# taz.de -- Vergessene Helden der Ökologie: Wer den Aal nicht ehrt, ist den Wal nicht wert
       
       > Wenn Wale leiden, bricht vielen Menschen das Herz. Hässlichere Tiere
       > werden dagegen oft übersehen. Zeit für eine Würdigung.
       
 (IMG) Bild: Grünlicher Europäischer Aal (Anguilla anguilla)
       
       Aus den Augen, aus dem Sinn. Kaum lag der arme Wal nicht mehr vor der
       deutschen Küste, kümmerte sich niemand mehr um ihn. Zumindest nicht die
       mediale Öffentlichkeit. Nun wissen wir: Timmy ist tot, der wochenlange
       Rummel war vergebens, und in ein paar Tagen wird niemand mehr über ihn
       sprechen.
       
       Was wir nicht sehen, beschäftigt uns nicht. Können Sie sich zum Beispiel
       noch an die Autofahrten erinnern, bei denen man am Ende die
       Windschutzscheibe schrubben musste? Überall klebten Insekten. Gibt es nicht
       mehr. [1][Wo sind die alle hin?]
       
       Vor knapp zehn Jahren machte [2][die Krefelder Studie] Schlagzeilen. Die
       Anzahl der Insekten sei bundesweit um mehr als 75 Prozent geschrumpft. Das
       ist ein Problem. Wer bestäubt den Großteil der Nutzpflanzen auf den
       Feldern, wenn es keine Bienen, Fliegen und Falter gibt? Wer zersetzt den
       Biomüll, wenn es keine Käfer und Larven gibt?
       
       Außerdem gehören Insekten zur Basis fast jeder Nahrungskette. Wo sie
       fehlen, schwinden die Populationen von Vögeln, Fledertieren, Amphibien und
       Fischen. Klingt nach Apokalypse. Sorgen machen wir uns deshalb trotzdem
       keine. Weil es ja nur Insekten sind.
       
       Weltweit gilt mehr als jede dritte Tier- und Pflanzenart als bedroht. Die
       Gründe für dieses Artensterben sind alle menschengemacht, sei es die
       industrielle Landwirtschaft oder die Ausbeutung natürlicher Ressourcen,
       seien es der Klimawandel oder eingeschleppte Nahrungskonkurrenten und
       Fressfeinde. Das Problem für uns: Aus denselben Ökosystemen, die wir
       zerstören, beziehen wir auch die Rohstoffe, die unser Überleben sichern.
       
       Wie lange diese Ökosysteme noch durchhalten, wissen wir nicht. Zur
       Veranschaulichung [3][spricht man im Naturschutz von der Gefahr eines
       Kaskadeneffekts]. Er erzählt vom Netz, das mit ein paar Löchern noch
       halbwegs in Ordnung ist, bis es plötzlich reißt. Oder vom Jengaturm, der
       immer wackeliger wird, bis er schließlich einstürzt.
       
       Besonders dramatisch ist das Artensterben, wenn Schlüsselspezies betroffen
       sind. Das sind die Arten, die in komplexen Abhängigkeitsketten entsetzliche
       Lücken hinterlassen. Waldelefanten etwa trampeln Schneisen in den
       Dschungel, die andere Tiere als Fluchtwege nutzen und Licht für
       Jungpflanzen schaffen. Auf ihrer Wanderschaft verteilen die Dickhäuter
       Samen mit ihrem Dung.
       
       Eisbären lassen bei ihren Robbenfängen Reste übrig, die das Überleben
       mehrerer fleischfressender Arktisbewohner sichern. Und Wale wälzen bei
       ihren Tauchgängen Nährstoffe aus der Tiefe der Ozeane an die Oberfläche.
       Diese sogenannte Walpumpe düngt den Phytoplankton, der die Grundlage so
       ziemlich aller Nahrungsketten im Meer bildet.
       
