# taz.de -- Die Kunst der Woche: Das funktionslose Ding
       
       > Ob mit Fett auf Glas oder Öl auf Leinwand: Im Projektraum „schon“ wie
       > auch bei Vivian Zhang in der Galerie Max Hetzler geht es um den Shift zur
       > Abstraktion.
       
 (IMG) Bild: Das Straßenbild wird optisch zerlegt wie bei einem kubistischen Gemälde: Martin Doerr in der Ausstellung „Value Shuttles. 1+1=3“
       
       Ziemlich weit weg vom gerade erst überstandenen
       Gallery-Sellerie-Weekend-Trouble, geradezu darüber erhaben ist der
       Projektraum „schon“. Nicht weit entfernt von der Storkower Straße liegt der
       sympathisch zwischen DDR und 90er Jahren hängengebliebene Ort, wo man vor
       einigen Jahren ein Reihenhaus-Suburbia hinter Friedrichshainer
       Mietskasernen fehlgeplant hat: eigentlich das Atelier des Malers Gunter
       Reski. In der Ausstellung „Value Shuttles. 1+1=3“ geht es zunächst radikal
       simpel zu.
       
       Etwa bei den abstrakten Computergrafiken von Horst Bartnig, die auch ein
       unbekanntes Stück DDR-Kunstgeschichte zeigen. Auf einfachem Papier lagert
       Bartnig die Umrisse von Rechtecken zu wabernden Oberflächen übereinander
       und nebeneinander. Für seine Proto-KI-Kunst verwendete er 1985
       Hochleistungsrechner der DDR, mithilfe eines „Programmautors“, wie damals
       ein Informatiker bezeichnet wurde. In Kleinstarbeit hat Carla Nagel aus
       Formularen und anderen Amtsausdrucken die Buchstaben ausgeschnibbelt und
       aus ihrem Kontext herausgelöst. Neu auf Papier geklebt, formen sie florale
       Muster, werden zur schönen Oberfläche.
       
       Auch die Aluminiumröhren oder Scharniere verlieren ihre Funktion, hat
       Hans-Christian Lotz sie einmal in dem Format eines mittelgroßen Gemäldes
       angeordnet. Jetzt sind die industriellen Materialien nur noch nutzloses
       Objekt der ästhetischen Betrachtung, des Kant’schen „interesselosen
       Wohlgefallens“.
       
       ## Wie ein kubistischer Zeichentrickfilm
       
       So klein die Ausstellung ist, sie trifft ein großes Thema der Kunsttheorie,
       geht es hier doch um die Verschiebungen von Funktion zu Funktionslosigkeit,
       vom Konkreten zum Abstrakten. Martin Doerrs Raumintervention funktioniert
       darin hervorragend: Er hat auf das Schaufenster mit Industriefett ein
       geometrisches Muster geschmiert. Alles, was sich hinter dem Fenster auf der
       Straße abspielt, wird dadurch optisch zerlegt, als liefe ein kubistischer
       Zeichentrickfilm an der Fensterscheibe ab.
       
       Einen Shift vom Konkreten zum Abstrakten macht auch Vivien Zhang in der
       Galerie Max Hetzler. Hier aber mit farbintensiver, kontrastreicher Malerei.
       Man muss schon einen gewissen Mut aufbringen, so kitschig geltende Motive
       wie Blumen und Schmetterlinge derart aufs große Format zu ziehen. Sie sehen
       aus wie mit Photoshop zusammencollagiert, sind voller Glitches. Zhang nutzt
       auch solche Vorlagen. Auf die Leinwand überträgt sie jedoch alles per Hand
       – mal aquarellig verschwommen, mal scharf voneinander abgesetzt.
       
       Und so führt die in London lebende Künstlerin schon formal zur Frage nach
       Original und Fälschung, um die es hier auch inhaltlich geht. Denn die
       dargestellten Blüten gelten in bestimmten Geografien als heimisch, dienen
       zur Identifikation mit einem Ort, obwohl man sie manchmal nur von Fotos her
       kennt.
       
       Die Schmetterlinge hingegen sind migrierende Arten, die das Muster ihrer
       Flügel an die neue Umgebung anpassen können. Herkunft, Identität und
       Authentizität – auf Zhangs Gemälden sind es keine klaren Dinge.
       
       5 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Jung
       
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