein
Wahlsieg habe auch damit zu tun, ob die Wähler der Partei etwas zutrauten
und den Eindruck hätten, dass die Probleme gelöst werden könnten. „Wir in
Baden-Württemberg haben gezeigt, wie groß das Wählerpotenzial der Grünen
sein kann und mit welchem Kurs man es ausschöpfen kann“, sagte Özdemir.
„Das Ziel bündnisgrüner Politik muss Gestaltung sein.“ Özdemir hatte sich
im Wahlkampf regelmäßig von der Bundespartei abgesetzt.
Hagel präsentierte nach seiner Rede auch die CDU-Ministerriege. Die größte
Überraschung des Tages: Der versierte Klimapolitiker aus dem Bundestag,
Andreas Jung, wird der neue Kultusminister im Südwesten. Hagel selbst geht
als Innenminister ins neue Kabinett von Özdemir. Die Grünen wollen ihr Team
erst am Montag präsentieren.
## 160 Seiten dicker Vertrag
Die beiden Parteien hatten sich in wochenlangen und teils zähen
Verhandlungen auf ein gemeinsames Regierungsprogramm für die kommenden fünf
Jahre geeinigt. Das Vertragswerk ist mehr als 160 Seiten dick und
beinhaltet unter anderem ein kostenloses und verpflichtendes letztes
Kindergartenjahr. Außerdem will Grün-Schwarz am Ziel festhalten, dass
Baden-Württemberg bis 2040 klimaneutral werden soll – fünf Jahre früher als
im Bund.
Besonders prominent haben Grüne und CDU im Industrieland Baden-Württemberg
das Thema Wirtschaft platziert. Der Vertrag sieht unter anderem vor, dass
Unternehmensgründungen künftig innerhalb von zwei Tagen möglich sein
sollen. Schüsseltechnologien sollen gezielt gefördert und die Bürokratie
zurückgestutzt werden.
## Grüne Jugend beschwert sich über „Kompromisspapier“
Kritik am Koalitionsvertrag kam von der Grünen Jugend. Der Vertrag sei in
erster Linie ein Kompromisspapier, monierte der Landessprecher Jaron Immer
beim Landesparteitag in Stuttgart. Man habe aber einen höheren Anspruch an
grüne Regierungspolitik. „Wir müssen ehrlich sagen: Uns fehlen in dem
Koalitionsvertrag ambitionierte Punkte.“ Es sei falsch, zu sagen, man lebe
in stürmischen Zeiten, und dann zugleich auszuschließen, dass man die
Verschuldungsmöglichkeiten des Landes nutzen werde. Zudem sei es falsch,
dass man die Sektorenziele beim Klimaschutz abschaffe.
Am Montag soll der Koalitionsvertrag offiziell unterzeichnet werden. Am 13.
Mai steht dann im Landtag die Wahl von Özdemir zum neuen
Ministerpräsidenten an.
9 May 2026
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