# taz.de -- Marketing in Reiseländern: Urlaub im Werbeblock
       
       > Wer im Urlaub ins Kino geht, lernt das Reiseland besser kennen – die
       > Werbung offenbart dabei die jeweiligen Sehnsüchte, Ängste und
       > Marketinglügen.
       
 (IMG) Bild: Vorhang auf, Werbung ab!
       
       Wenn ich ins Kino gehe, komme ich immer eine halbe Stunde zu spät. So spare
       ich mir den langen Werbeblock, bevor der Film beginnt.
       
       Meine Mutter hält das für eine Todsünde, weil sie bloß nicht auch nur eine
       neue Filmvorschau verpassen will. An ihre Regel halte ich mich
       ausschließlich im Urlaub. Aber nicht wegen der Trailer wie sie, sondern
       wegen der Werbung. Sich im kostbaren Urlaub für ein paar Stunden in einen
       dunklen Raum zu sperren, das ist Zeitverschwendung, denken einige bestimmt.
       
       Sicher, ich könnte stattdessen die hippen Cafés aufsuchen, die ich auf
       Insta gesehen habe, ein Segway mieten, das fünfte Museum besuchen oder mich
       in einen Hop-on-Hop-off-Bus setzen. Einen ganz besonderen Einblick in ein
       Land bekommt man aber, wenn man versteht, wie lokale Marketingagenturen die
       Produkte ihrer Kunden bewerben, damit diese ihre kapitalistische Konkurrenz
       ausstechen kann. Also: wenn man Werbung glotzt.
       
       Wenn ich ein neues Land besuche, dann gehe ich dort – nicht nur deshalb –
       immer [1][ins Kino]. Englische Werbung ist sentimental: einsame alte Leute,
       die dann einen Moment der Katharsis erleben, zum Beispiel durch ein
       Familienessen mit Tesco-Produkten. In den USA sind die pharmazeutischen
       Werbespots besonders beeindruckend. Eine lächelnde Frau, die über eine
       Wiese springt, während eine warme Stimme aus dem Off die irren
       Nebenwirkungen des Medikaments vorliest. „Atemnot, Übergeben, Herzversagen“
       und die Frau riecht an einem Gänseblümchen. Cool! Deutsche Werbung
       signalisiert Gemeinschaft, ein „Wir“-Gefühl. Sie inszeniert diffus
       irgendeine soziale Nähe zwischen Menschen, bleibt dabei aber so vage, dass
       man am Ende des Spots überrascht ist, wenn das Vattenfall-Logo erscheint.
       
       ## Reich und zuckrig
       
       [2][Jetzt bin ich in der Türkei]. In einem Kino sehe ich mir einen
       Hollywood-Bullshit-Film an. Aber es ist ja nicht nur der Film, der zählt.
       Besonders drei Dinge werden beworben: Diamantenschmuck, Make-up und diverse
       in Plastikverpackung geschweißte Küchlein, aus denen geschmolzene
       Schokolade quillt. Also reich, schön und voller Zucker soll ich sein.
       Abgesehen davon, dass türkische Werbung extrem Jingle-basiert ist – ich
       erwische mich hier täglich dabei, wie ich „Zen'siz olmaaaaz“ singe –, gibt
       es eine weitere offenbar verkaufsfördernde Eigenart: den Fingerzeig. Eine
       attraktive Person hält das zu verkaufende Produkt in der einen Hand, der
       Zeigefinger der anderen Hand zeigt darauf, „hierum geht es“, dazu ein
       Million-Dollar- (45 Mio. Lira) Smile.
       
       „Wenn irgendwelche Werbe- oder Marketing Leute hier sind, bringt euch um“,
       sagte der Stand-up-Comedian Bill Hicks in einer Show von 1993, ein Jahr vor
       seinem Tod. „Ihr denkt, jetzt kommt ein Witz, aber es kommt keiner.“ Es
       gäbe keine Rationalisierung für diesen Job, sie seien die Brut Satans, sie
       seien gefickt und sie fickten uns.
       
       Und es stimmt, [3][man muss schon verdorben sein, um es zu seinem Beruf zu
       machen, Menschen in den Konsum zu manipulieren]. Zu analysieren, was ihre
       Wünsche, was die Ängste sind, woran sie glauben, was sie begehren und wer
       sie sein wollen. Und sie dann glauben zu machen, Konsum könnte sie dem
       nähern. Werbung offenbart, was zumindest diejenigen, die sie erstellen, von
       ihren konsumierenden Landsleuten halten. Vermutlich lernt man dabei also
       vor allem genau, was man nicht über sie glauben sollte. Nächstes Mal schaue
       ich deshalb lieber einen türkischen Film, um was zu lernen. Oder heize mit
       dem Segway durch Istanbul.
       
       13 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Spielfilm-Nuernberg-im-Kino/!6176338
 (DIR) [2] /Umstrittener-Werbeclip-in-der-Tuerkei/!6173751
 (DIR) [3] /Digitalmesse-OMR-in-Hamburg/!6177007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Vierte Wand
 (DIR) Urlaub
 (DIR) Werbung
 (DIR) Film
 (DIR) Kino
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Kolumne Vierte Wand
 (DIR) Kolumne Vierte Wand
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Digitalmesse OMR in Hamburg: Der Marketing-Jahrmarkt
       
       Die Hamburger Marketingmesse OMR feiert künstliche Intelligenz und den
       Traum vom Aufsteigen. Zwischen Goodies kann man hier den Blick fürs
       Wesentliche verlieren.
       
 (DIR) Biopic über Michael Jackson: Bad
       
       Der neue Film über Michael Jacksons Leben bestätigt die Regel seines
       Genres: Biopics taugen meistens nichts. Wieso gelingen sie so selten?
       
 (DIR) Trailer zu Harry-Potter-Serie auf HBO: Warum sehen Filme nicht mehr aus wie früher?
       
       Unsere Kolumnistin langweilen die blassen und leblosen neuen Film- und
       Serienproduktionen. Sie sehnt sich nach den satten Farben alter Klassiker.