# taz.de -- Wochenmarkt in Prenzlauer Berg: Kontrollierte Vielfalt
> Der Kollwitzmarkt gilt vielen als Endgegner der Gentrifizierung. Hier
> treffen sich Wohlhabende aber auch Berliner Randexistenzen. Ein
> Marktbesuch.
(IMG) Bild: Auf dem Berliner Kollwitzmarkt lässt es sich leben
Am Rand des Kollwitzmarktes steht ein blitzblanker Benz R107 mit
Frankfurter Kennzeichen. Siebzigerjahre-Chrom,
Zigarette-im-Aschenbecher-Ästhetik. So ein Auto kostet heute schnell 80.000
Euro, vom Sprit gar nicht zu reden. Ein paar Meter weiter steht ein
Rolls-Royce einer Berliner Luxus- und Sportwagenvermietung. Weißer
Hochzeitsstrauß auf der Motorhaube. Tagesmiete: 2.999 Euro. Spätestens hier
startet normalerweise der Klassenhass.
Wir befinden uns auf dem Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz im Herzen von
Berlins schicken Ortsteil Prenzlauer Berg. Es ist kurz nach zehn, die Sonne
schiebt sich langsam durch die Wolken, die ersten Leute bestellen ihren
Latte, über den Platz ziehen Fisch-, Obst- und Sesamgerüche. Der Markt
wurde viel beschrieben und oft verspottet: als Freiluftzoo der
Besserverdienenden. Als Wellnessbereich der Gentrifizierung.
Und trotzdem lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen. Denn zwischen
Sauerteigbrot, Kuhmilchkäse aus dem Burgund und Schinken aus spanischer
Eichelmast wird etwas sichtbar, das weit über Prenzlauer Berg hinausweist:
die Frage, warum Menschen sich überhaupt noch freiwillig unter andere
Menschen mischen, obwohl inzwischen fast alles digital, kontaktlos und
allein funktioniert.
Auf den ersten Blick bedient der Kollwitzmarkt an diesem Samstagvormittag
jedes einzelne Klischee. Der grüne Spargel aus Italien und der Blumenkohl
aus Ägypten kosten ungefähr ein Drittel mehr als im Rewe. Die Maultaschen
liegen beim doppelten Preis. Die Tortelloni in der Variante Steinpilz mit
Honig kosten 3,90 pro hundert Gramm. Wer zu zweit satt werden will, landet
schnell bei zwanzig Euro, eher mehr.
Trotzdem stehen die Leute Schlange. Sie lassen sich Gemüse sorgfältig in
braunes Papier wickeln und legen es vorsichtig in ihre Korbtaschen. Manche
tragen Leinenhemden in Farben, die vermutlich Sand oder Salbei heißen.
Andere führen Hunde spazieren, die aussehen, als würden sie ausschließlich
Quark bekommen.
Viele trinken um elf Uhr das erste und um zwölf das dritte Glas Weißwein
oder Aperol Spritz. Manche lachen mit weit aufgerissenem Mund, als wäre
selbst Lockerheit inzwischen eine Form von Leistung. Ein Mann mit Panamahut
bestellt zwölf [1][irische Felsenaustern] und Champagner für 64 Euro. „Wer
will denn halb lebendige Tiere essen?“, murmelt ein anderer im Vorbeigehen.
## Eine Bühne für den Prenzlauer Berg im Wandel
Der Kollwitzmarkt funktioniert wie eine Bühne, auf der Prenzlauer Berg sich
selbst beim Leben zusieht, während im Hintergrund jener soziale Austausch
weiterarbeitet, der diesen Stadtteil innerhalb von zwei Jahrzehnten fast
vollständig umgebaut hat.
Tatsächlich hat er sich radikaler verändert als viele, die hier auf dem
Markt einkaufen, ahnen. [2][Der Soziologe Thomas Dörfler beschreibt
Prenzlauer Berg vielleicht am genauesten als Labor der Nachwendezeit.] In
den Achtzigerjahren lebten hier Künstler*innen, Dissident*innen, [3][Leute
aus der DDR-Gegenkultur], viele in heruntergekommenen Altbauwohnungen mit
Kohleöfen und geteiltem Klo auf halber Treppe. Nach der Wende kamen zuerst
die Kreativen aus dem Westen, später die urbanen Mittelschichten, die
Bobos, soll heißen bourgeoisen Bohemians, Yuppies oder Lohas, was für
„Lifestyle of Health and Sustainability“ steht.
Etwa die Hälfte der alten Bewohner*innen verschwand, eine neue Hälfte zog
ein.
