# taz.de -- Prenzlauer Berg im Wandel: Zwischen Milchreistorte und Austern
> Mit dem Café Sowohlalsauch verschwindet ein Relikt der frühen
> Gentrifizierung – und macht Platz für die Frage, was dem Kiez wirklich
> fehlt.
(IMG) Bild: Schön und gut, aber 5,60 Euro wert?
Okay, um die Milchreistorte ist es schon ein bisschen schade. Und um die
Quarktaschen. Und um den [1][Kaiserschmarrn] natürlich, vielleicht einen
der lockersten und karamelligsten, den man außerhalb von Österreich bekam.
Mit dem legendären Café Sowohlalsauch in der Kollwitzstraße macht nach der
Oderquelle in der Oderberger Straße eine weitere Institution in
[2][Prenzlauer Berg] dicht, die sich den galoppierenden Veränderungen des
Kiezes zum Trotz seit den Neunzigern gehalten hat. Das ist einerseits
schade, denn was da jetzt reinkommt, ist vorhersehbar fürchterlich: ein
weiteres Café für Menschen am Laptop vielleicht, wo es Kuchen von der
Stange geben und der Kaffee nicht unbedingt billiger, aber ziemlich sicher
labbriger sein wird.
Andererseits ist es auch nicht so schade. Denn mal ehrlich: Das
Sowohlalsauch hat während der ersten Welle der Gentrifizierung aufgemacht
und war dafür mitverantwortlich, dass die ersten Touris und
Fernsehsternchen kamen – [3][die Revolution frisst ihre Kinder]. Und
außerdem: Wer, der weder geerbt hat noch Lust hat, sich dafür zu Tode zu
arbeiten, kann es sich leisten, regelmäßig in solchen Läden zu sitzen, wo
der Latte 5,60 und die Torte 7,20 kostet?
Prenzlauer Berg hat sich verändert und verändert sich stetig weiter. Vieles
wird immer noch polierter. Ein Samstag auf dem Kollwitzmarkt im Frühjahr
2026 reicht da als Anschauungsunterricht. Zwischen den Ständen drängen sich
keine Omas mehr aus Schwaben, sondern nur noch teuer gekleidete, normschöne
und weiße mittelalte Menschen, die sich durchprobieren, hier ein Stück
Trüffelkäse, dort eine Handvoll Austern, und hinterher schön alles mit
einem Glas Perlwein im Stehen runterspülen, was bei Lichte betrachtet eher
aus Statusgründen schmeckt. Das mag alles seine Daseinsberechtigung haben,
aber es hat auch etwas Beliebiges bekommen. Es könnte genauso in Paris,
London oder sonst wo stattfinden, wo es uninteressant ist.
In diesem Umfeld hatte das Sowohlalsauch trotz gepfefferter Preise etwas
von einem Relikt aus einer anderen Zeit. Es war im Vergleich kein
spektakulärer Ort mehr, aber einer, der funktioniert hat, weil er einfach
gut gemacht war. Weil man wusste, dass man etwas für sein Geld bekommt.
Solche Orte verschwinden nicht zufällig, sie passen irgendwann nicht mehr
in die Logik eines Viertels, das sich immer noch weiter, höher und
schneller über Angebot und Nachfrage organisiert.
## Orte für mehr als Kaffee und Kuchen
Und trotzdem könnte man sagen: Vielleicht ist das Verschwinden solcher Orte
auch eine Chance. Vorausgesetzt, es kommt nicht einfach das Nächste vom
Gleichen. Sondern ein Ort mit gutem Startkapital und freundlichem
Vermieter, der sich ein bisschen mehr trauen kann.
Denn die, die hier seit Langem leben, sind mitunter immer noch da. Sie
haben hier ihre Kinder großgezogen, vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Für
diese Kinder war es damals egal, wo die Eltern ihren Kaffee getrunken
haben. Heute ist das anders. Sie sind selbst erwachsen oder auf dem Weg
dahin und stellen fest, dass sie sich den Kiez, in dem sie leben, nicht
mehr leisten können. Viele bleiben länger zu Hause wohnen, weil sie in der
Stadt bleiben möchten und sich auch dort, wo sie lieber einen Kaffee
trinken gehen würden, kein Zimmer mehr leisten können.
Was fehlt, sind Orte, die mehr können als Kaffee und Kuchen. Cafés mit
angeschlossenem Buch- oder Plattenladen, oder mit Veranstaltungen am Abend
zum Beispiel. Orte, an denen man bleiben kann, ohne ständig etwas
nachbestellen zu müssen. Wo man auch mal kurz lost sein und auf dem Sofa
dämmern darf, ohne dass man sofort höflich rausgekehrt wird. Oder
vielleicht wenigstens Orte, an denen Menschen arbeiten, die ein bisschen
mehr erzählen können als die Tageskarte. Die wissen, wie und warum sie das
machen, was sie da anbieten. Die sich interessieren für das, was sie tun.
Und für die, die reinkommen.
19 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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