       Naturschutzorganisationen versuchen die Krise der Artenvielfalt sichtbar zu
       machen. Sie haben sich dafür fotogene Botschafter ausgesucht, die sanft auf
       das Problem hinweisen: Panda, Gorilla, Feldhamster – alle schön, alle
       flauschig, alle gefährdet. Sie sollen wenigstens ein bisschen Empathie in
       uns wecken. Denn wir schützen lieber Tiere, die uns ähnlich genug sind, um
       unsere Gefühle zu spiegeln. Würmer und Mücken hingegen haben keine Lobby.
       Wirbeltierchauvinismus wird das auch genannt.
       
       Um unsere Ökosysteme zu schützen, braucht es vielleicht jedoch eine neue
       Erzählung von Naturschutz. Eine, die nicht nur die Pandas und Wale ins
       Scheinwerferlicht wirft, sondern auch all die hässlichen, glitschigen,
       krabbeligen, unscheinbaren und schauderhaften Lebewesen, die in den
       Ökosystemen entscheidende Aufgaben übernehmen. Darum widmen wir uns hier
       sieben nicht ganz so putzigen, aber trotzdem lebenswichtigen Tieren.
       
       ## Der Stierkäfer
       
       Über Scheiße spricht man nicht. Verständlich: Im Kot stecken Bakterien und
       Krankheitserreger, also gehen wir auf Abstand. Zum Glück sehen das nicht
       alle Lebewesen so. Für manche ist der ganze Mist ein einziges Festmahl.
       Damit das wissenschaftlicher klingt und sich keiner ekelt, sprechen
       Fachleute von Koprophagie.
       
       Emsig verwertet hierzulande der Stierkäfer das große Geschäft anderer
       Tiere. Schwarz glänzend und mit kleinen Hörnern auf dem Kopf nutzt er den
       Dung von Kühen und Pferden als Nahrung und Kinderzimmer zugleich. Er gräbt
       Tunnel in den Boden, schleppt den Kot hinunter und legt dort seine Eier ab.
       
       Seine koprophagen Larven fressen sich dort dann fett und sorgen für
       fruchtbare Böden, die die erwachsenen Käfer beim Graben auch noch belüften.
       Ohne Mistkäfer sähen Weiden schnell scheiße aus: mehr herumliegende
       Kuhfladen, schlechter wachsendes Gras, mehr parasitische Würmer oder
       Stechfliegen.
       
       Bei uns ist der Stierkäfer regional selten geworden. Vom Aussterben bedroht
       ist er aber nicht, denn er wurde von Australien importiert. Dort verwertet
       er den Dung des europäischen Viehs, den die heimischen Mistkäfer unberührt
       lassen.
       
       ## Die Spinne
       
       Sie haben ein paar Beine zu viel und krabbeln mit ihnen viel zu schnell
       herum. Kaum ein Tier löst so zuverlässig Panik aus wie die Spinne. Wir
       fürchten uns vor tödlichen Bissen, und wenn keine giftigen Arten in der
       Nähe sind, dann wenigstens vor der Legende, wir würden in unserem Leben
       mehrere Spinnen im Schlaf verschlucken.
       
       Was aber stimmt: Spinnen verschlucken selbst viele andere kleine Lebewesen
       und das fällt ins Gewicht. Forschende schätzen, dass Spinnen weltweit
       Hunderte Millionen Tonnen Tierchen im Jahr erbeuten. Spinnen sollen mehr
       Biomasse verwerten als Wale. Spinnen halten also die Populationen im
       Gleichgewicht. Zudem dienen sie anderen Tieren als Nahrung. Bedroht werden
       viele Arten jedoch durch Pestizide, versiegelte Flächen und zu aufgeräumte
       Gärten ohne Nischen und Verstecke.
       
       Fassen Sie sich also ein Herz und lassen sie [4][die Spinnen und ihre
       Netze] in Frieden. Ja, sie sitzen stumm und unansehnlich in den Ecken
       herum. Das tun die Teenager in Ihrem Haus auch, [5][kein Grund, sie deshalb
       zu erschlagen]. Spinnen sorgen für weniger Mücken, Fliegen,
       Lebensmittelmotten, Milben und andere Nervensägen.
       
       Und falls Sie Spinnen bislang immer behutsam im Glas gefangen und
       ausgesetzt haben: Sparen Sie sich die Mühe.
       