Die Zahlen erzählen dieselbe Geschichte. Prenzlauer Berg ist einer der
reichsten Ortsteile Berlins und am reichsten sind die Menschen dort am
Kollwitzplatz. [4][Die Arbeitslosenquote liegt hier nur bei 2,1 Prozent],
[5][das durchschnittliche Gehalt bei knapp 6.000 Euro]. In sozial
schwächeren Vierteln wie Neukölln liegt die Arbeitslosenquote in manchen
Quartieren bis zu zehnmal höher und [6][das durchschnittliche Gehalt bei
weit unter 3.000 Euro.] Gleichzeitig stabilisiert sich der Prenzlauer Berg
immer stärker: Mehr als 61 Prozent der Bewohner*innen wohnen seit
mindestens fünf Jahren an derselben Adresse. Früher war dieser Kiez
Durchgangsstation. Heute bleibt, wer es geschafft hat.
Was es gekostet hat, das zu schaffen, meint man in vielen der Gesichter zu
sehen, die sich hier amüsieren: Diese angespannte Müdigkeit, als kämen sie
entweder gerade aus einem Zoom-Meeting oder müssten in zwanzig Minuten ins
nächste. Diese guten Zähne. Diese teuren Brillen. Drei junge Leute freuen
sich überschwänglich über Eier aus Brandenburg und über einen Thüringer
Wurststand mit frischer Blutwurst, als hätten sie so etwas noch nie
gesehen.
## Amerikanischer Akzent, freundlich, entspannt
Und trotzdem kippt das Bild ständig. Unweit vom Wurststand sitzt ein Paar
um die Fünfzig in Second-Hand-Klamotten auf kleinen Hockern. Amerikanischer
Akzent, freundlich, entspannt. Sie wohnen direkt am Platz, finden es hier
„gemütlich“, wie sie sagen, und vermutlich ist es das auch im Vergleich zu
New York oder San Francisco. Beide arbeiten viel. Samstags gehen sie
trotzdem runter auf den Markt und lassen das Handy in der Wohnung. „Dann
trifft man wenigstens Menschen“, sagen sie. Wind egal. Regen egal. Jeden
Samstag hier.
Eine junge Frau führt Besuch aus Münster herum und trinkt Aperol Spritz.
„Den Wocheneinkauf könnte ich mir hier niemals leisten“, sagt sie, erwähnt
ihren alten Mietvertrag und lacht ziemlich ehrlich dabei.
Dann steht da ein Typ mit Basecap und Dreitagebart. Gebürtiger Prenzlauer
Berger. Zwischendurch nach Moabit gezogen, inzwischen zurück. „Alle tun
immer so, als wäre das hier komplett verloren“, sagt er. „Dabei finde ich
den Kiez entspannter als seinen Ruf.“ Er zeigt auf einen kleinen Stand mit
seltsamen Seifen.
## Vulvaförmige Seifen und Kakerlaken aus Kronkorken
Dort verkauft die Berliner Künstlerin LeKrek vulvaförmige Seifenstücke für
17 Euro pro Exemplar. [7][Inspiriert von Mithu Sanyals viel diskutiertem
Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“], erzählt sie.
Jede Form basiert auf dem Abdruck einer echten Person. Kleine nachhaltige
Skulpturen, die sich langsam beim Duschen auflösen. „Wir müssen das Organ
sichtbar machen“, sagt sie. Und dass sie Kunst außerhalb von Museen machen
möchte, feministische Kunst, die man einfach aufbrauchen kann.
Ein paar Meter weiter verkauft Peter, der seinen Nachnamen unwichtig
findet, Bleistiftzeichnungen „ohne Absetzen“, wie er sagt und
Drahtskulpturen. Kleine Kakerlaken aus plattgedrückten Kronkorken von
Cola-Flaschen zum Beispiel. Cokeroaches nennt er sie. [8][Kakerlaken als
Symbol für Verfall], Überleben und Berliner Zähigkeit. „Du siehst auf’m
Kolle Leute, wo du denkst: schicke Klamotten“, sagt er. „Und dit hat Stil.
Die würden niemals Gucci zeigen.“
Und plötzlich beginnt der Klassenhass zu stottern. Denn auf dem
Kollwitzmarkt passiert noch etwas anderes, das sich erst auf den zweiten
Blick offenbart. Leute mit ziemlich viel Geld finanzieren hier ganz
nebenbei Existenzen quer, die in anderen Städten längst verschwunden wären:
Künstler*innen, kleine Produzenti*nnen, [9][Menschen also, die in den
Hochglanzbroschüren über kreative Städte zwar ständig auftauchen, deren
tatsächliche Lebensrealität aber meistens prekär bleibt.] Eine Art
informelle Umverteilung.
