# taz.de -- Digitalmesse OMR in Hamburg: Der Marketing-Jahrmarkt
       
       > Die Hamburger Marketingmesse OMR feiert künstliche Intelligenz und den
       > Traum vom Aufsteigen. Zwischen Goodies kann man hier den Blick fürs
       > Wesentliche verlieren.
       
 (IMG) Bild: Großer OMR-Auftritt für Heidi mit Hund
       
       „Werdet wieder Menschen“, sagt der selbst ernannte Künstler im Anzug und
       mit Schiebermütze zur Eröffnung der OMR, der Digital- und Marketingmesse in
       den Hamburger Messehallen im Mai. Hinter ihm flimmern Illustrationen auf
       den fußballfeldgroßen Bildschirmen, ein pulsierendes Herz, aus dem
       Datenkabel wachsen.
       
       Ein befremdlicher Ort für einen Satz, der an die Holocaustüberlebende
       Margot Friedländer erinnert, die mit „Seid Menschen“ ein Vermächtnis
       hinterließ. Hier, im Zentrum der Werbe- und Techindustrie, ist damit
       anderes gemeint: Ein Appell, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz die
       Menschlichkeit nicht zu verlieren. Dafür gibt es Applaus. Dann geht es
       weiter, es gibt keine Zeit zu verlieren.
       
       Die OMR ist nämlich DIE führende Digitalmesse Europas, wie hier zumindest
       häufig betont wird. Über 800 Speaker*innen in zwei Tagen, rund 70.000
       Gäste. Auf der größten Bühne führt Kai Pflaume im blauen Deutschlandtrikot
       durch den ersten Tag, umgeben von Business-Casual und dem Duft von
       Gratis-Red-Bull.
       
       Das Angebot an meist 20-minütigen Talks ist überwältigend. Auf den Bühnen
       sprechen etwa [1][Signal-Gründerin Meredith Whittaker] über den globalen
       KI-Hype, Benjamin von Stuckrad-Barre gemeinsam mit Sido über Longevity, die
       CEO von [2][Onlyfans] über ihre Plattform oder der Sänger Mark Forster über
       Mark Forster. Die OMR inszeniert sich als Ort, an dem die Gegenwart
       verhandelt wird. „Wenn du nicht hier bist, erfährst du später davon“, heißt
       etwa der Slogan auf Instagram. Überall wird einem das Gefühl vermittelt,
       dass hier etwas Wichtiges passiert.
       
       Aber was?
       
       ## Gamification
       
       Bei der Fülle an Goodies kann man das schnell aus den Augen verlieren.
       Alles wird gamifiziert. Du willst Gratis-Matcha? Dann musst du erst ein
       Glücksrad drehen. Sticker von Susanne Daubner? Sorry, aber dann bitte erst
       hier den Greifarm betätigen. Man kann Padel spielen, Postkarten
       verschicken, Raucher*in werden – denn wirklich überall sind E-Zigaretten
       präsent und auch offizielle Werbepartner der Veranstaltung.
       
       Künstliche Intelligenz ist das große Dach über allem. „Die Zukunft ist
       generiert“, verspricht ein Stand, der nächste zeigt, wie sich Performance
       mit KI steigern lässt. Vieles wird angerissen, worum es geht, wird selten
       klar.
       
       Was man den Veranstalter*innen lassen muss: Sie haben es geschafft,
       allen, wirklich allen, die im Bereich Marketing/Social Media irgendwie
       relevant sind, eine Bühne zu bieten. Sophie Passmann tritt auf, ebenso
       Internetphänomene wie der 88-Jährige „Opa Werner“, der mit Matcha-Tests
       viral ging. Fabian Rashagai, Tiktoks „Creator of the Year 2025“, sitzt auf
       der ARD-Bühne.
       
       Auch große Firmen und Start-ups sind in der Messehalle präsent. Bei Porsche
       kann man unter dem Motto „vollkommen. Unvernünftig“ Autoscooter fahren.
       Auch große Medienhäuser sind vertreten, Bild mit einem riesigen Tower, die
       ARD spielt auf ihrer Bühne unter anderem ein gut besuchtes Live-Bingo.
       
