# taz.de -- Roman von Kae Tempest: Vom Glück, ein Mann zu sein
       
       > „Ein Leben lang gesucht“ erzählt von einer dysfunktionalen Familie, einer
       > großen Liebe – und dem Gefängnis, das der Körper sein kann.
       
 (IMG) Bild: Musiker und Autor Kae Tempest, der letztmals genderneutrale Pronomen nutzte, bevor er 2025 seine Transition öffentlich machte
       
       Der zweite Roman von Kae Tempest liest sich wie die Chance auf ein neues
       Leben im alten, wie die Geschichte einer Existenz, die auf den zweiten
       Blick doch etwas wert ist. In einer ansteckenden Atemlosigkeit wird von der
       scheinbar zum Leid verdammten Transperson Rothko Taylor erzählt.
       
       Einer Figur, die die Scham schon im Namen trägt. Rothko heißt nur Rothko,
       weil dey als Kind ständig rot wurde. Ob als Anlehnung an [1][die Gemälde
       des US-amerikanischen Malers] oder an die Röte des Horizonts, bleibt offen.
       Aus diesem zugefallenen Namen, diesem ausgespuckten Leben soll im Laufe des
       Romans ein selbstbestimmter Mensch werden.
       
       Schon die ersten Seiten durchdringt die Sehnsucht, der dieser Roman
       unterworfen ist: „Einfach berührt werden. Einfach berührt und gehalten
       werden. Von jemandem, der weiß, wie man einem Körper wie meinem begegnet.“
       Rothko wünscht sich nichts mehr als das, die richtigen Hände für deren
       Körper. Einen Körper, der die Toilettenschilder „Ladies“ und „Gents“ für
       „erschreckend“ hält. Nur eine vermag es, Rothko so zu berühren, wie dey es
       verdient: die schöne Dionne. Doch diese Jugendliebe liegt lang zurück, und
       seitdem ist viel unumkehrbar Fürchterliches passiert.
       
       Was genau, wird der Roman schrittweise erzählen. „Herbst lag in der Luft
       und Rothko begriff, dass dey die ganze Zeit an der Schwelle gewartet hatte.
       Es fühlte sich an wie Tag eins.“ Dieser „Tag eins“ spielt im Oktober 2026.
       An dieser Schwelle ist Rothko 36 Jahre alt und frisch aus dem Gefängnis
       entlassen. Als ob nichts passiert wäre, kehrt dey zurück nach Edgecliff,
       jener fiktiven Kleinstadt an der britischen Küste, in der dey aufgewachsen
       ist: ein raues Pflaster, überladen mit Erinnerungen an Rothkos
       Vergangenheit voller Gewalt und Drogen.
       
       ## Schmerzhafte Erinnerungen
       
       Die Kids auf den Skateboards, die Bänke mit Blick aufs Meer – Edgecliff
       scheint fast wie vor 20 Jahren zu sein, als Rothko zuletzt hier war. Dey
       ist nun clean und entschlossen, neu anzufangen. Mit genug Abstand zu deren
       einst so toxischer Familie, hofft Rothko, die Schwelle in ein
       selbstbestimmtes Leben zu übertreten. Lange bevor Rothko wagt, sich zu
       outen, steht der Transmann Fletcher Rothko zur Seite. Er ist einer der
       queeren Menschen, mit denen zusammen Rothko auf einer Industriebrache
       wohnt.
       
       Während Rothko sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, kreuzen
       schmerzhafte Erinnerungen deren Weg: Da ist die Reihenhaushälfte, in der
       Vater Ezra der Familie ein Zuhause schaffen wollte, aber scheiterte. Da
       sind die Pubs, wo Rothko als Kind nach der suchtkranken Mutter Meg suchte.
       Da ist die Haltlosigkeit, das Mobbing in der Schule, dieser unpassende
       Körper, da sind die „unablässigen inneren Verhandlungen, die nötig waren,
       damit Rothko überhaupt in Gesellschaft anderer existieren konnte“.
       
       Der zweite Teil des Romans springt in Rothkos Jugend. Das Aufwachsen in
       diesem gewalttätigen Elternhaus ist in seiner ausbuchstabierten Härte
       stellenweise quälend zu lesen. Brutal realistisch zeichnet Tempest das
       Porträt einer Familie, die keinen Ausweg aus generationenübergreifenden
       Traumata und toxischen Beziehungsdynamiken zu finden scheint.
       
       Die Figuren werden in ihrer Tragik durchpsychologisiert, sodass einem nicht
       viel Raum zum Ausmalen bleibt. Man könnte meinen, es ginge nicht schlimmer,
       da ereilt Rothko schon das nächste Übel. Lediglich die Beziehung zu Dionne
       widersetzt sich dem Fatalismus und lässt Hoffnung aufkeimen. Hier zeigt
       sich: Dieser Roman ist eine Gratwanderung zwischen vernichtender Dunkelheit
       und aufblitzendem Licht.
       
       ## Melodisch und rhythmisch wie im Rap
       
       Die Sexszenen entfesseln eine sprachliche Zärtlichkeit, die mit dem sonst
       harten Ton einer sozialrealistischen Milieustudie bricht. Lyrisch-kunstvoll
       hangelt sich Tempest von Zeile zu Zeile, verbindet Sprachmelodie und
       Rhythmus wie im Rap; [2][dem Feld, auf dem er sich als Musiker betätigt.]
       
       Fragt man sich zu Beginn noch, wieso der Roman nicht chronologisch erzählt,
       erübrigt sich diese Frage in der Schichtung der verschiedenen Zeitebenen.
       Spätestens im dritten Teil „Heute“ offenbart das kluge Arrangement die
       Zusammenhänge zwischen dem Leid, das Rothkos Geschichte vorausging, und
       dem, das sie weiterträgt. Rothkos Transition ist keine lineare Erzählung,
       sondern ein komplexer, tiefschürfender Prozess: Wir können den Schmerz
       andauernd spüren, den ein Körper aushalten muss, nur um er selbst sein zu
       können.
       
       Die Pronomen übertragen den Schmerz des Existierens beziehungsweise
       Nicht-existieren-Dürfens in die Sprache: Über weite Strecken des Romans
       werden nur genderneutrale Pronomen verwendet. „Dey“, „demm“ und „deren“
       lesen sich wie das einzige Instrument zur Selbstermächtigung, das in der
       Verrohung von Rothkos Welt noch bleibt.
       
       Es schmerzt, wenn Rothkos Vater sein Kind nur als Mädchen sieht und auch
       die auktoriale Erzählhaltung zu weiblichen Pronomen wechselt. Umso größer
       ist die Euphorie, als Rothko es zum ersten Mal ausspricht: „Ich bin ein
       Mann“, und fortan männliche Pronomen genutzt werden. „Es war so neu. Er
       fürchtete, die Schale zu früh zerschlagen und diesem Ding den Garaus
       gemacht zu haben, noch bevor es überhaupt geschlüpft war.“ In fragilen
       Glücksmomenten wie diesem verzaubert der Roman. Trotz – oder wegen – der
       Fülle an Gewalterfahrungen ist „Ein Leben lang gesucht“ ein kraftvoller wie
       zärtlicher Befreiungsschlag.
       
       16 Apr 2026
       
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