       ## Der Blobfisch
       
       Der Blobfisch ist berühmt geworden, weil er auf einem Foto aussieht wie ein
       deprimierter Kaugummi mit Nase. Das Bild ging als Meme viral und der
       Blobfisch wurde zum hässlichsten Tier der Welt gekürt. Dabei beruht das
       Foto auf einem Missverständnis.
       
       Tausend Meter unter der Wasseroberfläche, sieht der Blobfisch nicht ganz so
       zerknautscht aus. Das gallertartige Gewebe seines Körpers macht ihn
       flexibel genug, um den Wasserdruck in den Tiefen auszuhalten. Den richtig
       albernen Eindruck macht der Fisch erst, wenn er durch schnelle
       Dekompression beschädigt wird. In dem Zustand würde niemand einen
       Schönheitswettbewerb gewinnen.
       
       Blobfische leben am Meeresboden, wo sie regungslos auf kleine Tiere warten.
       Da unten ist die Nahrung knapp. Jeder unnötige Flossenschlag wäre
       Energieverschwendung. [6][Bedroht wird der Blobfisch unter anderem durch
       die Tiefseefischerei.] Die Schleppnetze am Meeresboden erwischen den Fisch
       versehentlich, obwohl ihn gar keiner essen will. Machen Sie sich nicht
       lustig über den armen Blobfisch. Wäre Ihre Zukunft so düster, Sie würden
       auch nicht besser aussehen.
       
       ## Der Bartgeier
       
       Fleischfetzen hängen aus dem Schnabel, Blut rinnt den Hals hinab. Der
       starre Blick erinnert an die nächste Killerszene aus einem „Jurassic
       Park“-Film. Weil Geier aussehen wie eine Mischung aus Urzeitungeheuer und
       gerupftem Huhn, werden die riesigen Vögel oft für Monster gehalten. In den
       Alpen erzählte man über den Bartgeier, er würde Menschenkinder fangen – und
       rottete die Population dort aus.
       
       Tatsächlich fressen Bartgeier Aas statt Kinder. Ihr Immunsystem, ihre
       ätzende Magensäure und ihre Bakterien tötende Darmflora ermöglicht es
       Geiern, sich sogar über Kadaver herzumachen, die andere Aasfresser schon
       nicht mehr runterkriegen würden. Auch der meist kahle Vogelkopf hat seinen
       Zweck. Ohne Gefieder im Gesicht bleiben beim Fressen weniger Blut und
       Bakterien am Geier kleben.
       
       Gäbe es keine Geier, wäre unsere Welt noch mehr Müllhalde als ohnehin
       schon. Zum ganzen Abfall kämen noch unzählige verwesende Tiere hinzu.
       Fäulnisbakterien würden sich ausbreiten, Krankheiten würden grassieren.
       
       Geier gibt es fast auf der ganzen Welt. Die Altweltgeier wie Gänse-,
       Mönchs- oder Bartgeier leben in Afrika, Asien und Europa, Neuweltgeier wie
       die Kondore in Amerika. Die meisten Arten sind bedroht. Sie sterben durch
       vergiftete Tiere oder sie verlieren ihren Lebensraum. Beim Bartgeier gibt
       es immerhin Hoffnung. Der wird derzeit [7][erfolgreich in den Alpen wieder
       ausgewildert].
       
       ## Die Muschel
       
       Haben Sie sich auch schon einmal im Gourmetrestaurant [8][beim
       Austernschmaus] den Magen verdorben? So mit heftigen Krämpfen und
       seeungeheuerlichen Fieberträumen? Tja! Muscheln isst man halt auch nicht.
       Sie sind wichtige Tiere, auch wenn sie kein Gesicht haben und aussehen wie
       Kieselsteine mit Scharnier.
       
       Muscheln filtern Schadstoffe. Wie kleine Kläranlagen saugen die Tiere
       Wasser an, filtern Schwebstoffe, Algen und Kleinstlebewesen heraus und
       geben saubereres Wasser wieder ab. Das hält ganze Seen und Flüsse klar.
       
