# taz.de -- Spielfilm „The Chronology of Water“: Trauma zerstört Chronologie
       
       > In „The Chronology of Water“ von Kristen Stewart ist das Erinnern eine
       > körperliche Erfahrung. Das Regiedebüt lässt eintauchen in einen Strudel
       > aus Empfindungen.
       
 (IMG) Bild: The Chronolgy of Water ist der Debütfilm der Schauspielerin Kirsten Stewart
       
       Blut läuft in dünnen Rinnsalen über weiße Fliesen und sammelt sich am Rand
       eines Abflusses. Ein Mädchen kniet in der Dusche. Ihr Körper zittert, ein
       Stakkato grobkörniger Super-8-Bilder, während eine weibliche Stimme aus dem
       Off flüstert: „Memories are like stories.“
       
       Es ist ein Anfang, der sich einprägt, und in dem bereits angelegt ist,
       worum es im Regiedebüt der US-amerikanischen Schauspielerin Kristen Stewart
       geht: „The Chronology of Water“ versteht Erinnerung als körperliche
       Erfahrung, als etwas, das nicht chronologisch abläuft, sondern in
       Schlaglichtern zurückkehrt – als Schmerz, als Bild, als Geräusch. Und nicht
       immer ist der Erinnerung zu trauen.
       
       Der Film basiert auf Lidia Yuknavitchs gleichnamigem Memoir von 2011
       (Deutsch 2024, „In Wasser geschrieben“) und folgt der Protagonistin (Imogen
       Poots) von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Lidia wächst in einem
       Haus auf, in dem Gewalt zum Alltag gehört. Der Vater missbraucht sie und
       ihre ältere Schwester, die Mutter versinkt im Alkohol und im Wegsehen.
       
       ## Schreiben als Sprache und Ventil
       
       Für Lidia wird das Wasser zur Zuflucht. Als talentierte Schwimmerin
       erkämpft sie sich ein Stipendium, eine Möglichkeit zur Flucht. Doch das
       Trauma lässt sie nicht los. In der Freiheit des Collegelebens verliert sie
       sich in Drogen und destruktiven Beziehungen. Ihre Karriere zerfällt, ihr
       Leben driftet auseinander. Über das Schreiben findet sie Sprache und Ventil
       für das, was ihr widerfahren ist. Eine Möglichkeit, sich neu zu formen.
       
       Stewart erzählt dies nicht in linearer Entwicklung, sondern fragmentarisch.
       Erinnerungen brechen in die Gegenwart ein, Szenen enden abrupt. Die Kamera
       klebt an Gesichtern, Haut, Details. Ein zuckendes Augenlid, ein
       Blutstropfen, eine Hand im Wasser. Es gibt kaum etablierende Einstellungen,
       kaum Orientierung. Es entsteht ein Strom aus Eindrücken, der den Zustand
       der Protagonistin spürbar macht. Stewart will nicht erklären, sie will
       eintauchen lassen in diesen Strudel aus Empfindungen.
       
       ## Trauma zerstört Chronologie des Gefühls
       
       Diese Strategie besitzt eine zwingende Logik. Trauma zerstört Chronologie,
       es zerschlägt das Gefühl von Vorher und Nachher. Der Film übersetzt diese
       Erfahrung in eine Form, die sich einer klassischen Dramaturgie und
       Erzählung verweigert, in ein Kino der Zustände. Lidia erscheint nicht als
       eine Figur mit klaren Zielen, sondern als Körper, der reagiert, sich
       betäubt, verletzt und erinnert.
       
       In dieser Radikalität liegt die Ambivalenz des Films. Stewart vertraut so
       sehr auf die Kraft einzelner Bilder, dass sie die Entwicklung ihrer Figur
       aus den Augen verliert. Szenen wirken wie Splitter, die keinen festen
       Zusammenhang bilden. Als Zuschauer bleibt man oft auf Distanz, weniger aus
       Gleichgültigkeit, denn aus Orientierungslosigkeit. Man versteht, dass Lidia
       leidet, aber wie sich dieses Leiden verändert, wird kaum ersichtlich.
       
       Der Film verstärkt diesen Eindruck durch den exzessiven Einsatz von
       Voiceover. Immer wieder kommentiert Lidia ihr Leben in poetischen, oft
       vernuschelt-gehauchten Sätzen, die mehr beschwören als erklären. Diese
       Sprache besitzt eine eigene Schönheit, doch sie ersetzt häufig die konkrete
       Begegnung zwischen Figuren. Gespräche bleiben Andeutungen, Beziehungen
       erscheinen skizzenhaft. Selbst zentrale Ereignisse entfalten ihre Wirkung
       nur begrenzt, weil der Film sie kaum ausspielt.
       
       ## Körper im Raum, die aufeinander reagieren
       
       Gleichzeitig gibt es Momente von großer Klarheit. Wenn Lidia in einem
       Schreibseminar dem Schriftsteller Ken Kesey begegnet, öffnet sich der Film
       für kurze Zeit. Jim Belushi spielt ihn als abgeklärten Mentor, der Lidias
       Talent erkennt, ohne sie zu bevormunden. In diesen Szenen entsteht etwas,
       das dem Film sonst fehlt: Gegenwart. Hier existieren Menschen nicht als
       Erinnerungsfragmente, sondern als Körper im Raum, die aufeinander
       reagieren.
       
       Es sind dann eher solche Momente, die zeigen, was Stewart als Regisseurin
       kann. Die 35-jährige Schauspielerin, die mit den „Twilight“-Filmen zum Star
       wurde und [1][sich seitdem sehr dezidiert von Erwartungen freispielt], ob
       in europäischen Arthouse-Filmen wie [2][Olivier Assayas Personal Shoppe]r
       oder zuletzt der blutigen [3][Revenge-Satire Love Lies Bleeding], besitzt
       ein außergewöhnliches Gespür für physische Präsenz. Ihre Kamera betrachtet
       Körper mit einer Intensität, die zugleich zärtlich und schonungslos ist.
       Schmerz, Lust, Scham und Befreiung existieren als körperliche Zustände,
       nicht als abstrakte Themen.
       
       Das Zentrum dieses Films bleibt jedoch Imogen Poots, die mit ihrer Präsenz
       das Gewicht dieser fragmentierten Struktur trägt. Sie spielt Lidia weder
       als Opfer noch als Heldin, sondern als widersprüchlichen, komplexen
       Menschen. Ihre Mimik erzählt von Müdigkeit, Wut und Sehnsucht zugleich.
       Selbst in den Momenten, in denen der Film seine Figur abhandenkommt, bleibt
       ihre Gegenwart spürbar.
       
       ## Ein Schutzschild, das Nähe verhindert
       
       „The Chronology of Water“ ist so ein Film, der sich jeder Bequemlichkeit
       entzieht. Er fordert Aufmerksamkeit und Geduld, ohne immer eine klare
       Belohnung zu bieten. Seine kompromisslos-intensive Subjektivität wirkt
       manchmal wie ein Schutzschild, das Nähe verhindert.
       
       Das Debüt des Hollywoodstars, uraufgeführt beim Festival in Cannes, ist
       kein gefälliger Einstieg, sondern ein riskanter Versuch, eine literarische
       Innenwelt in Kino zu übersetzen. Stewart zeigt den Mut, eine persönliche
       Vision gegen narrative Konventionen zu verteidigen. Ihr Film wirkt
       unfertig, überladen und gelegentlich auch selbstverliebt. Doch er besitzt
       eine Dringlichkeit, die sich nicht ignorieren lässt.
       
       4 Mar 2026
       
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