       ## Von der Tellerwäscherin…
       
       Das eine Ziel der Messe ist klar: Es geht darum, präsent zu sein und in den
       Köpfen zu bleiben. Darauf zu hoffen, dass die online-affinen Gäste über das
       Event Storys posten. Hoffen, dass Medien darüber berichten – und zwar
       relativ egal, was. Dieses Jahr zum Beispiel Topschlagzeile: [3][Heidi Klum]
       hat ihren neuen Hund (Fritz) mitgebracht. Apropos Tiere: Der OMR-Gründer
       Philipp Westermeyer erzählt noch ein paar Tage vor Messestart den
       Nachrichtenagenturen, dass [4][Timmy der Wal] aus Marketingsicht
       unterschätzt worden sei.
       
       Es bleibt die Frage: Was bekommt man hier eigentlich mit – und was nicht?
       Allgegenwärtig ist die Tellerwäscher*innen-Geschichte. Das beginnt mit der
       Gründerin vom „Netzwerk Chancen“, die auf der Bühne ihren Pullover mit der
       Aufschrift „Auch ein Hartz-IV-Kind muss DAX-CEO werden können“ zeigt. Die
       15-jährige Rapperin Zahide und ihr Manager Boğatekin erzählen auf der
       Bühne, wie sie es aus einfachen Verhältnissen nach oben geschafft haben.
       
       Man muss dafür einfach nur diszipliniert sein, sagen Heidi Klum oder
       Footballstar Tom Brady. Wer hier ist, soll daran glauben, dass Aufstieg
       planbar ist – wenn man nur genug arbeitet und die richtigen Kontakte
       knüpft. Hier kommt halt so einiges zusammen, sagt eine Securityperson. „Die
       Normalos und die mit der teuren Rolex am Handgelenk“ – Erstere hoffen dann
       eben darauf, dass sie Letztere auf der Messe treffen.
       
       Eine ziemlich neoliberale Vorstellung also davon, wie die Zukunft von
       Deutschland aussehen soll. Auch die eingeladenen Politiker,
       Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) sowie Bundesfinanzminister
       Lars Klingbeil (SPD), brechen damit nicht. In ihren Reden geht es jeweils
       eher um Mut zu Investitionen; Klingbeil gibt Hamburg auf der Bühne noch die
       Garantie, dass der Bund sich an den rund 4,6 Milliarden kalkulierten Kosten
       für eine Olympiade in der Stadt beteiligen würde – „und zwar, egal wie leer
       die Kassen sind“.
       
       ## Weniger KI als gedacht
       
       Weniger Platz bleibt für Zweifel am Traum, oder für Kinder, alte, und
       marginalisierte Menschen. Zwar sprechen etwa Kristina Lunz vom Center for
       Feminist Foreign Policy und Josephine Ballon von HateAid über Gewalt im
       Netz und Deepfakes und richten klare Forderungen an Politik und
       Plattformen. Rückfragen, vor allem kritische sind aber nirgendwo
       vorgesehen. Die Leute auf der Bühne können halt einfach mal so machen.
       
       Am Abend werden einige Stände auf dem Messegelände zu After-Work-Partys,
       DJs spielen EDM-Remixe von 2010er-Songs und auf der Hauptbühne lassen alle
       mal so richtig los, als der DJ bei „Major Tom“ mitsingt. Hände werden
       geschüttelt, es wird sich „connected“, darum geht es hier schließlich auch.
       Tausende Chinohosen, bunte Blazer (auf keinen Fall mit Muster), Hosenanzüge
       (hier sind Muster okay) und weiße Sneaker tanzen zusammen.
       
       Skurrilerweise alle ganz in echt. Denn obwohl hier ja künstliche
       Intelligenz als Zukunft großgeschrieben wird, sieht man wenig von ihr.
       Keine KI-Klone auf der Bühne, keine Roboterhunde, keine selbstfahrenden
       Autos. Selbst die Veranstaltungen kann man nicht streamen. Alle bedienen
       sich dafür in echt vom Freibier oder „Infinity Wasser“, schließlich wollen
       die zahlenden Gäste ja auch was für ihr 559-Euro-Ticket geboten bekommen.
       Zu „Dann hebt er ab und völlig losgelöst“ bewegen alle ihre Arme von links
       nach rechts. Hat der Künstler das am Anfang gemeint, als er sagte, dass
       alle wieder Menschen werden sollen?
       
       Und wie wichtig ist jetzt die OMR für die anderen Menschen, die nicht dabei
       sein konnten? Hier kann das Gleiche machen, was [5][Levi Penell] auf der
       ARD-Stage bei Shitstorms rät: Einfach mal das Handy weglegen. Dann scheint
       das ganze Onlinemarketing auch nicht mehr so relevant.
       
       7 May 2026
       
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