# taz.de -- Ausweitung des Achtstundentages: Der SPD ist nicht mehr zu helfen
       
       > Die Sozialdemokraten sind bereit, die größte Errungenschaft der
       > Arbeiterbewegung aufzugeben: den Achtstundentag. Koalitionszwänge?
       > Unglaubwürdig.
       
 (IMG) Bild: SPD aufgepasst: Einen Angriff auf den „ Acht-Stunden-Tag“ lassen sich die Gewerkschaften nicht bieten
       
       Juso-Chef Philipp Türmer mag sich regelmäßig sehr kalkuliert über Dinge
       aufregen, aber hier hat er recht: „Den Achtstundentag zu schleifen, ist
       kein Aufbruchssignal, das ist eine Frechheit.“ Nicht nur das – die
       Koalitionspläne sind auch falsch, unnötig und dürften für die SPD fatal
       werden.
       
       Der Auftritt von Bärbel Bas auf dem DGB-Kongress in der zurückliegenden
       Woche zeigte wieder eindrücklich das Talent der SPD, sich selbst zu
       zerlegen. Die Arbeitsministerin sagte: „Wenn es nach der SPD und auch mir
       persönlich geht, würden wir das Thema Arbeitszeit gar nicht erst anfassen.“
       Und dann: „Aber es steht im Koalitionsvertrag.“
       
       Die SPD-Vorsitzende als beflissene Staatsnotarin, die kleinlich darüber
       wacht, dass die Punkte des Koalitionsvertrags auch ordentlich abgearbeitet
       werden. Ein Koalitionsvertrag ist übrigens rechtlich gesehen kein
       verbindlicher Vertrag, sondern eine politische Absichtserklärung, die
       natürlich im Laufe einer Legislaturperiode geändert werden kann.
       
       ## SPD unterschätzt die Brisanz dieser Entscheidung
       
       Da ist sie wieder, die SPD, die ja eigentlich für die – wie es bei ihr
       immer heißt – hart arbeitenden Menschen da sein will, aber leider, leider
       wegen der vermeintlichen Sachzwänge einer Koalition das Gegenteil machen
       muss.
       
       Investigativjournalistinnen oder Historiker werden sicher irgendwann einmal
       herausfinden, wie es der Punkt, künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit
       statt einer täglichen zu ermöglichen, in den Koalitionsvertrag schaffte.
       Vielleicht waren die SPD-VerhandlerInnen kurz unaufmerksam. Oder Lars
       Klingbeil setzte sich innerparteilich durch. Wir wissen es – noch – nicht.
       
       Jedenfalls hat die SPD die Brisanz komplett unterschätzt. In den
       Gewerkschaften, bei Betriebsräten, im ArbeitnehmerInnenlager überhaupt ist
       die Wut derzeit groß. Warum ist das so? Der Achtstundentag gehört zur DNA
       von ArbeiterInnenbewegung und Gewerkschaften. 1918, kurz nach der
       Novemberrevolution, wurde er durchgesetzt, schon Karl Marx forderte ihn. Er
       machte gerade harte, körperliche Arbeit erträglicher. Wenn jetzt die SPD
       die Axt an den Achtstundentag legt, wäre das ein tiefer Schnitt in den
       Identitätskern ihrer Restklientel.
       
       ## Fremdbestimmte und selbstbestimmte Arbeit
       
       Das Deprimierende ist, dass die Führungsleute der ehemaligen Arbeiterpartei
       SPD den Unterschied zwischen fremdbestimmter und selbstbestimmter Arbeit
       nicht mehr zu kennen scheinen: Eine selbstständige Handwerksmeisterin, die
       abends noch den Bürokram macht, oder der freie Künstler, der gerade im Flow
       ist, denken nicht im Achtstundentakt – und sie können so lange arbeiten,
       wie sie wollen.
       
       Aber die Buchhalterin im Großraum und der Zerspanungsmechaniker in der
       Fabrik verkaufen ihre Arbeitszeit – und sind nach acht Stunden (plus
       häufiger Überstunden) „durch“. Und: Arbeit ist heute zwar gesünder als zu
       Karl Marx’ Zeiten, aber die Arbeitsdichte und damit die Arbeitsbelastung
       sind durch technischen Fortschritt und Digitalisierung immens gestiegen.
       
       Das Absurde an der ganzen Debatte ist, dass Flexibilität schon jetzt
       möglich ist. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt problemlos Zehnstundentage, wenn
       es einen Ausgleich zu einem späteren Zeitpunkt gibt. Will die Koalition
       ernsthaft, dass die Leute elf Stunden und mehr arbeiten?
       
       ## Schwach abgesicherte Beschäftige haben das Nachsehen
       
       Durchschaubar ist das Argument, dass sich Arbeitnehmer mehr Flexibilität
       wünschten – [1][diese Behauptung hat es tatsächlich in den
       Koalitionsvertrag geschafft]. Die Frage ist: Wessen Flexibilität? Natürlich
       werden in Wahrheit damit die Flexibilitätsbedürfnisse des Arbeitgebers
       bedient. Wenn ArbeitnehmerInnen mehr Flexibilität wünschen, [2][wollen sie
       diese selbstbestimmt, also freiwillig].
       
       Sollten die Koalitionspläne durchkommen, wird es ausgerechnet die schwach
       abgesicherten Arbeitenden treffen. Das bedeutet nach dem Mindeststandard
       der EU-Arbeitszeitrichtlinie 48 Stunden pro Woche – im Durchschnitt.
       Diejenigen, für die ein Tarifvertrag gilt, dürften ungefährdet sein, weil
       ihre Arbeitsbedingungen immer von den Gewerkschaften mitverhandelt werden.
       Das alles dürfte die Zweiklassengesellschaft in der Arbeitswelt verstärken
       – und den von der SPD gern beschworenen gesellschaftlichen Zusammenhalt
       weiter zerbröseln.
       
       Wenn die SPD nicht das Ende des Achtstundentags verhindert, dann ist ihr
       wirklich nicht mehr zu helfen. Und dann sollte sie sich nicht wundern,
       warum sie mehr und mehr zur Kleinpartei wird.
       
       17 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf
 (DIR) [2] https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-flexibilitaet-braucht-grenzen-4130.htm
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gunnar Hinck
       
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