# taz.de -- Familiendrama „Wir glauben euch“: Ihre Augen und Mimik sind wie ein Buch
       
       > „Wir glauben euch“ von Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys inszeniert
       > einen Sorgerechtsstreit in Echtzeit. Der Film zeigt eine Familie im
       > Ausnahmezustand.
       
 (IMG) Bild: Gesichter in Großaufnahmen einfangen: Alice Piron (Myriem Akheddiou) und M. Goossens (Laurent Capelluto) in „Wir glauben euch“
       
       Wahrhaftigkeit ist die Währung, der das naturalistisch gedachte Kino
       nachjagt. Es sucht nach „echten“ Momenten, nach kinematografischen
       Wirklichkeitssplittern, die durch Authentizität – in der Bewegtbildkunst
       ohnehin ein schwieriger Begriff – nahegehen. [1][Die Idee eines
       Wirklichkeitskinos] atmet auch Charlotte Devillers' und Arnaud Dufeys'
       Debüt „Wir glauben euch“ in jeder Sekunde und schmettert sie in
       meisterlicher filmischer Konzentration in gerade einmal 78 Minuten auf die
       Leinwand.
       
       Das belgische Drama, das seine Premiere in der [2][Debütfilm-Sektion
       Perspectives] auf der Berlinale feierte und etliche Preise gewann, hangelt
       sich in drei atemlosen Akten um einen Kampf, buchstäblich: Die 40-jährige
       Alice (Myriem Akheddiou) will vor Gericht gegen den Vater (Laurent
       Capelluto) das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder durchsetzen – die
       Gründe dafür, das legt der vielschichtige Film Schicht um Schicht frei,
       sind markerschütternd.
       
       „Wir glauben euch“ beginnt auf der Straße. Gefilmt in quadratisch engen
       Bildern, in denen die immer wieder in Großaufnahmen eingefangenen Gesichter
       zum narrativen Geigerzähler der Ereignisse werden, versucht Alice ihren
       Sohn Etienne (Ulysse Goffin) in die Straßenbahn zu verfrachten. Der
       Zehnjährige wirft sich auf den Boden und will partout nicht einsteigen,
       erst seine punkige Teenager-Schwester Lila (Adele Pinckears) dringt zu ihm
       durch.
       
       In dem sterilen, kalten Gerichtsgebäude dann verschiedene Schocks. Der
       Vater, gegen den parallel noch ein Strafverfahren läuft, wie später
       herauskommt, sitzt mit seiner Anwältin im Warteraum. Und dass, obwohl
       Etienne die Richterin schriftlich gebeten hat, ihm nicht begegnen zu
       müssen. Wenig später dann werden ihre Kinder, ohne dass sie darüber
       Bescheid wusste, isoliert von einem vom Gericht gestellten Anwalt befragt.
       Die Trennung löst bei Alice einen hysterisch wirkenden Ausbruch aus.
       
       ## Den Kindern nicht gerecht werden
       
       Was im zweiten, zentralen Akt folgt, ist eine Lehrstunde in filmischer
       Verdichtung. Über 55 Minuten folgt die Kamera dem Verfahren und den
       verschiedenen Monologen der Anwesenden. Gedreht wurde in Echtzeit in einem
       einzigen Take mit drei Kameras, die durch eine Montagechoreografie der
       sprechenden und vor allem der schweigend zuhörenden Gesichter eine
       unfassbare Intensität erzeugen. Die Anwält:innen sind echt und haben nie
       zuvor vor Kameras gespielt.
       
       Die junge Anwältin kämpft für das Umgangsrecht des Vaters und zeichnet
       Alice als psychisch und physisch labile Frau, die den Kindern nicht gerecht
       werden kann, sie von der Welt abschneidet und, wie sie sagt, in einen Kokon
       steckt. Es folgen Aussagen des Kinderanwalts, von Alices Anwältin, dem
       Kindsvater und schließlich von Alice selbst.
       
       Alles spitzt sich auf die Aussage der Mutter zu, die zuvor mit sichtlicher
       Anstrengung um Fassung ringen musste. Myriem Akheddiou spielt diese Frau
       mit unfassbarer emotionaler Vulnerabilität bei gleichzeitigem Kampfgeist,
       dass einem der Atem stockt – echter kann sich Schauspiel nicht anfühlen.
       Ihre Augen und ihre Mimik sind ein Buch, in dem sich Abgründe und Traumata
       auftun. Im dritten Akt schließlich verlässt die Familie das Gebäude, auch
       hier kommt es zu einem Übergriff.
       
       „Wir glauben euch“ wird durchweg begleitet von einer beklemmenden
       Anspannung. In diesem Modus erzählt das Regieduo nach eigenem Drehbuch von
       einer Familie im Ausnahmezustand und von den Mühlen eines Justizsystems,
       das hinterfragt und dabei alles andere als rücksichtsvoll mit denjenigen
       umgeht, die sich selbst nicht schützen können. Geschickt verschiebt der
       Film das Bild der Gesamtsituation von Aussage zu Aussage, setzt es neu
       zusammen und macht die Zuschauenden, ohne falsch zu moralisieren, zu
       Komplizen. Ja, wir glauben euch!
       
       10 May 2026
       
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