       Doch fast alle heimischen Großmuscheln stehen inzwischen auf der Roten
       Liste gefährdeter Arten. Besonders schlimm trifft es die Flussperlmuschel
       und die Bachmuschel. Beide gelten in manchen Regionen als fast
       ausgestorben.
       
       Verschmutztes Wasser, Flussbegradigungen und Staudämme machen den Muscheln
       zu schaffen. Dazu [9][kommen invasive Arten] wie die Quagga-Dreikantmuschel
       aus dem Schwarzen Meer. Sie hat sich an Schiffe geheftet oder ist im
       Brackwasser mitgeschwommen und verdrängt nun unsere heimischen Arten, etwa
       im Bodensee. Wenn Sie also schon unbedingt Muscheln schlürfen wollen,
       nehmen Sie die invasiven.
       
       ## Die Wechselkröte
       
       Warzen. Glibber. Urgs. Keiner mag Kröten, nicht einmal im Märchen. Da wird
       der Froschkönig nicht etwa geküsst. Er wird an die Wand gepfeffert. Das
       sollte man sich heutzutage besser sparen, denn Amphibien sind zusammen mit
       den Insekten besonders vom Artensterben betroffen. Frösche, Kröten und
       Lurche stehen unter Naturschutz. Wo sie entdeckt werden, legen sie
       Bauprojekte lahm. Zur Krötenwanderung helfen ihnen Menschen über die
       Straße. Doch ihr Lebensraum wird immer knapper.
       
       Die Wechselkröte hat sich deswegen schon angepasst. Während in den
       vergangenen 50 Jahren die eigentlichen Feuchtgebiete trockengelegt wurden,
       laicht diese Art notfalls auch in Pfützen auf Baustellen oder in Fahrspuren
       ab. Trotzdem gilt die Wechselkröte in Deutschland als stark gefährdet, in
       der Schweiz ist sie bereits verschwunden.
       
       Mit ihren beige-grünen Flecken auf der Haut sieht die Wechselkröte aus wie
       eine verschimmelte Brötchenhälfte, und sie heißt so, weil sie je nach
       Untergrund etwas heller oder dunkler wirkt. Ein Tier vertilgt nachts bis zu
       150 Insekten, dazu Spinnen und auch Schnecken. Ihre Kaulquappen halten die
       Teiche sauber. Stimmt etwas mit dem Wasser nicht, geht es den Kröten
       schlecht. Die Amphibien sind eine Art Fieberthermometer für das
       Feuchtbiotop.
       
       ## Der Aal
       
       Noch nie hat ein gestrandeter Aal einen Medienrummel ausgelöst. Wenn jemand
       nach ihm ruft, dann ist das Aale-Dieter auf dem Fischmarkt, dann ist der
       Aal geräuchert und kommt mit Rührei und einer Scheibe Zitrone. Für das
       weitere [10][Schicksal der Aale] interessiert sich kaum jemand. Vielleicht,
       weil sie Schlangen ähneln und wir auch von Schlangen nichts wissen wollen.
       
       Lange Zeit wussten die Menschen nicht einmal, wie und wo sich Aale
       vermehren. Inzwischen ist klar: Der Europäische Aal reist zur Paarung über
       5.000 Kilometer bis in die Sargassosee im Atlantik vor Florida, seine
       Larven nutzen dann Meeresströmungen, um zurückzugelangen. Aale können also
       süß wie salzig, in einem Leben reisen sie durch Flüsse, Seen und Meere.
       Dabei transportieren sie Nährstoffe durch ganze Ökosysteme.
       
       Seine Wanderlust jedoch bringt den Aal in Schwierigkeiten. Die Flüsse
       [11][sind verbaut], die Meere überfischt. Dazu verändert der Klimawandel
       die Temperaturen und Strömungen im Wasser. Wegen ihres komplexen
       Lebenszyklus können Aale nicht kommerziell in Gefangenschaft gezüchtet
       werden. In vielen Regionen sind [12][die Aalbestände dramatisch
       eingebrochen].
       
       18 May 2026
       
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