# taz.de -- Älterer Influencer erzählt vom Krieg: Der Matsche-Latsche-Effekt
       
       > Er wusste nicht, was Influencer sind, bis er selbst einer wurde. Wie der
       > 89-Jährige Opa Werner mit seiner Matcha-Latte-Abneigung Social Media
       > erobert.
       
 (IMG) Bild: Nimmt seinen Fans die Angst vorm Altern: Opa Werner bei der OMR -Messe in Hamburg am 6. Mai 2026
       
       Opa Werner, weißes Haar und prächtiger Schnauzer, sitzt mit einem Trinkhelm
       auf dem Kopf auf einer Jacht. Eine Dose baumelt links von seiner Schläfe,
       eine rechts. Er zieht einen Schluck Bier durch den Strohhalmschlauch und
       grölt den Refrain: „Hey Mausis, wie es aussieht, schmeckt Matsche Latsche
       einfach immer scheiße!“
       
       Um ihn herum fliegen Sektkorken über die Reling, das Meer glitzert vor der
       Küste Mallorcas und die Partycrowd tanzt zum Ballermann-Beat. Es ist das
       Video zu seinem ersten Song („Hey Mausis“), zusammen mit dem
       Partyschlagersänger Kreisligalegende. Die zwei Männer sitzen auf der
       Liegefläche am Heck der Jacht und recken die Arme in die Luft: „Opa Werner
       in die Charts – VOR GTA 6!“
       
       Wer diesen musikalischen Fiebertraum verstehen möchte, muss [1][auf Tiktok]
       ein Jahr zurückscrollen. Bis zum Sommertag, an dem er auf einem
       verschnörkelten Metallstuhl im Garten sitzt und seinen ersten Matcha Latte
       trinkt. Er trägt ein geringeltes Shirt und eine silberne Pilotenbrille.
       
       Das Getränk auf dem Tisch vor ihm ist fast so grün wie die Nadelhecke im
       Hintergrund. Seine Hände zittern, als er das Glas anhebt. Die Plörre
       schwappt hin und her. „Ick probier’ jetzt das erste Mal mit 88 Jahren Iced
       Matsche Latsche“, spricht er in die Kamera und nimmt einen kleinen Schluck.
       „Dat schmeckt so nach Pappe“, murmelt er. Also, mit Eis habe das nüschts zu
       tun. Matsche, das könnt’s sein. Latsche? Dat wisse er nicht.
       
       Noch ein Schluck. „Wisst ihr, wie dat schmeckt? Wie ’ne
       Lebensmittelvergiftung!“ Er schüttelt den Kopf. „Und das trinken diese
       Chayas heutzutage?“ Mit Berliner Schnauze, Rollator und unerwartet
       [2][gedroppten Jugendwörtern] katapultiert sich der Rentner auf die
       For-You-Pages der Gen Z. Über zwanzig Millionen Mal wurde das Video
       angeschaut.
       
       ## Eine halbe Million Follower
       
       Mittlerweile ist Opa Werner das Gesicht der Matcha-Kampagne von Lidl,
       schmückt deutschlandweit Werbeplakate und probiert für seine Videos so
       lange weiter Matcha Lattes, bis ihm einer schmeckt (ist noch nicht
       passiert).
       
       Opa Werner wusste nicht, was Influencer sind, bis er selbst einer wurde. An
       seiner Aussprache davon hat das nichts geändert. Influencer, das klingt aus
       seinem Mund bis heute hochgradig ansteckend.
       
       Sein Online-Auftritt ist Teil der „Rentner-WG“, einem Social-Media-Format,
       das aus einer Gruppe Senior:innen besteht, zusammengecastet von einer
       Kölner Social-Media-Agentur. In den von der Agentur produzierten Videos
       tanzen die Rentner:innen zu Ikkimel, besuchen gemeinsam Festivals oder
       spielen sich gegenseitig Streiche. Zusammengerechnet kommen die Accounts
       auf über eine halbe Million Follower. „Matsche Latsche“ ist längst als
       Wortmarke eingetragen.
       
       Diesen Mai erfolgte die Social-Media-Krönung: Neben Heidi Klum, Pamela Reif
       und ZAH1DE trat Opa Werner auf dem [3][Branchenevent OMR] als Speaker auf.
       Das Thema: „TikTok-Star mit 88: Wie Opa Werner zum Influencer des Jahres
       wurde und was Brands daraus lernen können“.
       
       Auf die Bühne kam Opa Werner im Anzug, mit Rollator und Manager. Während
       der Manager erzählte, wie Opa Werner genau zum Influencer des Jahres wurde
       und was Brands denn nun daraus lernen können, formte Opa Werner „Bla bla
       bla“-Handzeichen zum Publikum.
       
       ## Zweiten Weltkrieg miterlebt
       
       „Soll ich mal dazwischenfahren?“, fuhr er seinem Manager dazwischen und
       begann zu erzählen. In seinem früheren Leben, sagte er, sei es oft mal
       ruff-, mal runtergegangen, dann wieder ruff und wieder runter. 1937 in
       Ostberlin geboren, habe er den Zweiten Weltkrieg noch bewusst miterlebt.
       
       In der DDR habe er eine Lehre als Handwerker gemacht und sie bereits mit 17
       Jahren abgeschlossen – früher, als viele heute eine Ausbildung beginnen.
       1955 sei er aus Ostberlin abgehauen. Danach habe er als Elektriker,
       Handelsvertreter und „Fahrradfritze“ gearbeitet.
       
       Gegen Ende des Talks fiel es ihm schwer, aus dem tiefen Stuhl aufzustehen.
       Er stützte sich auf den Rollator. Die Moderatorin versuchte, ihn von der
       Bühne zu begleiten, doch Opa Werner blieb stehen und blickte zum Publikum:
       „Wisst ihr, ich hoffe, dass ich das noch lange weitermachen kann und …“ Der
       Applaus verschluckte den Rest. Seine Stimme brach, in den Augen ein
       gerührter Glanz. In der ersten Reihe wischte sich eine Frau Tränen aus dem
       Augenwinkel, in ihrer Hand ein Matcha Latte.
       
       Trotz Trubel, sagt Opa Werner, sei er immer noch derselbe, noch der alte.
       Einer, der seinen Freunden Streiche spielt wie auf Klassenfahrt. Einer, der
       neues Zeug einfach ausprobiert und dabei hervorragend über sich selbst
       lachen kann. Einer, der zeigt, dass das Leben nicht aufhört, nur weil man
       langsamer wird.
       
       Vielleicht sind seine Videos auch deshalb so erfolgreich bei der jungen
       Zielgruppe: weil allein durchs Zuschauen die Angst vorm Altern ein bisschen
       schrumpft. Opa Werner wird in diesen Tagen 89 Jahre alt. Auf dass ihm
       Matsche Latsche noch viele, viele Jahre nicht schmeckt.
       
       14 May 2026
       
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