Marktleiterin Steffi Hendewerk kennt und fördert dieses System sehr
präzise. Sie hat den Markt von ihrem Mann Philipp Strube übernommen, einem
frühen Prenzlauer-Berg-Pionier aus Nachwendezeit, der Ende der
Neunzigerjahre einen der ersten Feinkostläden im Kiez aufbaute und später
den Markt. Viele Händler*innen leben bis heute ausschließlich von diesem
Ort. Achtzig der ungefähr hundert Stände sind seit Jahren in denselben
Händen. „Die Aperolstände sind nötig“, sagt Hendewerk. Sie finanzieren die
kleineren Stände mit. Mehr davon wolle sie trotzdem nicht. „Die Mischung
muss stimmen.“
Tatsächlich funktioniert der Markt an dieser Stelle nicht nur wie eine
Distinktionsmaschine, sondern wie eine Art Erlebnismarkt für eine
saturierte Großstadtbevölkerung, die sich nach analogem Leben sehnt. Leute,
denen nachgesagt wird, dass sie gern unter sich bleiben, sitzen plötzlich
mit anderen Menschen an Bierbänken und reden über Honig, die AfD in
Thüringen oder Iran. Sie treffen Milieus aus anderen Schichten, Zeiten,
Breitengraden: Philippinisch am Stand mit gebratenen Nudeln. Japanisch beim
Kohlpfannkuchen, Uigurisch bei den Teigtaschen, Arabisch bei den syrischen
Süßigkeiten, Feminismus bei den Seifen und Selbstausbeutung bei der
Drahtkunst.
Natürlich bleibt das alles eine sehr kontrollierte Form von Vielfalt.
Niemand wird auf dem Kollwitzmarkt ernsthaft mit sozialem Elend
konfrontiert. Dafür sind die Preise zu hoch. Aber immerhin entsteht hier
noch dosierte Reibung. Es gibt Gerüche. Gespräche. Kleine Irritationen. Das
ist in vielen Innenstädten längst nicht mehr selbstverständlich.
## Gegenmodell zur austauschbaren Innenstadt
Denn klassische Einkaufsstraßen verlieren seit Jahren ihre Funktion.
[10][Kaufhäuser sterben.] Auch Shoppingmalls kämpfen gegen Onlinehandel und
hohe Betriebskosten.
[11][Innenstädte verwandeln sich vielerorts in austauschbare Zonen aus
Kettenläden,] Leerstand und Systemgastronomie, durch die Menschen zwar
hindurchlaufen, in denen sie sich aber kaum noch wirklich aufhalten. Der
Kollwitzmarkt wirkt dagegen fast wie ein Gegenmodell. Beweglich,
improvisiert, temporär. Keine Rolltreppenmusik. Keine sterile Mall.
Stattdessen Gedränge, Wetter, Fettgeruch, Menschen.
Und trotzdem ist das Ganze natürlich widersprüchlich bis zum Anschlag. Denn
der Kollwitzmarkt ist und bleibt eben auch eine freundlich duftende
Oberfläche der Gentrifizierung. Ein therapeutisch aufgehellter Endzustand
kapitalistischer Vereinsamung. Die Leute kaufen sich hier keine Kartoffeln.
Sie kaufen sich soziale Nähe in biologisch abbaubaren Verpackungen, anstatt
sich einfach in den Park zu setzen, miteinander zu reden und das Geld, das
sie so sparen, an soziale Projekte zu spenden. Aber natürlich funktioniert
das so einfach nicht.
Kurz vor zwei steht eine mittelalte Frau mit raspelkurzen Haaren und
blutrotem Lippenstift beim Imker Olaf Nils Dube. Elegant angelt sie vier
Pfandgläser aus ihrer winzigen Tasche und lacht mit hoffnungslos
verrauchter Stimme. Hinter ihr öffnet jemand die nächste Flasche Crémant.
Vor ihr erklärt Dube gerade den Unterschied zwischen Demeterhonig und
Industriehonig. Früher arbeitete er im Büro. Bauer konnte er ohne Kapital
nicht werden. Also wurde er Imker.
„Du denkst erst: Was für ’n Schnösel“, sagt er, als die Frau weg ist. „Und
dann erzählt dir plötzlich jemand von einem Schicksalsschlag, von einer
Krebserkrankung oder irgendeiner anderen Geschichte. Und plötzlich wandelt
sich dieses Bild ganz massiv. Das ist eine gute Erfahrung.“
Der Mercedes aus Frankfurt steht immer noch am Rand des Marktes. Sehr
teuer. Sehr absurd. Aber zwischen Honiggläsern, Drahtkakerlaken und
vulvaförmigen Seifen wirkt selbst dieses Auto plötzlich eher wie Teil einer
seltsamen Berliner Übergangszeit. Einer Zeit, in der die Stadt zwar immer
glatter, teurer und kontrollierter geworden ist, gleichzeitig aber
verzweifelt nach Orten sucht, an denen Fremde noch miteinander ins Gespräch
kommen.
16 May 2026
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(DIR) Susanne Messmer
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